Wirtschaftsgeschichte Mit Schmutz Wäsche waschen

Einer musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz porträtieren ausgestorbene Berufe - wie etwa den Urinwäscher.

Urinwäscher bei der Arbeit: Fullone beim Bearbeiten von Stoffen
Irmela Schautz

Urinwäscher bei der Arbeit: Fullone beim Bearbeiten von Stoffen


Fullone/Urinwäscher: Wäscher- und Walkerzunft im alten Rom, die ihr eigenes Waschmittel herstellte

Erkennungszeichen: wunde Beine

Aktive Zeit: Römisches Kaiserreich; danach nur noch vereinzelt und meist nur für die Verarbeitung von Wollstoffen, in England bis 1935

Im Jahr 150 v.Chr. erinnert sich der Römer Macrobius eines republikanischen Erzählers, der sich über Wein trinkende Würdenträger beschwerte: Sie hätten sich öfter schamlos aus dem Sitzungssaal gestohlen, um draußen auf der Straße in Auffanggefäße zu pinkeln. Archäologen kennen diese Urin-Amphoren nur zu gut - angiporto amphora oder vasae curtae. Von Ausgrabungen ist bekannt, dass solche Vasen in römischen Städten an wichtigen Verkehrsknotenpunkten aufgestellt wurden und so quasi als öffentliches Pissoir dienten. Geleert wurden sie von den Fullonen, den Urinwäschern, die den Inhalt zum Reinigen der römischen Togen verwendeten. Man darf als Kenner römischer Pinkelgewohnheiten zusammen mit Macrobius aber vor allen Dingen aus einem entscheidenden Grund die Nase rümpfen: Im alten Rom war bekannt, dass sich der Urin von Weintrinkern - wegen seines geringen Alkaligehalts - weit weniger gut als Waschmittel verwenden ließ als beispielsweise Kamelharn. So störten die Senatoren also nicht nur die Sitzungen, sie lieferten auch noch unbrauchbaren Roh-Ammoniak.

Geld stinkt nicht

Die Fullonen des alten Rom waren nicht die Ersten, die von der reinigenden Wirkung des menschlichen Wassers wussten; schon im alten Ägypten wurde bei der Bearbeitung von Wolle ebendieser Grundstoff verwendet. Die Fullonen, die nichts anderes erledigten als unsere heutigen Wäschereien, waren also vor allem daran interessiert, viel Harn zu sammeln. Darum verteilten sie ihre Urin-Amphoren in der Stadt und luden die Bürger ein, ihren Roh-Ammoniak dort hineinzupinkeln. Der Praktikabilität halber schlugen sie den Amphoren die Hälse ab, damit die Erledigung der Notdurft treffsicherer gelang. Auch die Besitzer öffentlicher Pissoirs wurden um deren wertvollen Inhalt gebeten. Die oft zitierte Anekdote von Kaiser Vespasian, aus der das Sprichwort "Geld stinkt nicht" abgeleitet wurde, rührt von folgendem Umstand her:

"Als Titus, sein Sohn, ihn rügte, weil er eine Steuer für Urin erhob, da hielt Kaiser Vespasian seinem Sohn eine Münze vor die Nase, die aus den ersten Gewinnen dieser Steuer stammte, und fragte ihn, ob er den Geruch dieser Münze als anrüchig empfinde. Als Titus mit ›Nein‹ antwortete, sprach der Kaiser: ›Und doch stammt sie vom Urin‹. Non olet - es stinkt nicht."

Vor allem in Pompeji stießen die Archäologen bei Ausgrabungen auf Reste von Fullonen-Betrieben, die zum Teil mitten in der Stadt lagen. In südlicheren Städten des Römischen Reiches, wie Jerusalem oder Karthago, scheinen die Fullonen sich eher außerhalb, im Bereich der Stadtmauer, niedergelassen zu haben. Wahrscheinlich ist diese Tatsache auf den Geruch ihres Waschmittels zurückzuführen, das, durch die warme Luft verstärkt, doch etwas anders duftete als die heute übliche Seife.

Neben dem Reinigen leisteten die Urinwäscher einen weiteren Service: Sie behandelten rohe Wollstoffe mit der Urinmischung, um auf das Wollfett einzuwirken. Eine Methode, die im englischen Oxfordshire bis vor Kurzem noch für die feinen, in Luxusgeschäften angebotenen Witney-Wolldecken verwendet wurde. Auch in Österreich-Schlesien war diese Art der Wollbehandlung bis zu Beginn des letzten Jahrhunderts gebräuchlich. Dort sammelte man, ähnlich wie im alten Rom, den menschlichen Urin in Tonnen, die meist vor Gasthäusern standen. Eine andere Verwendung pflegte man auf Kuba: Dort weichte man die Tabakblätter in Frauen-Urin ein, um sie schmackhafter zu machen.

Urin diente außerdem bei den Römern, wie auch in anderen Kulturen, zum Färben. Im fernen Indien, so heißt es, wurde der Harn von Mangoblätter fressenden Kühen verwendet, um das herrliche Indischgelb zu erzeugen. In Deutschland tat es seit dem 9. Jahrhundert dagegen jede Form von Urin fürs Färben des allgegenwärtigen Waidblaus. Noch im Spätmittelalter benötigte man in der Fastenzeit für die Herstellung der blauen oder violetten Altardecken und Priestergewänder reichlich davon; deshalb waren die Arbeiter angehalten, am Wochenende viel Bier zu trinken, um am Montag genügend Harn abliefern zu können. Das bis heute gebräuchliche "Blau machen" ist darauf zurückzuführen, denn es ist überliefert, dass dieser Dienst manchmal mit einem freien Tag oder Halbtag belohnt wurde.

Die Ammoniakgewinnung der Neuzeit dagegen trieb prächtige Blüten. In Paris bezahlte die Stadt Reinigungspersonal für die Beseitigung des Schmutzes auf ihren Straßen, nur um ein paar Jahre später einer Firma die menschlichen Fäkalien für teures Geld abzukaufen: Händeringend suchte man nach dem Rohstoff des für die Chemie begehrten Ammoniaks. In Florenz durften die Bewohner in Mietskasernen eine Zeit lang nur das eigene Pissoir benutzen, weil die Hausbesitzer den Inhalt teuer verkauften.

Waschmittel aus Urin, Seifenkraut, Pottasche und Tonerde

Doch zurück zu den Fullonen. Durch Wandmalereien in Pompeij hat man eine ziemlich genaue Vorstellung vom Ablauf eines solchen Betriebs. Die dreckigen Kleider wurden demnach zuerst in Bottichen eingeweicht, was je nach Verschmutzungsgrad bis zu drei Tage dauern konnte. Als Waschmittel diente eine Mischung aus Urin, Seifenkraut, Pottasche und Tonerde. Nach dem Einweichen wurde mit den nackten Füßen auf den Kleidern herumgestampft, eine Tätigkeit, die vermutlich oft von Kindern erledigt wurde. Diese Form des Walkens half, den Schmutz aus den Fasern zu lösen. Danach wurden die Kleider gründlich ausgewaschen und geklopft, um das Gewebe wieder zu festigen, schließlich auf Holzstangen gehängt und getrocknet. Es gab sogar ein römisches Gesetz, das den Fullonen das exklusive Recht einräumte, Kleider auf den Straßen zu trocknen. Nach dem Trocknen hängte man die Kleider auf Stangen und bearbeitete sie mit Disteln, um Unebenheiten zu entfernen. Im nächsten Schritt wurden die Kleider auf eine Art Korb gespannt, unter dem Schwefel verbrannt wurde, um sie zu bleichen.

Um Farben, die ausgebleicht waren, aufzuhellen, wurde eine besondere Tonmischung auf die bunten Stellen gerieben. Die Kleider der Senatoren dagegen, die strahlend weiß zu sein hatten, wurden mit einer anderen Mischung bearbeitet. Der letzte Arbeitsschritt war das Bügeln oder Pressen: Eine Toga sollte einen ordentlichen Faltenwurf haben. Außerdem wirkten gebügelte Stoffe damals wie heute reiner. Wurden die Kleider beschädigt oder falsch ausgehändigt, erwartete den Fullonen eine entsprechende Strafe.

Es war Sitte im alten Rom, den Stoff für Togen als Geschenk zu überreichen. Eine Toga, die mehr als drei- oder viermal gewaschen worden war, eignete sich nicht mehr als Geschenk. Der Kaiser Elagabulus meinte gar, dass Stoffe, die mehr als einmal gewaschen waren, sich nur mehr für Bettler eigneten. Ausgerechnet er fand sein jähes Ende in einer Latrine.

Ganz ungefährlich war die Arbeit mit dem Ammoniak nicht

Die saubere äußere Erscheinung war im alten Rom hochgeschätzt. Ein bemerkenswerter Römer wurde als "lautus" bezeichnet, als "gut gewaschen". Die weißen Togen der Würdenträger spiegelten den vermeintlich reinen Charakter ebendieser wider. Die Fullonen, die den Römern diesen Dienst erwiesen, wurden darum jedoch nicht in Ehren gehalten, sondern, im Gegenteil, karikiert. Unzählige satirische Verse handeln von ihrer Zunft, wobei ein Altertumsforscher bemerkte, dass die römische Elite jeden verspottete, der arbeitete. Cicero, so heißt es, stammte von einem Fullonen ab, und es wurde ihm nachgesagt, er bearbeite seine Vorgesetzten wie der Fullone seine Kleider: Er walkte sie ordentlich durch.

In einem anderen überlieferten Schriftstück listet der Astrologe Firmicus Maternus Berufe auf, die dem Laster besonders schnell verfallen. Neben Bleichern, Wollarbeitern, Bäckern und Köchen finden sich dort auch die Fullonen.

Ganz ungefährlich war die Arbeit mit dem Ammoniak nicht. Plinius der Ältere behauptete zwar, dass Urin die Podagra, also Rheuma in den Füßen, heile und kaum ein Fullone von dieser Krankheit befallen sei; das mag stimmen, da dem Urin tatsächlich desinfizierende Wirkung nachgesagt wird. Dass die Fullonen allerdings an ganz anderen Zipperlein litten, wie entzündeten Beinen, die ja ständig mit dem Ammoniak in Berührung kamen, oder verätzten Lungen infolge des scharfen Schwefelgeruchs, bemerkte er nicht.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch von Michaela Vieser "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreissern", illustriert von Irmela Schautz; erschienen im C. Bertelsmann Verlag.



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schweineigel 10.06.2012
1. Blue-Tec
Es gibt auch eine Technologie, in der der bei Dieselfahrzeugen entstehende Ruß durch Zugabe von Ammoniak vermindert wird. Das Ganze wird ganz nett "BlueTec" genannt, um die Assoziation mit Gelben zu vermeiden, ähnlich der blauen Ersatzflüssigkeit bei der Werbung für Damenbinden. Durch den Artikel zeigt sich aber der komplette Weg: Urin > Ammoniak > blaue Wäschefarbe > BlueTec... Also noch logischer als ich gedacht habe :-)
seppiverseckelt 10.06.2012
2. HMMM-Sie bringen mich da...
Zitat von schweineigelEs gibt auch eine Technologie, in der der bei Dieselfahrzeugen entstehende Ruß durch Zugabe von Ammoniak vermindert wird. Das Ganze wird ganz nett "BlueTec" genannt, um die Assoziation mit Gelben zu vermeiden, ähnlich der blauen Ersatzflüssigkeit bei der Werbung für Damenbinden. Durch den Artikel zeigt sich aber der komplette Weg: Urin > Ammoniak > blaue Wäschefarbe > BlueTec... Also noch logischer als ich gedacht habe :-)
...auf eine interessante Idee ! Was meinen Sie- könnte man es Gewerblich Nutzen, den Besitzern von Diesel-KFZ , deren Droschken Noch nicht Harnstoff-entrußt arbeiten, anzubieten bei bedarf in deren Tank zu Pinkeln, um denselben Effekt hervorzurufen ? UND- Welche Menge wäre da jeweils nötig ?? Und auch- welchen Preis könnte man dafür dann verlangen ??? Da liegt noch einige Nachdenk-Arbeit vor mir- -aber der Ansatz ist gut... Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihre Geistige Hilfestellung ! ;-)))
widower+2 10.06.2012
3. Hm!
Also am Sonntag viel Bier trinken um am Montag genug zu urinieren? Sind die immer mit gekreuzten Beinen und arg verkniffenen Gesichtern rumgelaufen?
guteronkel 10.06.2012
4. Alte römische Sitten ...
Zitat von sysopIrmela SchautzEiner musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz portraitieren ausgestorbene Berufe - wie etwa den Urinwäscher. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,835739,00.html
Kann es sein, dass es auch heute noch üblich ist, sich über die lustig zu machen, die arbeiten? Ich habe das Gefühl, dass es ganz sicher so ist. Auch die ehemaligen Schlecker-Verkäuferinnen haben jetzt sicherlich den Eindruck, dass es lächerlich ist zu arbeiten. Bekamen sie doch jüngst mal wieder von der Politik einen Tritt in den Ar... . Und unser Bundespräsident muss eben mal nach Israel reisen und das U-Boot übergeben. Wieviel Millionen hat die BRD dort hineingebuttert? Ach so, dass weiß keiner. Mal sehen, ob die Schlecker - Damen bei der nächsten Wahl immer noch so gut drauf sind. Vielleicht haben sie gar eine "Anschlussverwendung" gefunden, so dass sie unserem Staat nicht mehr zur Last fallen. Vielleicht hat die eine oder andere sogar ein Organ verkaufen können. Natürlich zum äußerst günstigen "Schlecker"-Preis. Versteht sich doch von selbst.
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