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Amerikas Unterschicht: Fleißig, hungrig, zahnlos

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Jeder kann es nach oben schaffen, mit harter Arbeit und etwas Glück - lautet das amerikanische Credo. Unsinn, sagt Pulitzer-Preisträger David Shipler. In einem Buch über Amerikas versteckte Armut zeigt er: Selbst die Fleißigsten aus der Unterschicht haben kaum noch Chancen auf sozialen Aufstieg.

Angestellte bei Wal-Mart: "Am Boden der Arbeitswelt leben Millionen im Schatten des Wohlstandes"
AP

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Caroline Payne hat keine Zähne mehr im Mund. Das ist auch ihre eigene Schuld, aber nicht nur. Die meisten Zähne hat sie verloren, als sie in Florida von der Sozialhilfe lebte. Sie verrotteten einfach, vereiterten. Einen Zahnarzt konnte sich Payne nicht leisten. Eine Krankenversicherung sowieso nicht.

Irgendwann beschloss Caroline Payne, sich die restlichen Zähne ziehen zu lassen. Sie wollte gern ein Gebiss. Die staatliche Gesundheitsfürsorge Medicaid aber zahlte nur für besonders Bedürftige - für Menschen ganz ohne Zähne. Zwei zermürbende Stunden lang saß Payne im Zahnarztstuhl.

Jetzt hat sie ein Gebiss, aber es passt nicht. Sie muss würgen, sobald sie es einsetzt. Eine Reparatur würde 250 Dollar kosten - zu teuer. Caroline Payne, um die 50, findet aus der Armut nicht heraus, in die sie gestürzt ist - obwohl sie ein College-Degree nachgemacht hat, wieder arbeitet. In einem Wal-Mart räumt sie Ware in Regale. "Ich arbeite mir den Arsch ab", sagt sie. Aber immer, wenn sie sich für bessere Posten bewirbt, werden andere vorgezogen - Jüngere, Attraktivere.

Ein amerikanisches Urideal versagt

"Wäre Caroline nicht arm gewesen, hätte sie ihre Zähne nicht verloren. Hätte sie ihre Zähne nicht verloren, würde sie nicht arm bleiben", schreibt der Journalist und Autor David K. Shipler. Zwischen 1999 und 2003 hat er Caroline Payne immer wieder interviewt, über Geldnot mit ihr gesprochen, über Schulden - und ihre Träume von einer anständigen Betreuung für die geistig behinderte Tochter Amber.

Shipler-Buch  The Working Poor : "Obwohl niemand die Regierung so nötig braucht wie die Armen, haben sie wenig Einfluss auf die Politik"

Shipler-Buch The Working Poor: "Obwohl niemand die Regierung so nötig braucht wie die Armen, haben sie wenig Einfluss auf die Politik"

Carolines Geschichte und die Dutzender anderer Frauen und Männer der Unterschicht erzählt Shipler auf 300 Seiten in seinem Buch The Working Poor, das gerade in den USA erschienen ist. Seine Recherche führte ihn ins ländliche Kentucky, in Slums und Kinderkliniken der Metropolen Boston und Washington, DC. In North Carolina besuchte er Wanderarbeiter aus Mexiko, zu Dutzenden in Baracken gepfercht. In Los Angeles traf er Näherinnen aus Vietnam, die in engen sweat shops Kleider für Designer fertigen.

Ein Panorama der Not in der reichsten Volkswirtschaft der Welt. Manche der Männer und Frauen, über die Shipler schreibt, hat er sechs Jahre lang immer wieder gesprochen. Sie arbeiten für 6,75 Dollar pro Stunde als Kellner, für 165 Dollar die Woche als Kinderpflegerin. Manche gehören Minderheiten an. Andere sind weiß wie Caroline Payne.

"Work doesn't work" heißt ein Schlüsselkapitel. Shiplers These: "Die amerikanische Doktrin, dass harte Arbeit Armut heilt", funktioniere nicht mehr wie einst. Die Distanz zwischen den Schichten, ohnehin größer als in Europa, wachse - und der soziale Aufstieg sei oft unmöglich, selbst für die Fleißigen. Über 42 Millionen US-Bürger gelten offiziell als arm, zuletzt mit leicht steigender Tendenz. Viele von ihnen haben einen Job oder zwei, wie die Menschen in Shiplers Buch. Sie leiden in der Rezession, im Boom geht es ihnen kaum besser. Shipler will wissen warum.

Shiplers Stil zeugt davon, dass er zwei Jahrzehnte als Reporter für die "New York Times" gearbeitet hat. Er lässt lieber Details für sich sprechen, als dass er Lehrsätze aufstellt. Trotzdem werden in den elf Kapiteln Mechanismen deutlich, die soziale Mobilität verhindern - die dazu führen, dass die Armen nie in ein eigenes Haus ziehen, sondern höchstens in einen Wohnwagenpark.

