Angestellte bei Airbnb und Uber "Diese Jobs schaffen ein neues Prekariat"

Airbnb und andere Firmen tun so, als hätten sie eine soziale Mission. Doch laut dem Buchautor Tom Slee beuten sie ihre Angestellten schlimmer aus als herkömmliche Firmen - und begünstigen totale Überwachung.

Ein Interview von Nils Klawitter

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SPIEGEL: Mr. Slee, was ist so schlecht an der Sharing Economy?

Slee: Für mich ist es ein Problem gebrochener Versprechen. Als die ersten Plattformen vor einigen Jahren starteten, gab es viel Sympathie. Es war das Versprechen, Menschen zueinander zu bringen, Konzerne zu ersetzen, nachhaltig zu sein. Doch die Plattformen wurden ein Vehikel dafür, immer mehr unserer Lebensbereiche den Gesetzen des freien Marktes zu unterwerfen. Sie lieferten das Gegenteil dessen, was sie vorgaben zu sein.

Zur Person
Tom Slee, 56, der Amerikaner gilt als einer der versiertesten Kritiker der sogenannten "Ökonomie des Teilens". In seinem neuen Buch blickt der promovierte Chemiker hinter die Fassade von Unternehmen wie Airbnb und Uber. Die vermeintliche soziale Vernetzung bewertet Slee als Tarnung einer neuen Welle der Deregulierung.
SPIEGEL: Wie wirken sich diese Geschäftsmodelle im Alltag aus?

Slee: Nehmen Sie etwa TaskRabbit. Die Firma ist mit dem Label "Nachbarn helfen Nachbarn" an den Start gegangen. Doch echte Nachbarschaftshilfe hat dieses System angeheuerter Billig-Tagelöhner eher erlöschen lassen.

SPIEGEL: Wie sind die Mini-Unternehmer, von denen diese Plattformen leben, abgesichert?

Slee: Gar nicht. Oft bekommen sie nicht mal den Mindestlohn. Sehen Sie etwa HomeJoy an, die es inzwischen nicht mehr gibt...

SPIEGEL: ...und die auch Obdachlose für Putzdienste vermittelten...

Slee: ...genau. Die hatten Stundenraten festgelegt. Die Fahrten zum Einsatzort wurden allerdings genauso wenig berücksichtigt, wie das Risiko der Terminabsage durch die Kunden.

SPIEGEL: Es gibt Ökonomen, die sehen in diesen neuen Jobs auch eine Chance.

Slee: Diese Jobs schaffen ein neues Prekariat. Die dahinterstehenden Plattformen tarnen sich als Innovation, bauen aber auf unbegrenzte Verfügbarkeit und darauf, Arbeitsgesetze auszuhebeln und alles Risiko den Kleinunternehmern aufzuhalsen.

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SPIEGEL: Wie passt das zu Ubers Behauptung, ihre Fahrer würden in New York rund 90.000 Dollar verdienen?

Slee: Diese Zahl ist eine der wenigen Zahlen, die Uber veröffentlicht hat, und sie bleibt ein Rätsel. Das zeigen nicht zuletzt die vielen Proteste von Uber-Fahrern wegen zu geringer Einkommen.

SPIEGEL: Dennoch haben es Transport-Plattformen wie Lyft und Uber etwa in Kalifornien geschafft, als neue Kategorie von Verkehrsteilnehmern per Gesetz anerkannt zu werden, wie gelang das?

Slee: Eine entscheidende Rolle dabei spielte Peers, eine Art PR-Plattform. Wie die ganze Branche war sie eine komische Mischung aus Unternehmen und Bewegung. Sie mobilisierte überall dort Unterstützer, wo die neuen Firmen Probleme bekamen. Eine zentrale Rolle dort spielte Douglas Atkin...

SPIEGEL: ...der Mitgründer von Airbnb?

Slee: ... ja. Es ist der, der Kunden zu Fans machen will, und er hat einen Kult um sein Unternehmen geschaffen, das er mit einer Gewerkschaft vergleicht. Er ist typisch für das Silicon Valley, dessen Gründer auf der einen Seite Vermögen anhäufen, aber dennoch behaupten, total sozial engagiert zu sein. Nur: Investoren investieren nicht in eine Bewegung, sondern in Gewinn, und Atkin hat mit Airbnb vor allem einen Börsengang im Auge.

SPIEGEL: Sie haben ein Programm entwickelt, um Airbnb-Buchungen genauer zu untersuchen. Die aktuelle Vermieter-Liste, die das Unternehmen kürzlich für New York präsentierte, halten Sie für geschönt, warum?

Slee: Wir können gut sehen, wie sich die Ursprungsidee, eine Luftmatratze in seiner Wohnung zu vermieten, völlig gedreht hat: Heute werden meist ganze Wohnungen vermietet. Das ist für Airbnb viel lukrativer, verschärft in Städten wie Paris oder Berlin aber die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Und unter den Vermietern sind viele Unternehmer, die mehrere Appartements vermieten, was verboten ist.

SPIEGEL: Hat Airbnb auf den Vorwurf reagiert?

