Agentur Jung von Matt "Die Werbewirtschaft leidet"

2. Teil: "Wir überlegen, ob wir freie Stellen besetzen"


SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet jetzt in Krisenzeiten sollen die Nutzer mehr zahlen für Online-Inhalte? Das dürfte nicht funktionieren.

Jung: Natürlich gibt es im Internet eine Gratiskultur. Die ist über Jahre gewachsen und lässt sich nicht von heute auf morgen abschalten. Das ändert aber nichts daran, dass wir mehr Bezahlangebote im Netz brauchen, damit dort mehr Geld verdient wird - auch mit Blick auf eine zukünftige Medienlandschaft, die vorwiegend im Web liegt. In anderen Online-Branchen funktioniert die Kostenpflicht schließlich auch. Die Kunden zahlen beispielsweise für Handy-Klingeltöne. Warum soll man das nicht auf Medienangebote übertragen? Die aktuelle Krise könnte den Leidensdruck schaffen, um den Prozess hin zu mehr kostenpflichtigen Angeboten zu forcieren.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kunden wie Mercedes bekommen den Abschwung der Autokonjunktur mit voller Wucht zu spüren. Auch die Deutsche Post, ebenfalls Ihr Kunde, kämpft mit Problemen. Wird die Krise der Konzerne auch zur Krise bei Jung von Matt?

Jung: Wir stellen uns auf die neue Situation ein. Im ersten Schritt überlegen wir sehr genau, ob wir freie Stellen besetzen. Außerdem reduzieren wir den Anteil an externen Zulieferern, den sogenannten Freelancern. Wir werden Aufgaben künftig eher mit dem Bestandspersonal lösen, anstatt kurzfristig Knowhow einzukaufen. Einen Stellenabbau planen wir derzeit nicht.

SPIEGEL ONLINE: Jung von Matt hat in den vergangenen Jahren seine Kreativleistung kontinuierlich gesteigert. Bei den wichtigsten Wettbewerben hat die Agentur im großen Stil abgeräumt. Können Sie sich den Aufwand für Kreativschauen noch leisten?

Jung: Ausgerechnet hier zu sparen, wäre ein schwerer Fehler. Die Wettbewerbe sind Werbung für die Agentur. Es gibt keine bessere Plattform, um den Kunden unsere Leistung zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Indirekt finanzieren doch Ihre Kunden die Wettbewerbsauftritte von Jung von Matt. Angesichts der angespannten Marktlage dürfte es da bald zu Diskussionen kommen. Immerhin zahlen Sie rund eine halbe Million Euro pro Jahr für die Werber-Werbung.

Jung: Unsere Kunde finanzieren unser Unternehmen genau so, wie zum Beispiel Autokäufer die Automobilindustrie finanzieren. Deshalb müssen sie doch nicht über unser Marketing entscheiden. Abgesehen davon: die Unternehmen wissen heute sehr genau um Vorteile und Bedeutung der Kreativwettbewerbe. Wie sollen sich Agenturmarken ohne solche Vergleiche sonst abgrenzen? Die Autoindustrie sagt ja auch nicht: Wir schaffen die IAA in Frankfurt ab, die ist zu teuer.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt hat Jung von Matt die Expansion nach Osteuropa gestartet. Die dürfte angesichts der Konjunkturlage schwierig werden.

Jung: Nicht unbedingt. Wir haben uns in Polen an einer Agentur beteiligt. Das Engagement werden wir ausweiten. Und trotz Finanzkrise könnte es 2009 zu einem Einstieg bei einem Werbeunternehmen in Tschechien kommen. Die Vorbereitungen dafür laufen. Ungarn haben wir im Blick. Würden wir diese Vorhaben jetzt in Panik umschmeißen, wäre das strategisch ebenso falsch wie kurzsichtig.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie das Kapital? Bei den Banken jedenfalls sind Kredite derzeit nicht im Sonderangebot.

Jung: Wir können die Expansion aus dem Cashflow heraus bezahlen. Mein Partner Jean-Remy von Matt und ich haben immer konservativ gemanagt. Unabhängigkeit und eine volle Kriegskasse sind uns wichtig. Weder Kreditaufnahme noch die Beteiligung eines Investors stehen bei uns zur Debatte - auch wenn diese Gerüchte uns weiterhin begleiten. Der Preis wäre zu hoch. Ein externer Kapitalgeber könnte die einzigartige Kultur von Jung von Matt gefährden. Das Thema Beteiligung könnte höchstens mal interessant werden, wenn es um eine Nachfolgeregelung geht. Aber das steht überhaupt nicht zur Debatte. Und gerade, wenn jetzt härtere Zeiten kommen, wird hier keiner verkaufen, um Kasse zu machen.

Das Interview führte Jörn Sucher



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