Allianz-Jobabbau Feuern und Feiern

Allianz, Deutsche Bank und Telekom bauen trotz Rekordgewinne massiv Jobs ab. Die Beschäftigen sind entsetzt. Doch die Börse bejubelt den Umbau, die Shareholder-Value-Bewegung triumphiert. Die Globalisierung ist in Deutschland endgültig angekommen.

Von Kai Lange


Hamburg - In einem Karaoke-Wettbewerb hätten Michael Diekmann, Josef Ackermann, Kai-Uwe Ricke, Manfred Wennemer und viele weitere Dax-Lenker beste Chancen. Sie sind textsicher, harmonieren im Ton und treffen traumwandlerisch immer die gleiche Grundmelodie. Das Lied, das es rüberzubringen gilt, ist der Song der Globalisierung in all seinen Tonarten: "Stillstand ist Rückschritt", "Gewinn ist zu steigern" und "Schade, dass du gehst."

Allianz: Aus der "Position der Stärke" den Jobabbau vorantreiben
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Allianz: Aus der "Position der Stärke" den Jobabbau vorantreiben

Allianz-Chef Michael Diekmann hat in dieser Woche eine neue Strophe hinzugefügt, als er dem Konzern (Jahresgewinn 2005: 4,4 Milliarden Euro) einen Abbau von rund 7500 Arbeitsplätzen verordnete, davon 2500 bei der Tochter Dresdner Bank. Sich mit "dem aktuellen Niveau zufrieden zu geben", so Diekmann, "wäre die Entscheidung zum langsamen Abstieg". Die Allianz Chart zeigen müsse "aus einer Position der Stärke" umbauen: Abzuwarten und erst zu reagieren, wenn das Unternehmen unter Druck stehe, sei für die Betroffenen "weitaus härter".

"International interessiert das Thema niemanden"

Keine Atempause. Nie zufrieden sein. So klingt die Variation des Leitthemas von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der sich in der Verantwortung sieht, "aus Deutschland heraus eine Bank zu führen, die im Weltkonzert ganz vorne mitspielt". Mit der Konsequenz, dass es in wenigen Jahren rund 6400 Mitarbeiter weniger sein werden, die bei der Deutschen Bank Chart zeigen mitspielen. Vorne im Weltkonzert bedeutet: Eine Rendite auf das eingesetzte Kapital von mindestens 25 Prozent. Der Gewinn (3,7 Milliarden Euro 2005) ist zwar stattlich, aber steigerungsfähig.

Der Dax-Überblick: Kurse leicht erholt
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Der Dax-Überblick: Kurse leicht erholt

Telekom-Chef Kai Uwe Ricke und Continental-Chef Manfred Wennemer hatten bereits vor Monaten den Ton vorgegeben. 32.000 Mitarbeiter sollen bei der Deutschen Telekom (Gewinn 2005: 5,6 Milliarden Euro) bis Ende 2008 gehen. "Wir dürfen uns nicht blenden lassen", hatte Ricke gewarnt und auf die noch "überdeckten" Probleme der Telekom Chart zeigen hingewiesen, die massiv Marktanteile an die Konkurrenz verliert.

"Wenn wir die Probleme heute nicht lösen, können sie uns morgen schon umbringen", betonte Ricke. Fast schon gelassen klang dagegen Conti-Chef Wennemer, der den Protest gegen den Jobabbau im Stammwerk Hannover-Stöcken als Ausdruck einer "lokalen Moral" kleinredete. "International interessiert das Thema Stöcken niemanden", so Wennemer.

Eine Frage der Augenhöhe also. Wer den Blick auf das große, globale Ganze hat, dem erscheinen ein Reifenwerk in Stöcken, eine Allianz-Niederlassung in Köln, die Dame am Schalter der Deutschen Bank oder ein paar tausend Telekom-Techniker winzig klein.

Jammern hilft nicht

Bedauerlich? Ja, aber Jammern hilft nicht. "Man sollte einzelne Konzerne nicht in eine gesamtwirtschaftliche Beschäftigungspflicht nehmen", sagt Henning Klodt, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Sie sollen tun, was betriebswirtschaftlich geboten ist, damit sie nicht längerfristig noch mehr Arbeitsplätze abbauen müssen."

Eine Gewinnchance auszulassen, weil die Gewinne des Vorjahrs bereits hoch genug sind, sei nach Ansicht für einen Unternehmenslenker nicht zu verantworten."Die Globalisierung hat diesen Wettbewerb zweifellos verschärft. Den Konzernlenkern bleibt damit keine Zeit, sich in Erfolgen von gestern zu sonnen."

