Ärztestreik "Die Schmerzgrenze ist längst erreicht"

Ungeachtet der gravierenden Folgen lassen die Klinik-Ärzte und ihre Arbeitgeber den Tarifkonflikt weiter eskalieren. Nach außen hin argumentieren beide Seiten mit dem Wohl der Patienten. Die jedoch geraten zunehmend in Bedrängnis.


Berlin - Die Bilanz ist erschreckend. Bereits vor der Ausweitung der Ärztestreiks an diesem Montag sind Tausende Operationen an Unikliniken verschoben worden. Die betroffenen Krankenhäuser rechnen mit einer Verschärfung der Situation. Vielfach werden nur noch Notfallpatienten und besonders schwere Fälle behandelt, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa heute ergab.

Ärztedemo in Jena: Hälfte aller Operationen verschoben
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Ärztedemo in Jena: Hälfte aller Operationen verschoben

"Bislang sind im Uniklinikum Essen mehr als 2000 Operationen ausgefallen", sagte Sprecherin Kristina Gronwald. Viele Patienten warten derzeit zu Hause auf einen OP-Termin. An der Uniklinik Würzburg wurde zeitweise rund die Hälfte aller geplanten Operationen verschoben, sagte der Ärztliche Direktor Christoph Reiners. Manche Patienten mussten bereits mehrere Male vertröstet werden. "Das ist eine enorme psychische Belastung für die Betroffenen."

Die Ausweitung des Streiks sei nicht nur finanziell, sondern auch für die Versorgung der Kranken "eine einzige Katastrophe", klagte die kaufmännische Direktorin der Uniklinik Heidelberg, Irmtraut Gürkan. Bisher seien rund 700 Operationen verschoben worden. Seit Freitag sei zudem eine chirurgische Abteilung mit 22 Betten komplett geschlossen.

"Deutliche Einschränkungen" beklagt auch der Sprecher der Medizinischen Hochschule Hannover. "Die Schmerzgrenze ist längst erreicht", sagte er. Seit Beginn der Streiks seien an der MHH rund 50 Operationen verschoben worden.

Ärzte in der Defensive

Die Zahlen geben die Klinikdirektoren bereitwillig preis, denn sie bringen die Ärzte in die Defensive. Auf dem Rücken der Patienten um mehr Lohn zu kämpfen, macht sich nicht gut in der Öffentlichkeit.

Marburger-Bund-Chef Frank Ulrich Montgomery weist jedoch jede Kritik in dieser Richtung vehement zurück. Die Schuld für das Scheitern des Spitzengesprächs wies er dem vorsitzenden der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), Hartmut Möllring zu. "Die Bauernschläue von Herrn Möllring muss man mit einer beispiellosen Streikwelle beantworten", erklärte Montgomery.

Insgesamt sind an den kommenden Tagen Ärzte an 25 Universitätskliniken und 14 psychiatrischen Landeskrankenhäusern zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Die Verschärfung der Streiks sei die direkte Antwort auf das bisherige Angebot der Arbeitgeber, erklärte der Montgomery. Der TdL-Chef und niedersächsische Finanzminister Möllring hatte zuletzt eine Gehaltserhöhung von 16 Prozent angeboten. Nach Berechnungen der Ärztegewerkschaft entspricht dies jedoch wegen der gleichzeitigen Erhöhung der Arbeitszeit und einem Wegfall des Weihnachtsgeldes einem Plus von lediglich einem Prozent. Ein neues Angebot will Möllring vorerst nicht vorlegen.

Antwort auf Angebot der Arbeitgeber

Montgomery betonte, die TdL-Offerte sei insbesondere für die Ärzte in den neuen Ländern eine Kampfansage. Während die TdL im Westen eine Erhöhung der Grundvergütung um bis zu 500 Euro vorgeschlagen habe, sollten sich die Ärzte im Osten demnach mit nur 100 Euro mehr im Monat zufrieden geben. Ziehe man die Streichung des Weihnachts- und Urlaubsgeldes sowie die Erhöhung der Wochenarbeitszeit ab, bleibe zum Schluss sogar eine Einkommenskürzung, sagte Montgomery.

Wie die Gesamtbilanz am Ende der Tarifauseinandersetzung aussehen wird, ist derzeit noch völlig offen. Tatsache ist jedoch, dass der Ausstand die Kliniken bereits jetzt eine Menge Geld kostet.

Das Universitätsklinikum Essen habe bislang durch Streiks rund 13 Millionen Euro Verlust gemacht, sagte Sprecherin Gronwald. Grund seien die parallelen Streiks der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di und des Marburger Bunds. Die Uniklinik Düsseldorf habe vorübergehende Liquiditätsprobleme mit einem kurzfristigen Kredit im sechsstelligen Bereich ausgleichen müssen, da zudem durch den parallel laufenden Streik des nicht-medizinischen Personals Rechnungen nicht pünktlich geschrieben würden, sagte eine Sprecherin.

Verluste in Millionenhöhe

An der Universitätsklinik Köln sind durch die Streiks der Ärzte bislang zwei Millionen Euro Verlust angefallen. Ein Sprecher des Göttinger Universitätsklinikums bezifferte die Einnahmeausfälle auf bislang rund sechs Millionen Euro.

Der kaufmännische Direktor der Uniklinik Tübingen, Rüdiger Strehl, geht von bisherigen Einnahmeverlusten von rund drei Millionen Euro aus. Dass Streiks und Einnahmeverluste zu Personalabbau führen können, schloss Strehl nicht aus.

Auch an der Uniklinik Magdeburg rechnet man mit Verlusten in Millionenhöhe. Dem Mainzer Uniklinikum hat der vor fast zwei Monaten begonnene Arbeitskampf nach eigenen Angaben bereits Erlösausfälle von rund 3,6 Millionen Euro beschert. Die Uniklinik Leipzig beziffert den wirtschaftlichen Schaden je Streiktag auf rund 100.000 Euro. Die Universitätsklinik Dresden habe bisher keine finanziellen Verluste zu verzeichnen, sagte ein Sprecher. Die Folgen eines einwöchigen Streiks seien aber nicht abzuschätzen.

mik/dpa/afp/AP



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