Suezkanal in Ägypten Sisis 7,5-Milliarden-Euro-Wette 

Nur ein Jahr haben die Bauarbeiten gedauert, 7,5 Milliarden Euro hat das Projekt gekostet: Ägyptens Staatschef Sisi feiert den Ausbau des Suezkanals. Doch Experten zweifeln an den optimistischen Wachstumsprognosen.

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Dieser Donnerstag wird für Ägyptens Staatschef Abdel Fattah el-Sisi der wichtigste Tag, seitdem er vor zwei Jahren den damaligen Präsidenten Mohammed Mursi stürzte. Ägypten eröffnet den Neuen Suezkanal: eine 35 Kilometer lange zweite Fahrrinne, die das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet.

Damit ist der Suezkanal künftig auf 115 von 193 Kilometern in beide Richtungen befahrbar. Nach Angaben der Kanalgesellschaft soll sich die Zeit, die Schiffe für die Passage benötigen, von 18 Stunden auf elf Stunden verkürzen.

Ägypten feiert die Eröffnung mit einem riesigen Fest: Es gibt Feuerwerke und Militärparaden, am Kanal wird Giuseppe Verdis Oper "Aida" aufgeführt. Unter den 5000 Gästen sollen Regierungsvertreter aus aller Welt sein - von Frankreichs Präsident François Hollande bis zu Kim Yong Nam, der als Nummer zwei hinter Nordkoreas Diktator Kim Jong Un gilt. Ägyptens Regierung hat den Donnerstag zum landesweiten Feiertag erklärt und außerdem verfügt, dass der Bau des Neuen Suezkanals in allen Moscheen im Mittelpunkt der Freitagspredigt steht. Außerdem dürfen alle Ägypter am Donnerstag kostenlos Zug fahren.

Damit auch die Welt von Sisis Meisterstück erfährt, hat die Regierung weltweit Anzeigen schalten lassen und eine Werbekampagne gestartet, mit dem Slogan: "Ägyptens Geschenk an die Welt". Und dieses Geschenk hat sich das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt einiges kosten lassen.

Experten zweifeln an Kairos Prognosen

Die Bauarbeiten haben 64 Milliarden Ägyptische Pfund verschlungen, das sind umgerechnet knapp 7,5 Milliarden Euro. 88 Prozent dieser Ausgaben trugen ägyptische Privatleute. Sie kauften Zertifikate, die mit zwölf Prozent verzinst werden. Innerhalb weniger Tage waren die Zertifikate vergriffen, Ägyptens Staatsmedien hatten den Kauf quasi zur patriotischen Pflicht erklärt.

Ursprünglich waren drei Jahre für die Bauarbeiten veranschlagt worden. Doch dann sprach Präsident Sisi im vergangenen Jahr ein Machtwort und ordnete die Beschleunigung des Projekts an. Zwölf Monate später wird der Neue Suezkanal nun eröffnet. In den kommenden Jahren sollen weitere Häfen und Industrieparks folgen.

Die staatliche Kanalgesellschaft geht davon aus, dass 2023 im Schnitt 97 Schiffe pro Tag den Kanal durchqueren werden. Die jährlichen Einnahmen sollen dadurch auf knapp zwölf Milliarden Euro steigen. Zum Vergleich: 2014 lagen sie bei rund fünf Milliarden Euro.

Experten zweifeln allerdings an den vorhergesagten Zuwachsraten. "Die Prognosen der Regierung scheinen auf unwahrscheinlich optimistischen Annahmen bezüglich der Entwicklung des Welthandels zu basieren", urteilte das Wirtschaftsforschungsunternehmen Capital Economics. Der Welthandel müsse jährlich um neun Prozent wachsen, damit der Verkehr auf dem Suezkanal so stark zulege, wie von Kairo vorhergesagt. Derzeit wächst der weltweite Handel pro Jahr aber nur um drei Prozent. Eine derartige Steigerung sei "gelinde gesagt unwahrscheinlich", so Capital Economics.

Der IS könnte die Sicherheit des Kanals bedrohen

Im vergangenen Jahr passierten im Schnitt täglich 47 Schiffe den Kanal, vor Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 waren es noch 59 Schiffe. Ägyptens Investition ist also eine Wette auf die Zukunft - und die Entwicklung der Weltwirtschaft.

Die größte Reederei der Welt hat den Ausbau ausdrücklich begrüßt: "Das Projekt war notwendig, um die Attraktivität des Kanals zu erhalten", sagte Michael Storgaard, Sprecher der Containerschiff-Reederei Maersk Line, dem Wirtschaftsdienst "Bloomberg". Doch auch Maersk wisse noch nicht, ob man künftig mehr Schiffe durch den Suezkanal schicken werde.

Das dürfte auch von der Entwicklung der Sicherheitslage in der Region abhängen. Und die gibt Anlass zur Sorge: Auf der Sinai-Halbinsel, die an das östliche Ufer des Suezkanals grenzt, hat sich im vergangenen Jahr ein Ableger der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) festgesetzt.

Noch sind die Dschihadisten im Norden des Sinai aktiv, einige Hundert Kilometer vom Kanal entfernt. Doch der IS in Ägypten wird immer stärker, fast täglich greift er Militär- und Polizeiposten an. Wenn die Terrorgruppe militärisch in die Lage kommt, wird sie kaum zögern, den Kanal und damit die wichtigste Einnahmequelle des verhassten ägyptischen Staates anzugreifen.


Zusammengefasst: Am Donnerstag wird in Ägypten eine zweite Fahrrinne für den Suezkanal eröffnet. Der Ausbau ist ein Prestigeprojekt von Staatschef Sisi. Doch Experten zweifeln daran, dass der Verkehr auf dem Kanal in den kommenden Jahren signifikant zunimmt. Zudem könnte der IS die Sicherheit am Kanal bedrohen.



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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
muttisbester 05.08.2015
1. Gutes Investment !
Hoffentlich waren es ägyptische Arbeiter, die den Kanal gegraben haben, damit wenigstens das Geld im Land bleibt. Der Kanal wird sich rechnen. Früher oder später. Afrika und Asien stehen doch erst am Anfang eines Booms. In 50 Jahren sollten viele Staaten aus der Region ihren Wohlstand vervielfachen. Also, weiter so!
druck_im_topf 05.08.2015
2. Nordpassagen
Bleibt noch zu erwähnen, dass auch die Passagen durch das Polarmeer an Bedeutung gewinnen werden. Was bisher noch nicht durch die Presse gegangen ist: die Nordostpassage ist seit einigen Tagen bereits offen. So wie es aussieht, wird sich dieses Jahr wohlmöglich auch die Nordwestpassage öffnen. Hier der Link zum Meereseisportal der Universität Bremen: http://www.meereisportal.de/fileadmin/user_upload/redakteur/sea_ice_latest/ice_conc_last_n.png ... MfG
friggebrisse 05.08.2015
3. Das kriegt man also ...
... fuer 1,5% der Summe, die die EU in andere Randstaaten des Mittelmeeres investiert hat. Interessant ...
noalk 05.08.2015
4. Welthandel?
Nicht die Entwicklung des Welthandels sollte hier relevant sein, sondern wohl eher die des Handels zwischen Europa und Asien/Ozeanien. Was die Bedrohung durch den IS angeht: Ich halte Ägypten derzeit für den einzigen "demokratistischen" arabischen Staat, der fähig ist, den IS militärisch (wie auch sonst?) in Schach zu halten.
sponner_hoch2 05.08.2015
5.
Zitat von muttisbesterHoffentlich waren es ägyptische Arbeiter, die den Kanal gegraben haben, damit wenigstens das Geld im Land bleibt. Der Kanal wird sich rechnen. Früher oder später. Afrika und Asien stehen doch erst am Anfang eines Booms. In 50 Jahren sollten viele Staaten aus der Region ihren Wohlstand vervielfachen. Also, weiter so!
Asiatische Produkte werden aber kaum durch den Suez-Kanal geschippert werden, um sie im asiatischen Boom in Asien zu verkaufen ;-). Und auch was Afrika betrifft (wo ich allerdings einen Boom bezweifele, da geht's ja eher wieder bergab), würden maximal die für Nordafrika bestimmten Produkte da durchgehen, der Rest wird dann eher an Häfen an der Ost- und Westküste gelöscht werden.
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