Aktionskünstler Jakob Boeskov Wie ein Däne die Waffenlobby foppte

Als der Aktionskünstler Jakob Boeskov auf der Pekinger Polizeimesse ein fiktives Spionagegewehr präsentierte, plante er einen einmaligen Jux. Doch bis heute verfolgt den Dänen seine Kreation - Rüstungsfirmen und Banker versuchen, mit dem Erfinder der vermeintlichen Wunderwaffe ins Geschäft zu kommen.

Aus Kopenhagen berichtet


Jakob Boeskov auf der China Police 2002: Gut zur Bewachung von Dschungelgefängnissen geeignet
Jakob Boeskov

Jakob Boeskov auf der China Police 2002: Gut zur Bewachung von Dschungelgefängnissen geeignet

Kopenhagen - In Pekings Nationaler Landwirtschaftlicher Ausstellungshalle des Volkes herrschte ausgelassene Stimmung. Die Teilnehmer der Messe "China Police" freuten sich über die Nachricht, dass die Volksrepublik ihr Polizeikorps um eine Million Mann aufstocken wollte. "Es war wie während des Dotcom-Booms", erinnert sich Jakob Boeskov. "Alle waren für alles offen und bereit, mit jedermann Geschäfte zu machen, auch mit totalen Newcomern."

Gut für Boeskov. Arg verschwitzt und in einen Konfirmandenanzug gezwängt war der 29-Jährige, in Polizeiangelegenheiten völlig unbeleckte Däne im Sommer 2002 auf der Messe aufgetaucht. Im Gepäck hatte er lediglich einen Stapel Visitenkarten, die ihn als Vorstandschef des dänischen Unternehmens Empire North (Werbespruch: "Die logische Lösung") auswiesen sowie ein Poster. Das Plakat bewarb eine Waffe, die der Künstler gemeinsam mit dem Industriedesigner Kristian von Bengtson ersonnen hatte: Das Scharfschützengewehr "ID Sniper".

Messe-Badge: Boeskov schickte ein Fax an den Aussteller und zahlte tausend Dollar, mehr war für die Akkreditierung nicht notwendig
Jakob Boeskov

Messe-Badge: Boeskov schickte ein Fax an den Aussteller und zahlte tausend Dollar, mehr war für die Akkreditierung nicht notwendig

Die Feuerwaffe, so der Werbetext, verschieße winzige Projektile, in denen ein Sender zur satellitengestützen Ortung (GPS) eingebaut sei. Sicherheitsbehörden könnten mit dem ID Sniper Dissidenten und Oppositionelle unauffällig überwachen. Dank der Wunderwaffe lasse sich "der Feind angreifen, ohne das hochwichtige Image des Staates zu beschädigen", jubelt das Poster. "China ist ein repressiver Staat", meint der schlaksige Kopenhagener. "Wir hatten uns eine Waffe ausgedacht, die China repräsentiert."

"Bessere Bullshit-Detektoren"

Die orwellsche Hightech-Vision des Dänen ist nach Meinung von Experten technisch schwer realisierbar. GPS-Sender von der Größe eines Stecknadelkopfes gibt es schlichtweg noch nicht. In China störte das niemanden. Der Däne bekam binnen Stunden zahlreiche Kooperationsangebote von Firmen aus Asien, Qatar oder Südafrika. "Ein brasilianischer Aussteller erzählte mir", so Boeskov, "die Waffe könne er zuhause prima vermarkten, zur Absicherung südamerikanischer Dschungelgefängnisse. Dort würden ständig Leute ausbrechen und dann müsse man sie wieder einfangen." Eine Firma habe ihm vorgeschlagen, den ID Sniper komplett in China produzieren zu lassen - um der "schwierigen Rechtslage" in Dänemark zu entgehen. Zweifel an seiner Wunderwaffe habe es kaum gegeben. "In Europa hätte das nicht funktioniert, Europäer haben bessere Bullshit-Detektoren", so der Däne.

Nach einem Tag auf der Messe wird dem selbsternannten Waffenhändler Boeskov die Sache mulmig. Er bricht die Aktion ab. "Ich dachte mir, Scheiße, was ist, wenn jetzt wirklich jemand so eine Waffe baut. Ich wollte diesen Typen ja keine Ideen liefern." Zurück in Europa eilt der aufgekratzte und gejetlaggte Boeskov zu einem Notar, will seine fiktive Technologie schützen lassen, damit sie nicht in falsche Hände gerät. Als er dem Juristen erklärt, dass der ID Sniper bereits in China präsentiert worden sei, winkt dieser ab: Patentieren sei nunmehr sinnlos. "Er hat gesagt, die Chinesen kopieren das sowieso, wenn sie wollen." Boeskov beruhigt sich wieder, geht mit seinem Entwurf, den er inzwischen "My Doomsday Weapon" nennt, noch zu einer arabischen Sicherheitsmesse, verteilt weitere Visitenkarten. Danach beschließt er, seine Waffe in Zukunft stets klar als Fantasieprodukt zu kennzeichnen.