Slee: Von denen kam nichts.

SPIEGEL: Vor einigen Tagen gab Uber-Chef Travis Kalanick bekannt, in den USA zwar profitabel zu sein, in China aber eine Milliarde Dollar pro Jahr zu verlieren. Warum investieren dennoch so viele in ein Unternehmen mit einer solchen Verbrennungsrate?

Slee: Das ist grotesk – nicht einmal über das US-Geschäft wissen wir ja Genaues. Für die erste Hälfte 2015 gab es geleakte Zahlen, die von einer halben Milliarde Dollar Verlust sprachen. Die Frage bei Uber ist, ob das Unternehmen einen Monopolmarkt dominieren kann, vergleichbar mit Google oder Apple. Das ist die Wette.

SPIEGEL: Uber und Co gerieren sich oft als Plattformen für freie Min-Uunternehmer. Sind sie das wirklich?

Slee: Die Leute sind scheinselbstständig, oft werden sie wie Angestellte behandelt. Tatsächlich haben sie etwa die Pflicht, 90 Prozent der angeforderten Fahrten anzunehmen, sonst werden sie gefeuert.

SPIEGEL: Sie sprechen in dem Zusammenhang von "algorithmischer Regulierung", was heißt das?

Slee: Die Algorithmen der Sharing-Plattformen haben vor allem den Zweck, Menschen zu gruppieren und zu bewerten. Es gibt kaum ein besseres Disziplinierungsmittel als die Bewertung nach Sternen. Fahrer von Uber werden alles tun, eine Fünfsterne-Bewertung zu erhalten. Rutschen sie aber nur etwas unter 4,7 Sterne, dann riskieren sie ihren Job.

SPIEGEL: Woher kommt die anhaltende Faszination für die vermeintliche Sharing Economy?

Slee: Die Medien sind oft fasziniert von großen Zahlen: Oh, wieder eine halbe Million Buchungen bei xy, oh, 90.000 Dollar im Monat zu verdienen? Gleichzeitig ist es schwer zu durchschauen, wie diese Zahlen zustande kommen und auf welcher Datenbasis sie beruhen. Die Firmen tun ja nur transparent, sind aber total verschlossen.

SPIEGEL: Was wird das Erbe der Sharing Economy sein?

Slee: Misstrauen. Eine der großen Innovationen, die die Sharing Economy versprach, war ja das Vertrauen zwischen Fremden – du steigst bei jemandem ins Auto, und er bringt dich da und da hin. Längst aber werden die Kunden gegängelt, ihre Dienstleister zu taxieren und zu bewerten, und das ganze Prozedere wird auch noch von den Plattformen kontrolliert. Das Vertrauen von einst wird flächendeckender Überwachung weichen.

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Nils Klawitter



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insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
sitcom 27.03.2016
1. Augen auf
Der Gesetzgeber soll seine Augen darauf richten Wenn uber und airbnb die Mitglieder wie Angestellte behandeln dann müssen sie zum Mindestlohn und zu Sozialabgabe gezwungen werden... Dann löst sich das Problem schnell
frenchie3 27.03.2016
2. Da brauchts keinen studierten Ökonomen
um das zu erkennen. Aber schön daß er es mal sagt. Die Befürworter dieser Beschäftigungsform sind genau die die noch nie unter solchen Bedingungen arbeiten mußten, und die am lautesten Ausbeutung jammern würden wenn es sie mal erwischen sollte
wrzlbrnft 27.03.2016
3. Nicht neues Prekariat sondern neue Sklavenhaltung
Eigentlich ist der Titel viel zu harmlos. Mit einem vagen Versprechen der unternehmerischen Freiheit und der Hoffnung auf ein einfaches sorgenfreies Leben werden die für diese Unternehmer arbeitenden in Scheinselbstständigkeit und totale Abhängigkeit und einer neuen Form der Sklaverei geführt. Im Gensatz zu einem Sklaven im Altertum reicht dabei das verdiente Geld nicht fürs Essen und Wohnung.
ketzer2000 27.03.2016
4. Keine neuen Erkenntnisse
Die neuen Geschäftsmodelle basieren rein auf der Vermittlung von Dienstleistungen und Unterkünften. Damit das Geschäftsmodell für die Plattform, die die Vermittlung übernimmt, überhaupt Profit abwirft, muss die Dienstleistung kostengünstig sein und der Lohn, den der eigentliche Leistungserbringer erhält, so gering sein, dass ein signifikanter Gewinn herausspringt. Das schwächste Glied in der Kette ist der Leistungserbringer. "There's no free lunch!" Mittlerweile mieten Hotelketten und Unternehmer Privatwohnungen an, um Gäste unterzubringen. Die Folgen kann man in Großstädten sehen, wo zusätzlich Druck auf den Wohnungsmarkt ausgeübt wird und die angestammten Mieter durch randalierende Hotelgäste belästigt werden. Wie gesagt, der Profit muss ja irgendwo herkommen.
sok1950 27.03.2016
5. ..und wieder mal kostenlose Werbung
zwei Unternehmen, eines im Taxigeschäft, eines im Vermietungsgeschäft
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