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Allianz: Wütende Proteste gegen Stellenabbau trotz Milliardengewinn

"Riesenschweinerei", "kaum zu glauben" - das Vorhaben der Allianz, trotz Milliardengewinnen 7500 Stellen zu streichen, sorgt für Empörung bei Betriebsräten, Gewerkschaften und Kommunen. Hessens SPD-Chefin Ypsilanti fordert, rentablen Konzernen betriebsbedingte Kündigungen zu untersagen.

München/Frankfurt - Am härtesten trifft es Köln: Der Standort mit 1300 Vollzeitstellen wird ebenso aufgelöst wie die Lebensversicherung in Frankfurt am Main, die Krankenversicherung in Dortmund und die Schadenbearbeitung in Aachen, Mainz, Mannheim, Freiburg, Ulm, Augsburg, Nürnberg, Hannover und Magdeburg. Es werde aber "an allen anderen Standorten auch Personaleinsparungen geben", sagte der neue Allianz-Deutschland-Chef Gerhard Rupprecht.

Allianz-Niederlassung in Köln: "Die Allianz will sich aus dem wirtschaftsstärksten Bundesland zurückziehen"
AP

Allianz-Niederlassung in Köln: "Die Allianz will sich aus dem wirtschaftsstärksten Bundesland zurückziehen"

Von 31.000 Vollarbeitsplätzen streicht die Allianz jetzt 5000 Stellen, hinzu kommen 700 Vertriebsstellen, die wegfallen sollen. Das war schon länger bekannt. Bei der Tochter Dresdner Bank werden außerdem bis 2008 fast 2500 Stellen eingespart. Betriebsbedingte Kündigungen seien bei dem gigantischen Streichprogramm nicht ausgeschlossen, hieß es heute bei dem Versicherer - auch wenn man vor allem auf andere Lösungen wie Teilzeitarbeit und Vorruhestand setzen wolle.

Mit dem massiven Jobabbau reiht sich der Versicherungskonzern nach Deutscher Bank und Deutscher Telekom in die Reihe jener Großkonzerne ein, die trotz glänzender Bilanzen ihren Personalbestand radikal verkleinern. Im vergangenen Jahr hatte der Allianz-Konzern seinen Gewinn um 30 Prozent auf den Rekordwert von 4,4 Milliarden Euro und den Umsatz um rund vier Prozent auf über 100 Milliarden Euro gesteigert. Obendrein sind seit 2001 bereits etwa 16.000 Jobs bei der Dresdner Bank gestrichen worden.

Gewerkschafter und Politiker reagierten dementsprechend empört. Die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti forderte sogar, profitablen Unternehmen betriebsbedingte Kündigungen gesetzlich zu verbieten. "Da werden einfach Leute auf die Straße gesetzt, die vorher durch ihren Fleiß die Gewinne des Konzerns miterwirtschaftet haben", kritisierte die SPD-Linke.

Der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma erklärte, er habe dem Münchner Konzern in den vergangenen Wochen wiederholt Hilfe bei der Entwicklung des Standorts Köln angeboten. "Ich kann es kaum glauben, dass sich der Konzern aus dem bevölkerungsreichsten und mit einem Bruttoinlandsprodukt von 500 Milliarden Euro wirtschaftsstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen komplett zurückziehen will." 

Die Gewerkschaft Ver.di drohte, wenn die Allianz nicht sofort über längere Beschäftigungs- und Standortgarantien verhandle, seien Streiks nicht mehr auszuschließen. Eine "Riesenschweinerei" seien die Pläne, empörte sich der Hamburger Allianz-Betriebsratsvorsitzender, Jens Schulzki. Der Gesamtbetriebsrat will nun externe Gutachter zu Rate ziehen. "Wir werden zwei renommierte Unternehmensberatungen damit beauftragen zu überprüfen, ob es zu den Streichungen wirklich keine Alternativen gibt", kündigte Betriebsratschef Norbert Blix in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an.

Konzern spricht von notwendigen Schritten

"Das sind schmerzliche, aber notwendige Schritte, um die Wettbewerbsfähigkeit der Allianz nachhaltig zu sichern", verteidigte Deutschland-Chef Rupprecht sein Programm. Die Allianz habe in den vergangenen Jahren rund eine Million Kunden an Wettbewerber verloren. Die betroffenen Mitarbeiter sollten Chancen bekommen, sich auf andere Arbeitsplätze im Konzern zu bewerben, "die wir in großem Umfang ausschreiben werden". Die Börse reagierte positiv auf die Pläne. Bis zum Nachmittag gewannen die Allianz-Aktien zeitweise 2,17 Prozent auf 122,22 Euro.

Die Stellenstreichungen sind Folge eines radikalen Umbaus im Konzern: Die Lebens-, Sach- und Krankenversicherung wird unter dem Dach der Allianz Deutschland gebündelt, der Vertrieb wird ausgegliedert. Die tiefsten Einschnitte muss der Versicherungsdienst hinnehmen: Hier fallen rund 3300 Stellen weg. Zudem reduziert die Allianz die Zahl ihrer Verwaltungsstandorte von 21 auf zehn.

Die Kosten für den Umbau bezifferte der Konzern auf rund 500 Millionen Euro. Zugleich werden Einsparungen von 500 bis 600 Millionen Euro erwartet. Ein Teil davon soll vor allem über günstigere Policen für Lebensversicherungen direkt an die Kunden weitergegeben werden.

Wüstenrot streicht 1000 Stellen

Unterdessen gab auch der Baufinanzierer Wüstenrot Sanierungspläne bekannt, im Rahmen derer 800 bis 1000 Arbeitsplätze gestrichen werden - mehr als ein Viertel aller Jobs. Der Abbau solle bis zum Jahr 2008 vollzogen werden, sagte ein Sprecher des Finanzkonzerns Wüstenrot & Württembergische in Stuttgart. Bislang seien bei der Bausparkasse und der dazugehörigen Bank 3600 Mitarbeiter beschäftigt.

Der Abbau der Stellen solle weitgehend sozialverträglich erfolgen. Betriebsbedingte Kündigungen seien aber nicht vollständig auszuschließen, sagte der Sprecher. Gespräche mit dem Betriebsrat würden aufgenommen. Wüstenrot hatte in den vergangenen Jahren laufend Marktanteile verloren und Rückgänge im Bauspargeschäft verzeichnen müssen.

ase/AP/AFP/dpa/

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