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Tsipras in Italien: Der römische Zwillingstrick

Ein Kommentar von , Rom

Matteo Renzi: Ohne Schlips, Marsch! Zur Großansicht
AFP

Matteo Renzi: Ohne Schlips, Marsch!

Wird Italiens Premier Renzi sich heute mit Syriza verbünden, um den EU-Sparkurs zu lockern? Hoffentlich nicht. Denn so sehr die Griechen über exzessive Sparpolitik klagen können, so wenig dürfen das die Italiener. Deren Probleme sind ausschließlich hausgemacht.

Sie könnten glatt als Zwillinge durchgehen. Matteo Renzi, 40 Jahre alt, gerne ohne Krawatte unterwegs, Twitter-Virtuose. Und Alexis Tsipras, 40 Jahre alt, aus Prinzip ohne Krawatte unterwegs, ebenfalls Twitter-affin. Wenn die beiden Premierminister am Dienstagnachmittag in Rom zusammentreffen, dürfte zumindest Renzi brüderliche Nähe demonstrieren – unmittelbar nach dem Syriza-Wahlsieg schwang er sich auf zum Sachwalter griechischer Interessen in Europa. Natürlich geht es dem gewieften Italiener dabei in erster Linie um eigene Interessen. Indem Renzi scheinbar für Griechenland eintritt, möchte er eine Auflockerung jenes EU-Sparkurses erreichen, für die Rom seit Langem wirbt.

Doch einen schlechteren Anwalt könnte sich Tsipras kaum nehmen. Ganz gleich, welche Sünden Athen auf sich geladen hat: Dass der strikte Sparkurs Griechenland schlicht die Luft zum Aufschwung abgewürgt hat, mögen selbst strenge EU-Beamte nicht mehr leugnen. Zugleich wächst die Anerkennung für die griechische Sparleistung. 15 Prozent der Wirtschaftsleistung betrug das Haushaltsdefizit einst, binnen weniger Jahre schafften es die Griechen auf einen der geringsten Werte in der Eurozone.

Viel versprochen, wenig geliefert

Und in Italien? Anders als Griechenland besitzt das Land durchaus eine wettbewerbsfähige Industrie. Doch die Wirtschaftsleistung liegt noch immer auf dem Niveau der Jahrtausendwende, seit 15 Jahren ist die italienische Wirtschaft netto nicht mehr gewachsen. Schuld sind die italienischen Institutionen. Das Land hat einen der niedrigsten Anteile an Hochschulabsolventen. Selbst im Sudan lassen sich Streitigkeiten über Geschäftsverträge rascher lösen. Und bis vor Kurzem konnten Arbeiter in Rom, Florenz oder Pisa sogar dann kaum gefeuert werden, wenn sie stahlen oder blau machten.

Renzi verspricht, Arbeitsmarkt und Staat zu erneuern. Aber mutige Strukturreformen à la Portugal oder Spanien kann er bislang nicht vorweisen - die EU-Behörden zeigten sich dennoch erstaunlich nachsichtig gegenüber dem hoch verschuldeten Italien.

Politisch liegt für Renzi durchaus nahe, sich am Dienstag mit Tsipras zu verbünden und so geschickt von eigenen Reformversäumnissen abzulenken. Doch Europa sollte auf den Zwillingstrick nicht hereinfallen. Die Krisen in Italien und Griechenland haben weniger miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Griechenland leidet unter einer Strukturkrise, zu der durch den aufgezwungenen Sparkurs noch eine Nachfragekrise hinzukam. Italien leidet ausschließlich unter einer Strukturkrise - und die ist so hausgemacht wie Mamas Pasta.

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Gregor Peter Schmitz ist Europa-Korrespondent bei SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Brüssel.

