Anatomie einer Pleite Wie deutsche Senioren in der Lehman-Falle landeten

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2. Teil: Wie Lehman über eine Briefkastenfirma Milliarden aus Deutschland abzog


Gleichzeitig meldeten sich bei dem Netzwerk immer mehr Deutsche, die Lehman-Zertifikate gekauft hatten. Die Rechercheure fanden heraus, wie Lehman und die Citibank vorgegangen waren, um eine gigantische Summe von Geldern einzufahren. Bereits im März 1995 hatte Lehman eine Tochtergesellschaft in Holland gegründet. Diese "Lehman Brothers Treasury Co. B.V." war, so konnten sie in den Testaten nachlesen, eine reine Briefkastenfirma: Sie hatte weder Angestellte, noch ein laufendes Geschäft. Einziger Zweck dieser Firma war es, Geld zu akquirieren, um den Bedarf an Betriebskapital verschiedener Tochtergesellschaften von Lehman zu decken. Fast zehn Jahre dümpelte diese Firma vor sich hin. Offenbar hatte Lehman zu dieser Zeit kein Interesse am europäischen Markt.

Wetten auf alles und jedes

Das änderte sich schlagartig 2005, als Lehman das "Euro Medium Term Note Program" massiv hochfuhr. Die Bank gab Zertifikate heraus und bot ihren Kunden Wetten über die Entwicklung der internationalen Finanzmärkte an. Gewettet wurde auf den Kurs des Ölpreises, auf den Kurs von Währungen, auf den Kurs deutscher oder europäischer Aktienunternehmen oder das Verhältnis verschiedener Kursentwicklungen untereinander. Gingen die Voraussagen in Erfüllung, sollte der Kunde gute Renditen bekommen. Verlor er die Wette, gab es meist überhaupt keinen Gewinn.

Deutschland war das Hauptziel der Spekulationspapiere, weil Zertifikate dieser Art hier im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wie Frankreich oder den USA erlaubt sind. Gleichzeitig ist die staatliche Aufsicht über solche Risikogeschäfte nicht mehr als ein "Papiertiger".

Der Phantasie der amerikanischen Investmentjongleure, die stets die Bedingungen der Wetten vorgaben, waren offenbar grenzenlos - und das Vertrauen in die US-Bank ebenso. Dabei gab es überhaupt keinen Anlass zur Zuversicht. Denn Lehman war nicht nur Schuldnerin für die Zertifikate, sondern sie war gleichzeitig auch Garantin für das Kreditrisiko. "Das ist so, als wenn jemand, der Schulden macht, verspricht, das geliehene Geld auch ganz sicher zurückzugeben", sagt Bröker. In Wahrheit, so vermutet der Finanzfachmann, wurden die Euros aus Deutschland nicht angelegt, sondern landeten stets im großen Schoß der Lehman-Mutter in den USA.

Aber das störte die deutschen Banken, die diese Zertifikate herausgaben, offensichtlich wenig. Im Gegenteil: 2005 gab allein die Holland-Tochter von Lehman Schuldverschreibungen im Nominalwert von 45 Milliarden Dollar heraus - und in den Folgejahren immer mehr. Mit einem Lehman-Papier vom 24. Juli 2007 wurden im folgenden Geschäftsjahr gar Zertifikate im Wert von über 100 Milliarden Dollar angeboten. Und während das Volumen immer weiter wuchs, wurden die Lehman-Wetten immer komplizierter.

Nachdem er die Geschäftsberichte durchgearbeitet hatte, drängte sich Bröker ein Verdacht auf: Hatte es Lehman bewusst auf das Ersparte der Deutschen abgesehen, um Verluste auf dem US-Markt abzufedern? Und war die Citibank deshalb so eifrig beim Verkauf der Zertifikate, weil ihre US-Mutter - die Citigroup - als große Anteilseignerin um den Zustand von Lehman wusste und deshalb um ihr dort angelegtes Kapital fürchten musste? Das Ersparte der Deutschen wäre somit letzter Rettungsanker einer strauchelnden Bank gewesen. Oder ist es nur Zufall, dass die Citibank und Lehman in den letzten Monaten ihres Bestehens besonders viel Geld aus Deutschland herausgesogen haben?

Die Saarbrückerin Ingrid Deutsch hatte noch im Januar 2008 die angeblich sicheren Papiere gekauft. Die Berlinerin Angela Rogalla, 66, wollte Geld für einen Platz im Seniorenheim mit Pflegestation beiseitelegen und erwarb von der Citibank am 5. Februar 2008 Lehman-Zertifikate. Wenige Tage später wurde Lehman in den USA bereits als Pleitekandidat beschrieben. Es gab sogar Deutsche, denen Banken noch freitags Lehman-Papiere andrehten, bevor Lehman montags Insolvenz anmeldete. Die deutschen Anwälte berieten nun viele Lehman-Anleger und unterstützten Stammtische Betroffener, die sich etwa in Köln, Frankfurt, Hamburg oder Berlin gebildet haben. Bröker hält die Deutschland-Geschäfte von Lehman und der Citibank inzwischen für "kriminell".

Freibrief vom Wirtschaftsprüfer

Erst recht glaubte Bröker nicht mehr an Zufall, als er den letzten Jahresabschluss der niederländischen Lehman-Tochter gelesen hatte. Das Geschäftsjahr endete im November 2007. Am 30. Mai 2008 legten die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young ihren Abschlussbericht vor. "Die Gesellschaft ist keinem materiellen Risiko ausgesetzt", heißt es zur "Risk Management Policy" des Unternehmens. Und unter dem Punkt "Geschäftsjahr und Perspektiven steht: "Der wirtschaftliche Ausblick für das gesamte Unternehmen ist positiv. Die Märkte unterstützen die gesamte Gesellschaft vollständig, da ständig neue Emissionen gezeichnet werden."

Im Auftrag des Bundes der Kapitalanleger stellte Bröker am 12. Februar 2009 Strafanzeige gegen die holländische Niederlassung von Ernst & Young. Die Wirtschaftsprüfer hätten sehen müssen, so Bröker, dass sich die holländische Lehman-Tochter "allein über Schulden finanziert" und "nichts, aber auch gar nichts" darauf schließen lasse, dass "dieses Geld jemals zurückgezahlt werden kann". Ernst & Young hätte auffallen müssen, dass es sich bei den europäischen Ablegern von Lehman um ein "gigantisches Schneeballsystem" gehandelt habe. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich Ernst & Young nicht äußern, das sei Sache des Kunden Lehman. Der Untergang von Lehman sei eine Folge der dramatischen Vorgänge auf den internationalen Finanzmärkten.



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