Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Aktiensturz: Finanzkrise erreicht Chinas Milliardäre

Von

Jetzt erwischt die Krise auch Chinas Superreiche: Mit einbrechenden Aktienkursen schrumpft ihr Vermögen. Seit Jahresanfang haben chinesische Papiere im Schnitt 60 Prozent eingebüßt. Doch statt Leerverkäufe und Aktienkäufe auf Kredit zu verbieten, erlaubt Peking genau diese Schritte.

Hongkong - Die 50 Chinesen mit den größten Vermögen verfügen im Schnitt jeweils über 2,43 Milliarden Dollar, meldet der "Hurun Report" heute, eine Art "Forbes"-Liste der Vermögenden in China. Im Vorjahr hatten sie fast 50 Prozent mehr besessen. Besonders heftig trifft es demnach Yang Huiyan, Chef von Country Garden Holdings, der 2007 die Liste angeführt hatte. Er hat binnen Jahresfrist 12,6 Milliarden Dollar Vermögen eingebüßt. Immerhin 4,9 Milliarden Dollar sind noch übrig - das reicht für den dritten Platz hinter dem Chef des Haushaltsgeräteherstellers Gome, Huang Guangyu, und dem Stahlmagnaten Du Shuanghua von Rizhao Steel. Schätzungen von "Hurun" zufolge leben derzeit 101 Dollar-Milliardäre in China - im vergangenen Jahr waren es noch 106.

Spaziergänger vor einer Kurstafel in Shanghai: 60 Prozent verloren
DPA

Spaziergänger vor einer Kurstafel in Shanghai: 60 Prozent verloren

Es ist der Absturz der Aktienkurse in Shanghai, den auch Vermögenden zu spüren bekommen. Seit Jahresanfang haben Chinas Aktien über 60 Prozent an Wert eingebüßt. Die meisten reichen Chinesen sind Firmengründer, die einen Teil ihres Unternehmens an den Markt gebracht haben, aber immer noch große Anteile selbst halten.

Lange galten die Probleme am Kapitalmarkt der Volksrepublik als hausgemacht: Ein rasanter Aufschwung an der Börse von 2005 bis Oktober 2007 habe eine Korrektur überfällig gemacht, war die Meinung vieler Analysten. Die Auswirkungen der Finanzkrise in den USA und Europa galten dagegen als sehr begrenzt, nicht zuletzt wegen der nach wie vor streng kontrollierten Wirtschaft des Landes. "Die direkten Auswirkungen der Kreditkrise auf China sind aber überschaubar", sagt Arthur Kroeber, Chef des Beratungsunternehmens Dragonomics aus Shanghai.

Abschreibungen bei chinesischen Investoren

Immun ist das Land dennoch nicht. Am Wochenende hat es die Volksrepublik erstmals direkt erwischt: Der Versicherer Ping An teilte am Sonntag mit, er werde 15,7 Milliarden Yuan, umgerechnet 1,7 Milliarden Euro, auf seine knapp fünfprozentige Beteiligung am belgisch-niederländischen Finanzkonzern Fortis abschreiben. Ping An hatte sich den Anteil im November 2007 knapp 24 Milliarden Yuan kosten lassen. Fortis ist eines der jüngsten der Opfer der Finanzkrise.

Die Abschreibung wird kräftig auf Ping Ans Ergebnis durchschlagen. Für das dritte Quartal rechnen Analysten mit einem Verlust, für das Gesamtjahr hat Goldman Sachs Chart zeigen die Gewinnprognose des Versicherers aus dem südchinesischen Shenzhen um 97 Prozent gekürzt. "Ping An wird mittelfristig seine Beteiligung an Fortis Chart zeigen abbauen", erwarten die Spezialisten der Citigroup Chart zeigen laut einer Analyse.

Ping An ist nicht der erste chinesische Investor, dessen Beteiligung bei einem westlichen Finanzkonzern die Erwartungen schwer enttäuscht hat. Die Anteile der staatlichen China Investment Corporation (CIC) an Blackstone Chart zeigen und Morgan Stanley Chart zeigenhaben genau so einen herben Wertverfall hinter sich wie die Beteiligung der ebenfalls staatseigenen China Development Bank an Barclays Chart zeigen. Im Unterschied zu Ping An sind diese Anteilseigner nicht gelistet und müssen entsprechend die Wertberichtigungen nicht öffentlich machen.

Trotz der schlechten Erfahrungen, die die Chinesen zuletzt vorsichtig haben werden lassen: Zahlreiche Beobachter rechnen damit, dass die Finanzhäuser und Investoren aus dem Reich der Mitte von der Finanzkrise eher profitieren werden. "Japanische und chinesische Banken sind derzeit in einer guten Position, um aktiv zu werden, denn sie verfügen über das nötige Kapital", sagt Rob Morrison, Chef des Brokerhauses CLSA aus Hongkong. Als Folge der Finanzkrise liege ein Großteil der weltweiten Finanzkraft mittlerweile in Asien.