E-Mail: Gregor_Peter_Schmitz@spiegel.de

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1. Dieses Risiko
hevopi 03.02.2015
ist uns sicher bewußt, es ändert aber nicht die Situation allgemein in Europa. Das Hauptproblem ist und bleibt (neben unfähigen Behörden) die völlig verkorkste Umverteilung der Lasten und eine Investition in die Infrastruktur. Solange die erkannten Mängel (Schwarzarbeit, Steuerflucht, Lobbyismus, Korruption) nicht mit allen Mitteln bekämpft werden, werden wir nicht glücklich leben können. Darauf müssen sich die Politiker konzentrieren und solche Typen wie in Luxemburg (Briefkastenfirmen zur Steuerhinterziehung), jetzt im EU-Parlament entsorgen.
2. Was stimmt denn nun...
reinerhohn 03.02.2015
...staendig liest man bei euch, die Griechen seien selbst schuld, weil sie so gut wie keine Reformen angegangen sind, und nun heißt es das viele sparen haette sie, anders als die Italiener in diese missliche Lage gebracht. Sollte doch etwas wares an dem Wort Luegenpresse sein? Wir hier alles grade mal so dargestellt, wie es fuer den naechsten Artikel passt?
3. Sparbegriff für Volkswirtschaften fragwürdig
klaus meucht 03.02.2015
Liebe Journalisten. Bitte hört endlich auf den Sparbegriff auf Volkswirtschaften auszudehnen. Otto Normalverbraucher versteht unter Sparen einer von folgenden Aktionen 1. Konsumverzicht 2. Geld horten 3. Geld leihen und Zinsen kassieren Konsumverzicht erfolgt ja weitgehend schon aufgrund steigender Arbeitslosigkeit. Es führt zu Mindereinnahmen der Unternehmen. Die Wirtschaftsleistung des Landes geht zurück. Geld horten ist für eine Volkswirtschaft schädlich. Damit die Wirtschaft blüht, sollte Geld immer im Umlauf sein. Geld leihen scheint sinnvoll. Aber welches Land ist bereit sich an Griechenland oder Italien zu verschulden? Es können nie alle gleichzeitig sparen. Und je mehr Menschen sparen desto mehr Schuldner sind notwendig, damit das Sparen funktioniert. Sparen bedeutet die Verantwortung aus Geld einem Mehrwert zu erzeugen, dem Schuldner zu überlassen. Wer den Sparbegriff auf ganze Volkswirtschaften anwendet sollte erklären was er damit meint. Ausgabenverzicht des einen sind Einnahmeverluste des anderen. D.h. insgesamt wird gar nichts gespart. Ein Land kann gegenüber dem Ausland sparen aber dann soll man sagen welches Land bereit ist sich für Griechenland oder Italien zu verschulden. Länder mit einer anderen Währung können bei zu hohen Schulden abwerfen. Übrigens ein Mensch kann sein Geld nur einmal ausgeben. Volkswirtschaftlich gesehen ist das Geld im Umlauf. Es hat immer wieder ausgegeben.
4.
rumpelstilzchen1980 03.02.2015
Das ist kein Problem einzelner Staaten. Sondern des Wirtschaftssystems. Und ich denke wir sind in Endspiel, das zwar noch ein paar Jahre dauern kann, aber der Knall kommt. Die Griechen sind da vielleicht nur ein Brandbeschleuniger. Unabhängig davon das sie eine marode bzw. unproduktive Wirtschaft haben ist ein System das durch Zinszahlungen kollabiert nicht zukunftsfähig. Und das liegt nicht an den Politikern, sonder ist din Kernproblem des Finanzsystems.
5. Ach?
ichglaubenichtalles 03.02.2015
-Denn so sehr die Griechen über exzessive Sparpolitik klagen können, so wenig dürfen das die Italiener. Deren Probleme sind ausschließlich hausgemacht.- Und die Probleme, die Griechennland jetzt hat, sind nicht hausgemacht? Warum jetzt Mitleid auf der einen Seite erwecken, aber ja nicht fuer die andere? Wenn schon denn schon fuer beide. Nicht!
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,796 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Sergio Mattarella

Regierungschef: Matteo Renzi

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