Allianz-Jobabbau Rüttgers fordert Überdenken der Sparpläne

Die Umbaupläne der Allianz, denen 7500 Stellen zum Opfer fallen, sorgen bundesweit für Empörung. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Rüttgers forderte den Versicherer auf, die Sparpläne abzumildern. Arbeitnehmervertreter werfen dem Konzern mangelnde Verhandlungsbereitschaft vor.


München - "Mir ist unverständlich, wie der Konzern mit seinen Mitarbeitern umgeht", sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) in Düsseldorf. Ein Unternehmen dürfe so etwas nicht ankündigen, ohne den Mitarbeitern genau zu sagen, was aus ihnen wird. "Ich frage mich, wenn man so mit seinen Mitarbeitern umgeht, wie man dann mit seinen Kunden umgeht", sagte Rüttgers. Die Allianz solle ergebnisoffen verhandeln, um das Sparprogramm noch zu mildern.

Ministerpräsident Rüttgers: "Wo bleibt denn da die Kundennähe?"
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Ministerpräsident Rüttgers: "Wo bleibt denn da die Kundennähe?"

Die Allianz plant einen radikalen Umbau der Konzernstrukturen. In den Sparten Lebens-, Sach- und Krankenversicherungen will sie dabei 5000 Stellen abbauen, 11 der bislang 21 Verwaltungszentren sollen geschlossen werden. Bei der ertragsschwachen Tochter Dresdner Bank sollen rund 2500 weitere Jobs wegfallen.

Nordrhein-Westfalen ist besonders betroffen von den Umbauplänen des Versicherers. Dem örtlichen Allianz-Betriebsrat zufolge sind allein in Köln 1800 Arbeitsplätze in Gefahr sowie 350 in Dortmund und 120 in Aachen. Er habe kein Verständnis für den Plan, alle Regionalzentralen in seinem Bundesland zu schließen, immerhin sei Nordrhein-Westfalen der zweitgrößte Versicherungsstandort in Deutschland, kritisierte Rüttgers deshalb heute. "Wo bleibt denn da die Kundennähe?"

Die Sparpläne hatten schon gestern für Empörung gesorgt, vor allem weil die Allianz Milliarden erwirtschaftet.. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern seinen Gewinn um satte 30 Prozent auf den Rekordwert von 4,4 Milliarden Euro und den Umsatz um rund vier Prozent auf über 100 Milliarden Euro steigern können. Arbeitnehmervertreter sprachen deshalb schon gestern von einer "Riesen-Schweinerei", die hessische SPD-Chefin forderte sogar, profitablen Unternehmen betriebsbedingte Kündigungen gesetzlich zu verbieten.

Die Bundesregierung äußerte sich heute allerdings zurückhaltend zu den Sparplänen. Es handele sich dabei um eine unternehmerische Entscheidung, "die die Bundesregierung nicht korrigieren kann", sagte Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Der Abbau von Stellen sei im Einzelfall zwar bedauerlich. Man müsse aber auch sehen, dass er bei Umstrukturierungen und neuen Konzepten notwendig sein könne.

Betriebsrat erst am Vorabend informiert

Die Gewerkschaft Ver.di fordert dagegen von der Allianz eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2010 sowie Standortzusagen. Eine Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden sei eine Möglichkeit, um Stellenabbau zu verhindern, sagte Ver.di-Versicherungsexperte Oliver Ostmann. Seinen Angaben zufolge sind von dem geplanten Jobabbau sogar fast 9000 Menschen bei Allianz und Dresdner Bank betroffen. Ostmann sagte, die Arbeitgeber weigerten sich im Moment, mit Ver.di über Alternativen zu Stellenkürzungen zu verhandeln. Deshalb mache die Gewerkschaft Druck.

Allianz-Betriebsratschef Norbert Blix kündigte Widerstand gegen die Sparpläne an. "Wir werden versuchen, in den kommenden Monaten in den gesetzlich vorgeschriebenen Beratungen das Management davon abzubringen", sagte Blix der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Der Betriebsrat werde auch zwei renommierte Unternehmensberatungen einschalten. Diese sollten prüfen, ob es zu den Streichungen wirklich keine Alternativen gebe. "Wir wissen jedenfalls, dass der Vorstand auch selbst Alternativlösungen erwogen hat", sagte Blix.

Der Gesamtbetriebsrat fühle sich von den Plänen des Konzerns "überrollt", sagte Lutz Steinhardt, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates und Aufsichtsratsmitglied der Allianz Versicherungs-AG, dem "Tagesspiegel". Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hätten den Vorstand mehrfach dazu aufgefordert, vor einer Veröffentlichung über die detaillierten Pläne zu informieren. "Es ist völlig unverständlich, warum dies nicht geschehen ist", erklärte Steinhardt. Die Betriebsräte der Allianz waren am Vorabend der Veröffentlichung über die Pläne informiert worden.

DGB-Chef Michael Sommer sagte im RBB Inforadio, was die Allianz mache, sei "absolut kontraproduktiv". Langfristig sei der Schaden für den Versicherer und die Dresdner Bank durch den Stellenabbau sehr viel größer als der Nutzen. "Sie verschlechtern ihr Image, sie verschlechtern ihren Kundenservice und überall dort, wo der Kunde dann schlechter behandelt wird, gerade bei Finanzdienstleistungen, wird er sich Alternativen suchen."

ase/dpa/reuters



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