Analyse: Der Verheerer von Möhringen

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Zehn Jahre lang hat Jürgen Schrempp versucht, aus "dem Daimler" ein weltumspannendes Vorzeigeunternehmen zu machen. Mit diesem Plan ist der ehemalige Kraftfahrzeugmechaniker spektakulär gescheitert. Es könnte Jahre dauern, bis sich der Stuttgarter Autokonzern von Schrempp erholt.

Jürgen Schrempp: Der Breisgauer wollte Großes und hat sich verzettelt
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Jürgen Schrempp: Der Breisgauer wollte Großes und hat sich verzettelt

Hamburg - Vielleicht begann das ganze Elend auf der Herrentoilette. Dort, so will es eine nie offiziell bestätigte Legende, habe Daimler-Boss Jürgen Schrempp seinem Chrysler-Pendant Robert Eaton eine Fusion angeboten. Gut sieben Jahre ist es her, dass die Stuttgarter den drittgrößten amerikanischen Autohersteller schluckten.

Vor dem Zusammenschluss war die Bilanz von JES, wie er intern genannt wird, gar nicht so übel gewesen. Seit seinem Amtsantritt als Vorstandschef im Mai 1995 sanierte der Freiburger den taumelnden Daimler-Konzern. Sein Vorgänger Edzard Reuter hatte einen ziemlichen Scherbenhaufen hinterlassen. Und Schrempp hatte die Trümmer beherzt und ohne Mitleid zusammengefegt. Dafür wurde der "Cowboy aus dem Schwarzwald" ("New York Times") von der Presse gefeiert.

In den letzten Jahren hat Schrempp nur noch selten lobende Worte gehört. Allein Wirtschaftminister Wolfgang Clement (SPD), der des öfteren Dinge sieht, die sonst niemand sehen kann, hält Schrempp immer noch für einen herausragenden Unternehmer. Der überwiegenden Mehrheit galt er bereits seit längerem als egomanischer "Manager des Misserfolgs", als tölpeliger "Rambo", der "alles versiebt". Die renommierte "Business Week" kürte ihn 2004 zum "Schlechtesten Manager des Jahres".

Napoleon der Autobranche

Zu Recht. Mit einer Expansionsstrategie von napoleonischen Ausmaßen hat Schrempp dafür gesorgt, dass es in der "ersten deutsche Welt AG" (Schrempp) an allen Ecken kokelt und brennt. Da wäre zunächst die US-Tochter Chrysler. Das von Spöttern lange auch "Krisler" genannte Unternehmen hat Schrempps designierter Nachfolger Dieter Zetsche unter erheblichem Einsatz von Managern, Material und Moneten wieder halbwegs wettbewerbsfähig gemacht. Ob die Sanierung dauerhaft tragfähig ist, muss sich noch zeigen.

Definitiv gefloppt ist das Engagement bei Mitsubishi Motors, wo sich DaimlerChrysler 2003 eingekauft hatte. Hier hat Schrempp über zwei Milliarden Euro versenkt, inzwischen ist Stuttgart ausgestiegen. Auch die strategische Allianz mit dem koreanischen Autohersteller Hyundai erwies sich als kostspielig und erfolglos.

Während Schrempps beste Manager in Tokio, Seoul oder Detroit kernsanierten, scheint sich kaum jemand um die heimische Vorzeigemarke Mercedes-Benz gekümmert zu haben. Die ist inzwischen selbst ein Sanierungsfall. Im ersten Quartal musste die Mercedes Car Group, zu der neben Mercedes auch die Marken Smart und Maybach gehören, einen operativen Verlust von 954 Millionen Euro ausweisen.

Zu dem desaströsen Ergebnis trägt vor allem die defizitäre Kleinstwagenmarke Smart bei. Das Schrempp-Projekt hat sich seit dem Start als Fass ohne Boden erwiesen. Bisher hat Smart über drei Milliarden Euro verschlungen. Eine Trendwende ist trotz eines Sanierungsplans bisher nicht in Sicht. Kritische Analysten sind seit längerem der Ansicht, dass Dichtmachen die beste Lösung wäre. Und die Luxuskarosse Maybach ist nicht der Renner, den sich die Autoleute ursprünglich erträumt hatten.

Sinkender Stern

Schrempps größte Fehlleistung jedoch ist, dass er Mercedes-Benz heruntergewirtschaftet hat, einst zu Recht die deutsche Marke mit dem höchsten Ansehen. An die 1,3 Millionen Fahrzeuge musste Daimler in diesem Jahr wegen Mängeln in die Werkstatt zurückrufen. Kostenpunkt: 500 Millionen Euro. Die wichtige E-Klasse bietet nach Meinung führender Tester bestenfalls zweitklassige Qualität. Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Zusammenhang mit Graumarktgeschäften gegen zahlreiche Mercedes-Manager. Der Karikaturist Jamiri frotzelte unlängst, Mercedes solle zur Verbesserung der Qualität doch einfach Innereien von Toyota einbauen.

Das Asien-Abenteuer, die Smart-Pleite oder den Chrysler-Flop - man könnte Deutschlands wohl bestbezahltem Manager etliche seiner Fehler vergeben. Man könnte ihm auch verzeihen, dass er mit Wolfgang Bernhard einen der talentiertesten Manager der Branche aus dem Unternehmen drückte.

Was Schrempp aber mit dem Herzstück des Konzerns angestellt hat, ist unverzeihlich und rechtfertigt die jetzt erfolgte Höchststrafe: den vorzeitigen Abgang ohne Abfindung. Dass Schrempp-Duzfreund und Aufsichtsratschef Hilmar Kopper diesen De-Facto-Rausschmiss heute als von langer Hand vorbereiteten Wechsel zum "optimalen Zeitpunkt" zu verkaufen suchte, verleiht dem Vorgang eine Prise unfreiwilliger Komik.

Wie einst Schrempp selbst wird der neue Daimler-Chef Zetsche zunächst mit Aufräumarbeiten beschäftigt sein. Dabei ist unklar, wie schnell sich Schrempps verheerende Strategie rückgängig machen lässt. Es könnte Jahre dauern, bis der angeschlagene Stuttgarter Autoriese zu seiner alten Stärke zurückfindet.

Jürgen Schrempp hinterlässt eine Spur der Verwüstung - und ernüchternde Zahlen. In seiner Amtszeit ist der Börsenwert von DaimlerChrysler Chart zeigen um 50 Milliarden Euro gesunken. Schrempps Einkünfte im gleichen Zeitraum werden auf etwa 80 Millionen Euro taxiert. In einem heute an mehrere Chefredakteure versandten Brief, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, schreibt Schrempp rückblickend: "Eine schöne und wertvolle Zeit ist .. zu Ende."

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