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Alarmierender Trend: Auslaufmodell Plattenindustrie

Der Wechsel von Popstar Madonna zu einem Konzertveranstalter kommt einem Fanal für die kriselnde Plattenindustrie gleich – das Geschäftsmodell CD-Verkauf hat ausgedient. Die Branche kämpft ums nackte Überleben.

New York/Hamburg - Es war diesmal kein Kruzifix auf der Bühne und auch kein gewagtes Outfit, was Pop-Ikone Madonna in die Schlagzeilen brachte. Es geht eigentlich nur um einen neuen Vertrag. Dennoch schaffte es die 49-Jährige, die Musikbranche in Wallung zu bringen: Madonna gibt nach 25 Jahren Treue und vor allem sprudelnder Gewinne ihrer Plattenfirma Warner Music den Laufpass. Für geschätzt 120 Millionen Dollar wechselt die Diva nicht etwa zu einem der Warner-Konkurrenten aus der Musikindustrie - Sony BMG, EMI oder Universal Music -, sondern zum Konzertveranstalter Live Nation.

Der Deal umfasst alles, was in den kommenden Jahren unter Madonnas Namen passieren wird, ob DVDs, Filmprojekte oder Internet-Aktivitäten. Live Nation will auch weitere Künstler unter Vertrag nehmen und bildete dafür die Sparte Artist Nation.

Für die Plattenindustrie ist das die eigentlich schlechte Nachricht. Denn sie ist gleichsam Beleg für einen allgemeinen Trend, der die ohnehin schon taumelnde Branche in echte Existenznot stürzen könnte: Musiker können inzwischen mit Live-Auftritten - und dem dazugehörigen Marketing - viel mehr verdienen als mit dem erdrutschartig schwindenden CD-Verkauf.

Rekordhalter Rolling Stones

So verkaufte sich Madonnas Album "Confessions On A Dance Floor" in den USA 1,6 Millionen Mal, die Tournee dazu brachte dagegen Einnahmen von fast 200 Millionen Dollar. Die Tickets für das Londoner Auftaktkonzert der Spice-Girl-Tournee waren in 38 Sekunden ausverkauft.

Tour-Rekordhalter aber sind die Rolling Stones mit mehr als 558 Millionen Dollar für ihre knapp zweijährige "A Bigger Bang"-Tour.

"Live kann man nicht stehlen", sagt dazu ein Konzertveranstalter. Viele der Topstars setzen schon gar nicht mehr auf den Verkauf der Konserven. George Michael etwa stellt seine Musik kostenlos auf seine Internetseite, Prince legte sein neues Album im Sommer einer Sonntagszeitung bei.

Im März hatte bereits Ex-Beatle Paul McCartney für Schlagzeilen gesorgt, als er vom Musikkonzern EMI zum kleinen Label der Kaffeehauskette Starbucks wechselte. Die CD wurde dann auch bei Starbucks verkauft.

Auch die Spice Girls verkaufen ihre Best-Of-CD in Amerika nicht etwa über Plattenläden, sondern beim Dessous-Anbieter Victoria's Secret. Die britische Band Radiohead stellte vergangene Woche ihr neues Album ohne jede Plattenfirma einfach ins Internet - die Fans durften den Preis bestimmen und auch gratis zugreifen. In den ersten zwei Tagen soll es 1,2 Millionen Downloads gegeben haben.

Massiver Einbruch im ersten Halbjahr

Die Musiker folgen dabei nicht allen einem Gefühl, dass Musikaufnahmen im digitalen Zeitalter ein allzu flüchtiges Gut geworden sind. Es sind vielmehr handfeste Zahlen: Der weltweite CD-Markt ist allein im ersten Halbjahr 2007 um weitere 20 Prozent eingebrochen.

"Das ist mehr, als wir erwartet haben", gibt etwa Bertelsmann-Finanzvorstand Thomas Rabe zu, der für den Gütersloher Medienkonzern das Musikgeschäft koordiniert. Zumal der Markt bereits seit Jahren rückläufig ist. Bertelsmann ist mit 50 Prozent an der weltweit zweitgrößten Plattenfirma Sony BMG beteiligt.

Zu allem Überfluss deutet sich auch bei Internet-Downloads ein Preisrutsch an. So reduzierte der unumstrittene Marktführer Apple unter dem Preisdruck der Wettbewerber Musik ohne Kopierschutz in seinem Online-Shop iTunes um knapp 25 Prozent. Statt bisher 1,29 Dollar würden kopierschutzfreie Songs künftig wie alle anderen 99 US-Cent kosten, sagte Apple-Chef Steve Jobs dem "Wall Street Journal". Die Preise würden spätestens am Mittwoch umgestellt.

Sony-BMG-Vorstandschef Rolf Schmidt-Holtz hatte als Reaktion auf die sich seit langer Zeit abzeichnende Entwicklung ein neues System erdacht, mit dem die Plattenindustrie ihre davonschwimmenden Felle retten will: Künstler sollen nicht nur noch per Plattenvertrag gebunden werden. Die Verträge sollen den Plattenfirmen neben dem CD-Absatz auch Einnahmen aus Konzerten, Tourneen, dem Verkauf von Fanartikeln und Fernsehauftritten ihrer Künstler sichern.

Konzertveranstalter wittern Morgenluft

Der "Fall Madonna" beweist, dass diesen Gedanken in umgekehrter Richtung auch die Konzertveranstalter haben. Ihr Markt ist allein in Deutschland in den vergangenen sechs Jahren von 1,4 Milliarden auf 2,8 Milliarden Euro gewachsen. Das Volumen der Plattenverkäufe sank im gleichen Zeitraum von 2,2 Milliarden auf 1,4 Milliarden Euro.

Peter Schwenkow, Vorstand des größten deutschen Konzertveranstalters Deutsche Entertainment, sagt es mit einem Bild: "Zwei sich innig Liebende bewegen sich mit demselben Spaghetti im Mund aufeinander zu." Die Frage sei nur, ob es zum Kuss, oder zum Schaden am Gebiss komme, fügt er süffisant hinzu.

Damit seine Firma nicht den Schaden erleidet, hat Schwenkow schon vor zwei Jahren den früheren Bertelsmann-Musikmanager André Selleneit ins Haus geholt. Er ist damit betraut, im kleineren Rahmen das zu machen, was Madonna jetzt als Paukenschlag verkündet hat: Künstler von Plattenfirmen zum Konzertveranstalter zu ziehen. Oder noch besser: sie neu aufzubauen. Mit dem österreichischen Pop-Duo Luttenberger-Klug etwa hat es schon für die Top Ten gereicht. Gerade auf viel versprechende Nachwuchskünstler haben es auch die Plattenfirmen abgesehen. "Die Großen wie Madonna machen sowieso ihr eigenes Geschäft", sagt ein Branchenkenner.

mik/dpa/dpa-AFX

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