Von Claudia Wanner, Hongkong
Gleich zwei Rekorde hat der Börsengang von Hepalink Pharmaceutical in der Millionenmetropole Shenzhen Anfang Mai geschlagen. Der Einführungspreis von 148 Yuan war der höchste, der in der Volksrepublik jemals für eine Markteinführung verlangt wurde. Und ein Kurssprung von 18 Prozent am ersten Handelstag machte die Gründer Li Li und Li Tan zum reichsten Ehepaar des Landes. Zumindest vorläufig. Ihr Vermögen unmittelbar nach dem Börsengang wurde auf 7,8 Milliarden Dollar geschätzt.
Börsenrekord Nummer drei zeichnet sich bereits ab - diesmal allerdings einer von globaler Bedeutung. Voraussichtlich im Juli wird mit der Agricultural Bank of China die letzte große Staatsbank der Volksrepublik an die Börse gehen. Auf bis zu 30 Milliarden Dollar wird der Emissionserlös geschätzt. Das wäre das mit Abstand größte Volumen, das eine Erstnotierung auf der Welt je eingefahren hat. Bisher hält die Industrial & Commercial Bank of China (ICBC) den Rekord. Sie erlöste 2006 rund 22 Milliarden Dollar.
Bereits vier Jahre warten die Anleger auf die Erstnotierung der Agricultural Bank, immer wieder wurde der Börsengang verschoben - erst wegen der Umstrukturierung fauler Kredite, dann wegen der globalen Finanzkrise. Jetzt stehen die Chancen endlich gut, sagen Investmentbanker. "Die Bank hat für Peking derzeit oberste Priorität. Sie soll auf jeden Fall das erste chinesische Kreditinstitut sein, das in den nächsten Wochen den Kapitalmarkt anzapft", sagt ein Banker aus dem Umfeld der Berater des Börsengangs.
Neben der Erstnotierung des Instituts planen die drei anderen Großbanken ICBC, Bank of China
und China Construction Bank
umfangreiche Kapitalerhöhungen, um den wachsenden regulatorischen Anforderungen im Land gerecht zu werden. Insgesamt wird der Kapitalbedarf der vier Geldhäuser auf mehr als 60 Milliarden Dollar geschätzt.
Ein chinesisches Geldhaus könnte der Agricultural Bank sogar noch zuvorkommen: die Everbright Bank. Das Institut, das zum Finanzkonglomerat Everbright Gruppe gehört, hat vergangene Woche angekündigt, seine Notierung noch vor Ende Juni über die Bühne bekommen zu wollen.
Dem Rennen der Kreditinstitute um die Gunst der Anleger liegt die Sorge zugrunde, dass Chinas Investoren der Bankaktien überdrüssig werden könnten. "Der Appetit ist endlich, deswegen versucht jeder der erste zu sein", sagt ein Investmentbanker. Seit ein paar Tagen macht sich eine zusätzliche Sorge breit: Die Euro-Krise und ihre Folgen könnten den Hunger auf Aktienemissionen grundsätzlich schmälern.
Das Umfeld lässt die ersten Firmenchefs in der Region Konsequenzen ziehen. So hat der Immobilienentwickler Swire Properties seinen Börsengang in Hongkong einen Tag vor der geplanten Preisfestsetzung auf Eis gelegt. Es wäre der bisher größte in diesem Jahr gewesen. Swire Properties gehört wie die Airline Cathay Pacific
zum Mischkonzern Swire Pacific
. Dessen Chairman Christoper Pratt verwies zur Begründung auf die schlechte Stimmung am Markt: "Wir sind natürlich enttäuscht über dieses Ergebnis, aber unser Gefühl ist, dass es angesichts der jüngst deutlichen Verschlechterung des Marktumfeldes falsch wäre, die Abspaltung voranzutreiben."
Pratt ist mit seiner Enttäuschung nicht allein. Schon zwei Tage zuvor hatte sich die chinesische Werft New Century Shipbuilding von ihrem Plan eines Börsengangs in Singapur verabschiedet, der 1,2 Milliarden Dollar hätte einbringen sollen. Auch der Eisenerzförderer Tian Yuan in Hongkong verschob sein Parkettdebüt auf unbestimmte Zeit.
Asien und China sind zur Lokomotive in Sachen Börsengängen geworden
Dabei ruhen auf der Region die Hoffnungen der Investmentbanken weltweit. Asien und besonders China sind zur Lokomotive in Sachen Börsengängen geworden. 2009 lag das Volumen der 208 Neuplatzierungen mit fast 60 Milliarden Dollar um 150 Prozent über dem Vorjahr. Hongkong war der führende Handelsplatz der Welt, auf Platz zwei folgte Shanghai. Die einstigen Prestigebörsen aus Nordamerika ergatterten nur den dritten Platz.
"Investoren sind sehr zuversichtlich, dass Chinas Wirtschaft weiter wachsen wird und sind bereit, in das Land zu investieren", sagt Frank Lyn, Chef des chinesischen Börsengeschäfts beim Beratungsunternehmen PWC. Laut einer Prognose von Anfang des Jahres rechnet PWC mit einem weiteren Rekordjahr. 86 Milliarden Dollar Emissionsvolumen prognostizierten die Experten für 2010 in China - Hongkong inklusive. Ob dieser Wert erreicht werden kann, ist allerdings bereits jetzt mehr als zweifelhaft.
In Hongkong wurden mehrere Börsengänge abgesagt. Die Prognose für Shanghai ist schwieriger, sind sich Beobachter einig. Angesichts zahlreicher Restriktionen spiele der Kapitalmarkt der Volksrepublik trotz seiner Größe im internationalen Vergleich weiter eine Sonderrolle, sagt Charles-Edouard Bouée, Asien-Pazifik-Chef der Unternehmensberatung Roland Berger.
Chinas Börsen sind genau wie die Währung des Landes nach wie vor streng reguliert. Ausländern ist der Zugang zu Chinas Aktien praktisch verwehrt. Nur eine Handvoll institutioneller Investoren darf nach einer aufwendigen Zulassung in geringem Umfang an der Börse investieren. Umgekehrt können Chinesen praktisch keine Auslandsaktien kaufen.
Einen Hinweis auf die Ineffizienzen des Kapitalmarkts in der Volksrepublik geben die Bewertungsunterschiede von Papieren, die sowohl in Shanghai als auch in Hongkong gehandelt werden. In der wirtschaftlich extrem offenen südchinesischen Metropole sind sie teilweise um die Hälfte billiger.
Nicht ausgeschlossen, dass die Börsen in Shanghai und Shenzhen - wie in der Vergangenheit schon häufiger - eine Eigendynamik entwickeln und trotz Krisenstimmung im Rest der Welt die geplanten Börsengänge erfolgreich vorantreiben. Shanghai hat schließlich große Ambitionen. Im vergangenen Jahr hat Chinas Kabinett beschlossen, mit dem richtigen Regelwerk dafür sorgen zu wollen, die Stadt bis 2020 zu einem internationalen Finanzplatz werden zu lassen. Der mögliche Emissionsrekord der Agricultural Bank würde ihnen auf dem Weg dahin nur zu gut zu Gesicht stehen.
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