Fantasieprodukt Juju - The Citizen Eye: "Funky security for junior citizens"

Fantasieprodukt Juju - The Citizen Eye: "Funky security for junior citizens"

Doch der ID Sniper hat längst ein Eigenleben entwickelt. Wöchentlich erhält Boeskov per Mail Kooperationsanfragen von Waffenfirmen aus aller Welt. Im Frühjahr 2004 fährt er nach New York, um sein Projekt auf einer Kunstausstellung zu präsentieren. Etwa zu dieser Zeit wird das Fachblatt "Computerworld" auf Empire Norths fiktive Firmenwebseite aufmerksam. Ein Redakteur nimmt alles für bare Münze.

Die australische Webausgabe des Magazins veröffentlicht einen Artikel mit der Überschrift "Scharfschützengewehr könnte Radiofrequenz-Identifikationsmarker auf menschliche Ziele abfeuern". Im Web beginnt das Thema in diversen Foren zu kursieren. Eine Wagniskapitaltochter des US-Finanzriesen Prudential schreibt Boeskov, sie habe Interesse, bei Empire North einzusteigen. "Und dann machte plötzlich das Gerücht die Runde, die New Yorker Polizei habe das Gewehr erstanden - und wolle es auf dem Parteitag der Republikaner im Sommer gegen Demonstranten einsetzen", so der Däne kopfschüttelnd.

Die Fiktion wird Wirklichkeit

Danes for Bush: Satire aus Kopenhagen
Jakob Boeskov

Danes for Bush: Satire aus Kopenhagen

Boeskov hat sich inzwischen anderen Projekten zugewandt. Kurz vor der US-Wahl im November 2004 startete er beispielsweise die Satire-Aktion "Dänen für Bush" (Motto: "Bitte schützt uns vor dem alten Europa"). Er und ein Kompagnon fuhren mit einem in den US-Nationalfarben bemalten Truck von Los Angeles nach New York, besuchten republikanische Parteibüros und gaben sich als dänische Bush-Fans aus. Bereits vor einiger Zeit hat Boeskov zudem auf der Empire-North-Seite ein weiteres Fantasieprodukt namens Juju - The Citizen Eye platziert. Das Gerät, das einem Gameboy ähnelt, ist vorgeblich für Teenager gedacht ("funky security for junior citizens"). Mit dem Juju sollen die Kids verdächtige Personen fotografieren - die Daten werden dann direkt an das US-Heimatschutzministerium weitergeleitet.

Keine dieser Aktionen war annähernd so erfolgreich wie die "Doomsday Weapon". Boeskov scheint sich allerdings nicht so richtig über die Dauerpublicity freuen zu können. "Das ID-Sniper-Projekt geht anscheinend nie zu Ende", ächzt der gelernte Architekt. Mehr als zweieinhalb Jahre nach der ersten Präsentation sowie zahlreichen Dementis erhalte er noch immer Anfragen zu dem Gewehr. "Zumindest", seufzt er "hat bisher noch niemand eins gebaut." Er glaube nicht, dass Technologie inhärent böse sei, "aber dies wäre schon eine gruselige Anwendung". Deshalb will Boeskov in Zukunft weitere Satire-Aktionen starten. "Man muss dem Monster den Spiegel vors Gesicht halten."

Student der Universität von Florida mit Prototyp: Militärische Anwendungsszenarien werden geprüft
University of Florida

Student der Universität von Florida mit Prototyp: Militärische Anwendungsszenarien werden geprüft

Im vergangenen Jahr haben Tüftler an der Universität von Florida eine Paintballpistole entwickelt, die Kugeln mit eingebauten Sendern verschießen kann. Das Projektil, das Professor Loc Vu-Quoc mit seinen Studenten entwickelte, wird mit einem Industrieklebstoff behandelt und bleibt an seinem Ziel haften. Der Sender in der Kugel hat eine Reichweite von knapp 80 Metern. Gesponsert wurde das Projekt von Missile and Fire Control, einer Tochterfirma des Rüstungsgiganten Lockheed Martin. Nach Angaben einer Sprecherin ist "die Entwicklung der Technologie inzwischen abgeschlossen". Ein mögliches Einsatzgebiet für die Technologie sei der Irak. Boeskovs Monster, so scheint es, ist lebendiger als je zuvor.



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