Sozialwohnungsblöcke in der New Yorker Südbronx: "Armut führt zu Gesundheits- und Wohnproblemen.  Schlechte Behausung und Gesundheit führen zu Versagen in der Schule. Schulischer Misserfolg führt zu Armut"
SPIEGEL ONLINE

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"Armut ist eine blutende Wunde. Sie lockt Raubtiere an", schreibt Shipler etwa in einem Kapitel über Kredithaie, Scheck-Einlösefirmen und andere dubiose Finanzdienstleister. Dazu zählt er die Kette H&R Block, deren Filialen sich oft in den siechen Vierteln der Großstädte finden. H&R Block gewährt Kunden, die dringend auf eine sicherere Steuerrückzahlung warten, einen Vorschuss. Die Bearbeitungsgebühr: bis zu 50 Dollar für 200 Dollar bar.

Solche Angebote für "Quick Cash" und "Easy Money" häufen sich gerade in den wenig privilegierten Distrikten. Die Verlockung zum Schuldenmachen ist immens, gerade in einer Kultur, die den Konsum vergöttert. Kreditkartenfirmen haben immer weniger Hemmungen, auch Kunden mit jämmerlicher Bonität einen Dispo-Rahmen zu gewähren. Dafür kassieren sie dann Zinsen von 23,99 Prozent per annum. Schon 16-Jährige bekommen Angebote.

Kein Geld für Milch, aber für Ozzy Osbourne

Shipler will wachrütteln mit seinem Buch. "Es ist Zeit, sich zu schämen", heißt der letzte Satz. Der Vorwurf richtet sich auch gegen die Regierung Bush. Sie strich eine Kindergeld-Pauschale für die meisten Familien mit einem Einkommen unter 26.625 Dollar, sie beschränkte Gratis-Mahlzeiten für Kinder in Schulen noch weiter.

Obdachlose Familie in Texas: "Weil die Probleme miteinander verkettet sind, müssen es auch die Lösungen sein. Ein Job allein ist nicht genug. Krankenversicherung allein ist nicht genug. Gute Behausung allein ist nicht genug."
DPA

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Trotzdem ist "Die arbeitenden Armen" kein ideologischer, klassenkämpferischer Traktat. Die Ursachen der Armut sind laut Shipler diffus und vielfältig - es sei schwer, einzelne Schuldige auszumachen. Auch den Armen gibt Shipler eine Mitschuld an ihrer Misere - so wie Willie und Sarah Goodell, die 161 Dollar für ein Ozzy-Osbourne-Konzert "übrig" haben, aber angeblich kein Geld für eine Krankenversicherung.

Kaum Verständnis zeigt Shipler für Konzerne wie Wal-Mart, die Angestellte in dead-end jobs mit miserablen Aufstiegschancen festhalten und zugleich Milliardenprofite einfahren. In einer Passage fragt Shipler einen Filialleiter, ob es nicht möglich wäre, Menschen wie Caroline Payne ein paar Dollar mehr pro Stunde zu zahlen. Doch, antwortet der - die Gewinne würden wohl ausreichen. "Aber wir müssten bei anderen Dingen sparen. Vielleicht können wir dann nicht mehr die ganzen hübschen Ballons überall im Geschäft aufhängen."

Pro und contra Clinton

Mit The Working Poor, seinem vierten Buch, hat sich Shipler wieder eines wuchtigen Themas angenommen. In "Land der Fremden" schrieb er über das Misstrauen zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika. In "Araber und Juden" behandelte er Hass und Bürgerkrieg im Nahen Osten. Dafür gewann er 1987 den Pulitzer-Preis.

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Mit der Arbeit an seinem neuen Band begann Shipler 1997, kurz nachdem die Regierung Bill Clintons die Sozialhilfe-Bestimmungen reformiert hatte. Die Zeit, in der Arme sich auf staatliche Gelder verlassen können, wurde auf ein Maximum begrenzt - danach müssen sie sich Arbeit suchen. Viele Demokraten warfen Clinton vor, gefühlskalt zu handeln. Er habe sich die Inhalte des Gesetzes von den Republikanern diktieren lassen.

Auch Shipler findet, dass Clintons Reform "Millionen in die Not gedrückt hat". Er zeigt aber auch ihre positiven Seiten. In einem Trainingscenter in Washington DC sah er, wie Obdachlose und einstige Dauerbezieher von Sozialhilfe auf die Arbeitswelt vorbereitet wurden. Viele dieser Frauen und Männer haben zum ersten Mal gelernt, jeden Tag pünktlich zu kommen. Sie haben trainiert, ihrem Chef in die Augen zu blicken, wenn er mit ihnen spricht. Viele haben Würde und Selbstbewusstsein gewonnen - auch wenn sie weniger verdienen als zehn Dollar die Stunde.

Wie viele von ihnen hat auch Caroline Payne ihren Traum vom Wohlstand noch nicht aufgegeben. In ihrer E-Mail-Adresse nennt sie sich "luckylady". Weil sie kein Auto hat, geht sie bei jedem Wetter und jeder Tageszeit zu Fuß zum Dienst, ohne zu klagen. 6,25 Dollar pro Stunde bekommt sie am Anfang bei Wal-Mart, später wird der Lohn um 55 Cent erhöht.

Ein großer Schritt ist das nicht. Schon bei einem ihrer ersten Jobs, in einer Feuerzeug-Fabrik in Vermont, hatte Caroline sechs Dollar pro Stunde verdient.

Das war Mitte der siebziger Jahre.


David K. Shipler, The Working Poor: Invisible in America, New York (Alfred A. Knopf) 2004, 25 US-Dollar.

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