Abwanderungs-Studie Es geht um zwei Millionen Jobs

Fernseher-Produzenten, Kühlschrank-Hersteller, Möbel-Bauer - die Abwanderung der Industrie aus Deutschland steht erst am Anfang. Bis zu zwei Millionen Arbeitsplätze könnten davon nach Einschätzung der Unternehmensberatung Boston Consulting betroffen sein. Allerdings bedeutet das noch nicht zwangsläufig den Abstieg in die zweite Liga.

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Aluminiumräder auf der "Automechanika" in Frankfurt: Standardisierbar, leicht zu transportieren und terminunkritisch
DDP

Aluminiumräder auf der "Automechanika" in Frankfurt: Standardisierbar, leicht zu transportieren und terminunkritisch

Berlin - Viel Hoffnung machte Peter Strüven den Industriearbeitern nicht. "Der Trend zur Verlagerung von Fertigungskapazitäten in Niedriglohnländer steht noch am Anfang", sagt der Geschäftsführer der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in Berlin. Bis 2015 könnten dadurch rund zwei Millionen Industriearbeitsplätze wegfallen - immerhin ein Viertel aller Stellen in den betreffenden Branchen.

Im Auftrag des Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF hat der Unternehmensberater untersucht, wie sich die deutsche Industrielandschaft in den kommenden Jahren durch Standortverlagerungen verändern wird. Der Tenor ist eindeutig: "Aufhalten können wir den Trend nicht, wir können ihn höchstens ein wenig verlangsamen."

Die von Strüven und seinem Mitautor, Ralf Spettmann zusammengetragenen Zahlen geben tatsächlich Anlass zur Sorge. Der Studie zufolge haben sich die Importe von Industrieprodukten aus Osteuropa und Asien in den sechs Jahren zwischen 1997 und 2003 auf sechs Prozent verdoppelt. Importe aus Osteuropa ersetzten dabei zunehmend die aus anderen Ländern der EU, China machte den Produzenten aus Japan und Taiwan Konkurrenz und sorge gleichzeitig weltweit für neuen Kostendruck.

Bei Umfang und Tempo der Verlagerung sind die einzelnen Industriezweige recht unterschiedlich betroffen. "Am stärksten ist der Trend bei weitgehend standardisierbaren Produkten, die hohen Montageaufwand erfordern und gut zu transportieren sind", sagte Spettmann. Fernseher zählten genauso dazu wie Schuhe.

Geringer sei das Risiko dagegen für Produkte, die zu einem genau definierten Zeitpunkt geliefert werden müssten, etwa Autositze. Das gleiche gelte für Dinge, die riskant oder nur mit großem Aufwand zu transportieren seien. Hier zehrten die hohen Logistikkosten den Kostenvorteil schnell wieder auf. Bei Lebensmitteln oder in der Baustoffbranche sei die Gefahr einer Abwanderung dagegen eher gering, weil die Produkte sehr stark auf die örtlichen Märkte ausgerichtet seien.

Angesichts des hohen Risikos von weiteren Arbeitsplatzverlusten sei es umso erstaunlicher, dass die Öffentlichkeit kaum Notiz davon nehme. "Nur eine Minderheit verfolgt die Entwicklung aufmerksam", referierte Renate Köcher, Leiterin des Marktforschungsinstituts Allensbach, das sich an der Studie beteiligte. Zwar registrieren 64 Prozent der Deutschen die Abwanderung einer großen Zahl von Unternehmen und 62 Prozent erwarteten, dass die Abwanderung noch zunimmt. Gleichzeitig sehen aber nur 40 Prozent den Standort Deutschland dadurch ernsthaft in Gefahr. "Die überwältigende Mehrheit interessiert dieses Thema nur begrenzt", sagte Köcher.

Dennoch wollen die Autoren die Studie nicht als destruktives Alarmsignal verstanden wissen, einer Art Aufruf zum "Rette sich, wer kann". Im Gegenteil: Reformen und eine Hinwendung zu mehr Flexibilität und Zukunftsglauben könnten den Trend immerhin verlangsamen und so wertvolle Zeit für die notwendigen Strukturveränderungen schaffen. Alle politischen Lager, Unternehmen und Gewerkschaften seien gleichermaßen aufgerufen, sich an diesem Veränderungsprozess zu beteiligen. Dem Sektor Bildung müsse in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit zukommen.

Der bereits eingeschlagene Reformkurs der Regierung sei in diesem Zusammenhang der richtige Weg, sagte Strüven. "Allen muss jedoch klar sein, dass dies erst der Anfang ist. Mit anderen Industrienationen sind wir damit allenfalls gleichgezogen." Dabei müsse sich die Öffentlichkeit auch klar darüber werden, dass einzelne Reformen wenig ausrichten könnten. Vielmehr sei es die Summe der Maßnahmen, die erst den Erfolg versprechen. Dass die Zukunft nicht hoffnungslos sei, belege das Beispiel USA. Dort seien in der Vergangenheit viele Industriearbeitsplätze durch solche im Dienstleistungssektor ersetzt worden.

Natürlich sei auf Dauer auch ein Niedriglohnsektor notwendig, um Beschäftigung bei lokalen Dienstleister zu schaffen, sagte Strüven. Von einer flächendeckenden Lohnsenkung verspricht sich der Unternehmensberater jedoch nichts. Die Abwanderung von Teilen der Autozulieferer und der Elektronikindustrie lasse sich auf diese Weise nicht aufhalten. In einzelnen Branchen könnte dagegen Disziplin bei künftigen Lohnrunden sehr wohl hilfreich sein. Ohnehin lasse sich bei diesem Thema nichts über einen Kamm scheren. Nur dezentrale Vereinbarungen ohne das Diktat von Einheitstarifverträgen könnten die Zukunft sichern.



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