"Das Problem der Arbeitslosigkeit ist nicht durch Schuldzuweisungen an einzelne Konzerne zu lösen. Nicht dort, sondern durch die Spielregeln am Arbeitsmarkt wird über eine hohe Beschäftigung entschieden", sagt der Kieler Globalisierungsexperte. Dass in Deutschland in den vergangenen Jahren rund vier Millionen Arbeitsplätze in der Industrie verloren, aber 4,5 Millionen Jobs im Dienstleistungssektor gewonnen wurden, habe mit dem Strukturwandel zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft zu tun. "Es geht darum, angesichts dieses Wandels für wirtschaftliche Dynamik zu sorgen - das ist nicht Sache eines einzelnen Konzerns", so Klodt.

Mangel an Kreativität

Dennoch: Besonders fantasievoll agieren die Kostenkiller nicht. Die Sparprogramme im Dax Chart zeigen sind das Ergebnis eines Modewellen-Managements: "Mit dem Ansatz, sich möglichst breit aufzustellen, sind viele Konzernlenker vor einigen Jahren auf die Nase gefallen", sagt der Ökonom des IfW. Jetzt laute das Zauberwort "Rückzug auf die Kernkompetenz." Moderne Unternehmen müssten schlank und schlagkräftig sein: "Die Kosten einzudampfen und auf diese Weise die Rentabilität zu steigern, ist kurzfristig sicherlich einfacher und weniger riskant, als über Innovationen und Wachstumsstrategien nachzudenken", sagt Klodt.

Dabei gibt es kreative Ausnahmen wie BASF Chart zeigen, die Globalisierung nicht als Bedrohung, sondern als Chance wahrnehmen. Der Chemiekonzern aus Ludwigshafen ist inzwischen Weltmarktführer und expandiert in Asien wie in den USA - mit dem Ziel, die Fertigung deutscher Chemiespezialitäten und damit die Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern, betont BASF-Chef Jürgen Hambrecht. So lange die Wachstumsstrategie greift, können BASF-Mitarbeiter in Ludwigshafen gelassener sein als Volkswagen-Werker in Wolfsburg: Auch Volkswagen zieht im Ausland neue Fertigungsstätten hoch, baut aber gleichzeitig Arbeitsplätze in Deutschland ab.

Analysten applaudieren

Die Globalisierung ist in Deutschland endgültig angekommen - für viele hiesige Beschäftigte eine Gefahr. Dass die im Dax vertretenen Global Player ihre Spar- und Effizienzprogramme so konsequent durchziehen, bedeutet für Anleger dagegen eine neue Chance.

Selbst wenn sich die globale Konjunktur wie befürchtet in den kommenden Monaten abkühlen sollte, dürften die stolzen Gewinnmargen im Dax weiterhin auf hohem Niveau bleiben, schätzt Analyst Andreas Hürkamp von der Landesbank Rheinland-Pfalz. Er rechnet damit, dass der Dax spätestens im Oktober wieder den Weg nach oben einschlagen wird: Die meisten Konzerne haben seit 2002 ihre Kosten so rigoros eingedampft, dass auch bei nur durchschnittlichen Umsätzen die Basis für steigende Gewinne gelegt ist.

Bis Oktober müssen Investoren womöglich gar nicht warten. Die US-Investmentbank Merrill Lynch hat das Kursziel für die Allianz-Aktie Chart zeigen auf 155 Euro gesetzt, kaum dass das Sparpaket bekannt wurde. Bear Stearns sieht den fairen Wert der global ambitionierten Deutschen Bank Chart zeigen bei 115 Euro, Lehman Brothers gar bei 132 Euro. US-amerikanische Analysten und Investoren halten sich ohnehin nicht lange mit deutschen Beschäftigungsbefindlichkeiten auf: Wenn es die wichtigste Aufgabe von Managern ist, den Ertrag und den Wert des Unternehmens zu steigern, dann haben die Sparer und Kostenkiller mit ihren Sanierungsprogrammen richtig gehandelt.

Risiko Heimatmarkt

Keine Zeit also für Sentimentalitäten. Investoren können den Sparweltmeistern im Dax treu bleiben, solange die Strategie dieser Unternehmen auch im Heimatmarkt aufgeht. Sie geht auf, so lange sich der Staat an den Kosten für Jobabbau und Frühverrentung beteiligt. So lange die schwache Binnenkonjunktur, über die der Handel klagt, nicht weiter sinkt. So lange die Sozialsysteme nicht kollabieren und dramatisch steigende Steuern und Abgaben wieder für eine neue Standortdebatte sorgen.

Erst wenn zu viele Menschen in Deutschland zu wenig Einkommen haben, um langfristige Lebens- und Rentenversicherungen bei der Allianz oder der Deutschen-Bank-Versicherungstochter Deutscher Herold abzuschließen, muss die Strategie überdacht werden. Doch stattdessen hat der Staat den Finanzkonzernen mit seinen Zuschüssen etwa zur privaten Altersvorsorge einen Auftragsboom beschert. Dank oder eine Gegenleistung darf er dafür nicht erwarten: Er hat es mit total globalen, gut aufeinander abgestimmten Unternehmen zu tun.



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