Investoren reagieren äußerst vorsichtig

Beispiel Banken: Die vier großen börsennotierten Kreditinstitute des Landes verfügten Ende Juni über kurzfristig verfügbare Mittel im Wert von 148 Milliarden Dollar. Bislang geht es den Geldhäusern gut. Industrial & Commercial Bank of China (ICBC), das nach Börsenbewertung größte Kreditinstitut, konnte den Reingewinn im ersten Halbjahr um 57 Prozent auf umgerechnet fast sieben Milliarden Euro ausbauen. An kompliziertere Finanzinstrumente wie Kreditderivate haben sich die Institute mangels Erfahrung kaum herangetraut. Die Kreditvergabe ist streng geregelt, die Banken erheben etwa bei Darlehen für den Wohnungskauf hohe Forderungen für das nötige Eigenkapital.

Mittlerweile sind die Institute noch vorsichtiger geworden. "Wir halten unsere Taschen dicht und geben jeden Penny erst nach reiflicher Überlegung aus", sagte Jiang Jianqing, Verwaltungsratschef der ICBC, beim Weltwirtschaftsforum Ende September in Tianjin. "Als Geschäftsbank sind wir keine Schnäppchenjäger." Andere Finanzdienstleister geben sich auch hinsichtlich der Perspektive zurückhaltend. Everbright Securities rechnet für das kommende Jahr nicht mit weiterem Wachstum, teilte das Institut am Montag mit. Grund seien zunehmende Unternehmenspleiten und geringere Kreditmargen. Die Zinsen sind in China staatlich vorgeschrieben.

Angesichts der wachsenden Vorsicht rechnet denn auch China-Experte Kroeber nicht mit großen Finanzinterventionen in dem Land. Die Chinesen könnten angesichts des Wachstums der Binnenwirtschaft und ihrer riesigen Devisenreserven zwar eine entscheidende Rolle spielen, sagte er kürzlich in einem Interview. Immerhin galt "zou chu qu" - die Expansion in alle Welt - nach den erfolgreichen Jahren des wirtschaftlichen Aufbaus in der Volksrepublik zuletzt geradezu als patriotische Pflicht.

"Tatsächlich stehen die Chinesen am Rand des Geschehens und beten, dass der Wert ihrer US-Staatsanleihen und der Bonds von Fanny Mae und Freddy Mac sich nicht in Luft auflöst", analysiert Kroeber. Bei der Krisenbekämpfung mögen sich die Chinesen einmischen - aber eher zu einem späten Zeitpunkt und mit bescheidenen Mitteln, erwartet er. "Teil der grundlegenden Restrukturierung des weltweiten Finanzsystems werden sie nicht sein." Letztlich zeigten die geringen Auswirkungen der Finanzkrise auf China auch, dass das Land in Kapitalfragen lediglich eine marginale Rolle spiele.

Peking erlaubt Margin Trading und Leerverkäufe

Immerhin sind die Regierungsverantwortlichen durch die Krise in Übersee noch nicht so verschreckt, dass sie die scheibchenweise Liberalisierung des Kapitalmarktes der vergangenen Jahre komplett zurückdrehen würden. Im Gegenteil: Während zwischen Kanada und Taiwan die Leerverkäufer als entscheidende Übeltäter des Crashs geächtet werden und Short-Selling zumindest für viele Finanzpapiere inzwischen untersagt ist, geht China genau den umgekehrten Schritt. Am Wochenende kündigte die Regierung an, dass künftig sowohl Leerverkäufe als auch der Aktienkauf auf Kredit, das sogenannte Margin Trading, erlaubt werden. Zwar gelten dafür enge Restriktionen, nur wenige ausgewählte Markteilnehmer sind zu den Schritten berechtigt. Doch die Regierung hofft, dass dank der Möglichkeit einer Wette auf fallende Kurse künftig extreme Kursausschläge nach oben seltener werden.

Die erwünschte Wirkung ist allerdings ausgeblieben: Nach einer wegen Feiertagen handelsfreien Woche stürzte die Börse Shanghai am Montag um mehr als fünf Prozent ab und verlor am heutigen Dienstag erneut 1,2 Prozent. Von dem Kurssprung um insgesamt 18 Prozent seit der Ankündigung der letzten Stützungsmaßnahmen Mitte September hat der Index damit rund die Hälfte wieder abgegeben.

Trotz der enttäuschenden Börsenperformance hoffen viele Beobachter darauf, dass Chinas Realwirtschaft dank einer wachsenden Binnennachfrage einen Teil der weltweiten Nachfrageprobleme abfedern kann. Jetzt schaue man verstärkt nach China, sagte Peter Mandelson, noch in seiner Rolle als EU-Handelskommissar in Tianjin. "Wir brauchen das Land als Quelle von Liquidität, von Nachfrage, von Investitionen, von Vertrauen für die globale Wirtschaft", betonte er angesichts der fast zwei Billionen Dollar Währungsreserven und eines knapp zweistelligen Wachstums der Volksrepublik. Doch die nach den herben Verlusten an der Börse dürften selbst Chinas Milliardäre in den kommenden Wochen den Gürtel enger schnallen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: