Ärger in der Atombranche E.on-Chef knöpft sich Vattenfall vor

Kollegen-Schelte für Vattenfall: Nach den Atom-Pannen in Krümmel und Brunsbüttel geht die Atombranche auf Distanz, E.on-Chef Bernotat findet die Vorfälle "sehr ärgerlich". Der Rüffel kommt nicht ohne Grund - denn E.on will neue Kernkraftwerke bauen, wenn möglich auch in Deutschland.


Düsseldorf/Berlin - Der Mann weiß, wovon er spricht: Wulf Bernotat ist Vorstandschef des größten deutschen Energiekonzerns E.on Chart zeigen, mit dem Betreiben von Kernkraftwerken kennt er sich aus. Umso schwerer wiegen die Vorwürfe, die er in Richtung Vattenfall erhebt. Die Vorfälle in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel seien "sehr ärgerlich, weil sie ein generell falsches Licht auf die Kernkraft werfen", sagte Bernotat dem "stern". Der mächtigste Strommanager Deutschlands verlangte eine lückenlose Aufklärung der Vorkommnisse. Dazu sei man mit Vattenfall in "sehr intensiven und auch sehr ernsten Gesprächen".

E.on-Chef Bernotat: Nachdenken über neue Kraftwerke
DPA

E.on-Chef Bernotat: Nachdenken über neue Kraftwerke

Vor allem die Kommunikationspolitik von Vattenfall war in den vergangenen Wochen in die Kritik geraten. So hat das Unternehmen trotz der Pannen in Krümmel und Brunsbüttel der Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthalten, entscheidende Details wurden erst peu à peu bekannt. E.on rate "dringend zu schneller, klarer und offener Kommunikation", sagte Bernotat. Nach allem, was er bisher wisse, habe aber zu keiner Zeit ein ernsthaftes Sicherheitsrisiko bestanden, betonte er. E.on ist Miteigentümer der beiden Atommeiler, die aber ausschließlich von Vattenfall betrieben werden.

Generell hält Bernotat die Kernkraft trotz der Pannen für eine Energie mit Zukunft. Erneut warb er für eine Verlängerung der Atom-Laufzeiten. "Kernkraft ist CO2-frei." Mit ihr könne man die Zeit überbrücken, bis die regenerativen Energien wirtschaftlich seien und es nur noch klimafreundliche Kohlekraftwerke gebe.

Die Atomkraftwerksbetreiber in Deutschland drängen auf eine Abkehr von dem im Jahr 2000 mit der Bundesregierung vereinbarten Ausstieg aus der Atomenergie. Sie verweisen darauf, dass ohne die 17 Atomkraftwerke die Energieabhängigkeit vom Ausland stark wachsen würde und zudem die von der Bundesregierung geplanten Klimaschutzziele nicht zu erfüllen seien.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will hingegen nach der Sommerpause mit allen Betreibern über sein Ziel reden, Restlaufzeiten von alten auf neue Meiler zu übertragen. Die ältesten, besonders pannenanfälligen Kraftwerke könnten dann möglichst bald abgeschaltet werden. In der Stromwirtschaft stößt dies jedoch auf Widerstand. Bernotat warf der Bundesregierung vor, den "Einstieg in eine ökologische Planwirtschaft" zu verfolgen.

Nach eigenen Angaben prüft E.on derzeit den Neubau von Atomkraftwerken in England und Finnland. Sogar den Bau neuer Atomkraftwerke in Deutschland schloss Bernotat nicht aus. "Wenn die Akzeptanz weiter steigen würde, könnte man sicher darüber nachdenken, auch neue Kraftwerke zu bauen." Derzeit sehe er dies aber noch nicht.

Kritik an Vattenfall kam heute auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Informationspolitik des Konzerns sei "nicht akzeptabel". Allerdings halte sie die friedliche Nutzung der Kernenergie auch nach den Störfällen in Brunsbüttel und Krümmel weiterhin für vertretbar, sagte die Kanzlerin. Deutschland habe im Grundsatz hohe Standards beim Betrieb von Atomkraftwerken. Es müsse jedoch sichergestellt werden, dass Regeln und Kontrollmechanismen auch funktionierten.

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte im ZDF-"Morgenmagazin", Vattenfall habe "offensichtlich Fehler gemacht" und sich bei der Aufklärung der Vorfälle "nicht sehr geschickt verhalten". Aus dem Aufklärungsbericht müssten daher Konsequenzen gezogen werden.

Zugleich sprach sich Glos gegen eine Verkürzung der Laufzeiten der deutschen Atommeiler aus - und widersprach damit seinem Kabinettskollegen Gabriel. Kernkraft sei eine Technik, mit der sich Kohlendioxid-Emissionen vermeiden ließen. Deshalb müsse sie so lange genutzt werden, "wie es sicher ist".

wal/Reuters/dpa/dpa-AFX/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.