Von Matthias Streitz
An diesem Freitag um halb sechs ist Dr. Eva S. wieder zur Arbeit nach England aufgebrochen. Sie hat sich ins Auto gesetzt, ihre Bonner Praxis hinter sich gelassen und in Köln-Bonn einen Billigjet bestiegen.
Sechs Stunden und einmal Umsteigen später schwebt Eva S. in Newcastle ein, nah an der Grenze zu Schottland. Hier wird sie die nächsten drei Tage in einer Ambulanz aushelfen, Kinder mit Bronchitis behandeln oder Schwangere mit Infekten. Oft macht sie den ersten Dienst von 18 Uhr bis Mitternacht, arbeitet am Samstag ab acht Uhr morgens - und schiebt eine dritte Schicht tags darauf. Am späten Montag oder am Dienstag kümmert sie sich wieder um ihre Patienten in Bonn.
Ein langes Wochenende als Gastarbeiterin ist dann zu Ende.
Das Phänomen ist noch jung - ihren ersten Auswärtsdienst machte Eva S. dieses Jahr über Ostern. Die englische Presse aber hat schon einen Namen für medizinische Helfer wie sie gefunden: "flying doctors". In Norfolk und Hampshire, in Luton oder Liverpool - immer wieder kommt es vor, dass Ausländer für ein paar Tage einspringen, wo heimische Mediziner fehlen. "Fünf Ärzte für Versorgung eingeflogen" - so oder ähnlich lauten Schlagzeilen, die dieser Tage in der "Daily Mail" erscheinen, im "Telegraph" und in Lokalblättern.
"60, 70 deutsche Ärzte in unserer Kartei registriert"
Ein bedeutender Teil der Aushilfsdoktoren stammt aus Deutschland; fast alle betreiben wochentags weiter die eigene Privat- oder Kassenpraxis. Bei Stundentarifen von 45 Pfund und mehr ist das Gastspiel im Königreich für viele verlockend - selbst wenn sie, wie Eva S., die Flugtickets aus eigener Kasse bezahlen. Die Ärzte bevorzugen Discount-Airlines wie Ryanair oder Germanwings, fliegen ab Baden-Baden, Hahn oder Basel.
"Inzwischen haben wir 60, 70 deutsche Ärzte in unserer Kartei registriert", sagt Dr. Winfried Brenneis. Er selbst hat in Heidelberg Medizin studiert, kam vor sechs Jahren nach Cambridge und hat dort mit einer Partnerin eine Agentur gegründet. Die nennt sich Medical Transfer Services (MTS) und spezialisiert sich darauf, Ärzte in Deutschland anzuwerben, mit den nötigen Papieren auszustatten und in England unterzubringen.

Hausbesuch bei englischem Grippepatienten: "Die Ausstattung kann aus unserer Sicht ärmlich erscheinen"
Anfang des Jahres suchte Brenneis noch per Annonce im "Ärzteblatt" nach Pendlern mit Doktortitel - das ist nun nicht mehr nötig. Die Resonanz war so groß, dass MTS sie noch gerade bewältigt. "Dieses Geschäft ist ein Selbstläufer geworden und viel größer, als wir anfangs dachten", wundert sich Brenneis über den eigenen Erfolg. Wie MTS, sagt er, kümmerten sich inzwischen 160 kleine und große Agenturen in England um die "Beschaffung von Ärzten". Sie suchen mal in der Grafschaft nebenan, mal in Spanien - und neuerdings im Osten Europas.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH