Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Abschwungsorgen: Zentralbank verzichtet auf Zinserhöhung - vorerst

Im Moment lässt die Europäische Zentralbank die Zinsen noch stabil, doch das könnte sich bald ändern: Wegen der hohen Inflation deutet Chefbanker Trichet eine Erhöhung an. In den USA geht die Entwicklung in die andere Richtung - Fed-Chef Bernanke spricht offen von Zinssenkungen.

Frankfurt – Die Drohung stand ganz unverhohlen im Raum. Sollten die jüngsten Preisschübe bei Energie und Lebensmitteln in überzogene Tarifabschlüsse münden, könnte die Zentralbank reagieren. Dann nämlich werde eine Spirale aus höheren Preisen und Löhnen in Gang gesetzt, warnte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und drohte: "Wir werden nicht dulden, dass dies eintritt." Im Klartext: Steigen die Löhne zu stark, erhöht die Notenbank noch in diesem Jahr die Zinsen. Vorerst beließen Europas oberste Banker den Leitzins jedoch wie erwartet bei vier Prozent.

EZB-Präsident Trichet: Vorerst keine Zinserhöhung
DDP

EZB-Präsident Trichet: Vorerst keine Zinserhöhung

Angesichts gestiegener Konjunkturrisiken durch Finanzkrise, hohe Ölpreise und starkem Euro verzichtete die EZB darauf, auch noch die Kreditkosten zu erhöhen. Dadurch würden Darlehen für Unternehmen und Verbraucher teurer, was Investitionen und den privaten Konsum belasten könnte. Andererseits könnten niedrigere Zinsen die Inflation anheizen, weil so Kredite günstiger werden und die Kaufkraft steigt. Die Zentralbanker entschieden sich daher gegen eine Zinserhöhung, gegen eine Zinssenkung – und für den goldenen Mittelweg. Alles bleibt also beim Alten.

Endgültig ausschließen wollte der EZB-Präsident eine Zinserhöhung jedoch nicht. Mit zu viel Misstrauen blickt die Notenbank auf die anstehenden Lohnrunden in Deutschland. Nach Jahren der Lohnzurückhaltung fordern die Gewerkschaften hierzulande bis zu acht Prozent mehr – etwa für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst und in der Stahlindustrie. Auch in anderen Ländern werden kräftige Aufschläge verlangt, denn auch dort sind die Lebenshaltungskosten deutlich angestiegen. "Wir beobachten die Tarifverhandlungen mit besonderer Aufmerksamkeit", sagte Trichet. "Jede Ankoppelung der Löhne an die Preisentwicklung sollte ausgeschlossen bleiben."

Trüber Ausblick in den USA

Für die Experten der Postbank sind solche Aussagen ein deutliches Signal dafür, dass die EZB sich zumindest an eine Zinserhöhung herantastet. Zwar habe die Notenbank die Konjunkturrisiken betont. Andererseits seien aber auch die Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität noch intensiver hervorgehoben worden, heißt es in einer heute veröffentlichten Studie des Bankhauses. Daher dürfte die EZB mit der nächsten Leitzinserhöhung warten, bis sich die konjunkturellen Nebel etwas gelichtet hätten. Die Postbank-Analysten rechnen damit, dass die Zinsen bereits im zweiten Quartal des Jahres angehoben werden könnten. Im Jahresverlauf könnten die Zinsen sogar auf 4,50 Prozent angehoben werden.

Eine genau andere Tendenz lässt die US-Notenbank Fed erkennen: Sie deutet Zinssenkungen an. Der Grund: ein trüberer Ausblick für die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr. "Angesichts der jüngsten Änderungen im Ausblick und der Risiken für das Wachstum könnte eine zusätzliche Lockerung der Politik nötig sein", sagte Fed-Chef Ben Bernanke. Der Euro-Kurs sprang nach der Ankündigung über 1,48 Dollar.

Manche Finanzexperten prognostizieren allerdings auch in Europa bis zum Jahresende niedrigere Zinsen. Wegen der Konjunkturabschwächung rechne er in der zweiten Jahreshälfte mit einer Zinssenkung im Euroraum, sagte Commerzbank-Analyst Michael Schubert. Ähnlich sieht es Stephan Rieke von der BHF-Bank. Aufgrund der Risiken für die Konjunktur werde die Notenbank die Zinsen senken, sobald der Preisdruck nachlasse. Die Frankfurter Geldpolitiker würden damit dem Vorbild ihrer angelsächsischen Kollegen folgen. Die US-Notenbank wird Ende Januar ihren Leitzins voraussichtlich zum vierten Mal seit Beginn der Immobilienkrise im Sommer senken, um ein Abgleiten in die Rezession zu vermeiden.

Frisches Geld für klamme Banken

Im Dezember verharrte die Teuerungsrate im Euro-Raum mit 3,1 Prozent auf dem höchsten Stand seit Mai 2001. Die EZB sagt für dieses Jahr einen allmählich nachlassenden Preisdruck voraus. Kurzfristige Inflationsrisiken – insbesondere Zweitrundeneffekte infolge hoher Preis- und Lohnsteigerungen – werde die Notenbank jedoch bekämpfen.

Wegen der anhaltenden Unsicherheiten am Geldmarkt kündigte Trichet weitere Finanzspritzen für Geschäftsbanken an: Am 17. Januar werde die EZB zehn Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Seit Ausbruch der Finanzmarktkrise im vergangenen Sommer hatten Notenbanken weltweit mehrfach Milliarden zur Verfügung gestellt. Infolge der US-Immobilienkrise leihen sich Banken untereinander nicht mehr im sonst üblichen Maße Geld aus, so dass es am Geldmarkt Engpässe gibt.

Ausgestanden ist die Finanzmarktkrise nach Ansicht von Trichet noch nicht. Es sei auch "falsch zu glauben, die Dinge würden sich in Luft auslösen", sobald die Bilanzen der Banken für das Jahr 2007 vorlägen.

tob/dpa-AFX/AP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: