Ärztestreik Uni-Kliniken fürchten um ihre Existenz

Die Wut ist ungebremst: In 23 Städten gingen Ärzte heute auf die Straße, ein Ende ihres wochenlangen Streiks ist nicht abzusehen. Viele Krankenhäuser schlagen inzwischen panisch Alarm: Vor allem Uni-Kliniken sehen sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Die Schäden gehen in die Millionen.


Düsseldorf - Die Düsseldorfer Uni-Klinik versuchte es mit einem Appell an die Mitarbeiter: "Der Streik bedroht immer stärker die wirtschaftliche Existenz unseres Klinikums", heißt es in einem Brief, den die Beschäftigten jetzt erhalten haben. Auf den Fluren und in den Operationssälen ist längst zu sehen, wie hart der Streik das Krankenhaus trifft: Um mehr als 30 Prozent ist die Patientenzahl eingebrochen, ganze Stationen sind verwaist.

Ärzteprotest in Ulm: "Ganz neue Patientenpfade"
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Ärzteprotest in Ulm: "Ganz neue Patientenpfade"

Die Zahl der Operationen ist sogar um 41 Prozent zurückgegangen - weil der Patienten-Transport bestreikt wird und keimfreies Besteck für die Eingriffe fehlt. 500 nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter kämpfen in dem Klinikum für die 38,5-Stunden-Woche, bis zu 200 Ärzte fordern um 30 Prozent höhere Gehälter.

An den sechs Universitätskliniken in Nordrhein-Westfalen dauert der Ausstand schon  sieben Wochen. Allein die Düsseldorf Klinik hat der Arbeitskampf bisher fünf Millionen Euro gekostet. "Ein wirtschaftliches Desaster", sagt Roland Grabiak, der kaufmännische Direktor. Dabei gehe es ihm nicht nur um die unmittelbaren finanziellen Schäden, sagt Grabiak. "Während wir teilweise lahmgelegt sind, entstehen ganz neue Patienten-Pfade", erklärt er. So sei zu beobachten, dass die niedergelassenen Ärzte ihre leichten Fällen lieber in andere Krankenhäuser schickten. Den Uni-Kliniken blieben vor allem die teuren, unwirtschaftlichen Fälle: "Bis wir das wieder einigermaßen aufgeholt haben, werden Monate vergehen", befürchtet Grabiak. Schon jetzt plagen den Direktor Geldsorgen. Die März-Gehälter habe man noch aus eigenen Mitteln bezahlen können, sagt er. Doch schon im April könnte die Klinik gezwungen sein, die Lohnkosten aus Krediten zu decken.

Das Düsseldorfer Haus ist kein Einzelfall: Auch an süddeutschen Uni-Kliniken haben die Streiks inzwischen für Millionen-Defizite gesorgt. In Tübingen gehen täglich etwa 500.000 Euro verloren, weil zwischen 25 und 30 Prozent der Ärzte im Ausstand sind. Auch in Erlangen sind die Auswirkungen verheerend: Jede fünfte Operation fällt aus, das Gesamt-Defizit beziffert die Klinik mit 2,6 Millionen Euro. "Dies entspricht 54 Arbeitsplätzen", sagte Pressesprecher Johannes Eissing. Derzeit gebe es keine konkreten Pläne, wie die Ausfälle kompensiert werden könnten. Die Alternativen sind ernüchternd: Neben Entlassungen sei auch denkbar, dass Investitionen verschoben würden, sagt Eissing: "Wir müssen erstmal abwarten, bis der Streik zu Ende ist. Dann ziehen wir Bilanz."

Auch anderswo drohen die Arbeitgeber den Streikenden inzwischen offen mit Entlassungen: "Wir müssen uns ganz konkret überlegen, ob wir noch so viele Leute beschäftigen können", sagt der Düsseldorfer Klinik-Chef Jörg Tarnow. Schon jetzt werde bei jeder freien Stelle darüber beraten, ob diese zwingend besetzt werden müsse. Denn schließlich komme das Geld für Löhne und Gehälter nicht aus dem Landeshaushalt, sondern müsse von den Kliniken selbst erwirtschaftet werden. So müssten die fehlenden Millionen eingespart werden. "Und da mehr als 70 Prozent unseres Budgets Personalkosten sind, ist klar, wo der Schwerpunkt der Sparmaßnahmen sein muss."

Ärzte, Schwestern, Pfleger, Techniker, Verwaltungsangestellte und Reinigungskräfte - nach den Worten der Düsseldorfer Klinik-Leitung würden Stellenstreichungen alle Berufsgruppen treffen. Fünf Millionen habe der Streik die Klinik gekostet - bei 50.000 Euro liege das durchschnittliche Jahresgehalt eines Arbeitnehmers: "Da kann sich jeder ausrechnen, wie viele Jobs der Streik kosten kann", sagt Grabiak.

Sind das nur reine Drohgebärden oder bangen die Krankenhäuser tatsächlich um die eigene Existenz? "Das ist die normale Reaktion von Arbeitgebern", glaubt Martin Koerbel-Landwehr, Mitglied der Ver.di-Tarifkommission und Personalratsvorsitzender der Düsseldorfer Klinik. Man werde sich davon nicht einschüchtern lassen. An ein baldiges Aufeinanderzugehen glaubt der Gewerkschafter nicht: "Bei uns hat sich leider noch niemand gemeldet, der konkret verhandeln möchte."

Matthias Armborst, AP



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