Anatomie einer Pleite Wie deutsche Senioren in der Lehman-Falle landeten

Zehntausende deutsche Anleger verloren mit der Pleite von Lehman Brothers ihr Erspartes. Ein Netz aus Detektiven und Anwälten recherchiert jetzt, wie es dazu kommen konnte und wie die Kunden womöglich ihr Geld zurückerhalten - und stoßen dabei auf erstaunliche Details.

Von Udo Ludwig


Hamburg - Medard Fuchsgruber hat eine Wirtschaftsdetektei in Ottweiler bei Saabrücken. Sein Fachgebiet sind Aufträge von Deutschen, die sich von Anlageberatern betrogen fühlen. Und er hat viel zu tun: Er hat mit seinen Ermittlungen geholfen, dass Opfer von Schrottimmobilien ihr Geld wiederbekamen. Er hat Geschädigte der Bausparkasse Badenia und der Göttinger Gruppe unterstützt. Als Vorstand des Bundes der Kapitalanleger bündelt Fuchsgruber zudem die Interessen von Betrogenen.

Schon seit einigen Jahren arbeitet Fuchsgruber mit einem Netzwerk von rund einem Dutzend Anwälten zusammen, die auf der Seite der Betrogenen sind. Dazu zählt etwa der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum, der nun einer Kanzlei in Düsseldorf angehört.

Die Arbeitsteilung sieht so aus: Der Detektiv besorgt die Dokumente, die Anwälte bekämpfen mit ihren Schriftsätzen Finanzdienstleister, Banken, Versicherungen oder Bausparkassen, die ihre Kunden ausgenommen haben.

Jetzt hat Fuchsgruber wahrscheinlich den Fall seines Lebens übernommen: Er betrifft Aufstieg und Niedergang der Bank Lehman Brothers. Wichtige Informationen über die Geschäfte der amerikanischen Bank und ihrer europäischen Verbündeten hat sein Netzwerk bereits zusammengetragen - und jetzt hat der Bund der Kapitalanleger die erste Strafanzeige in Deutschland auf den Weg gebracht.

Als Fuchsgruber im September 2008 vom Konkurs der Lehman Brothers Holding in New York erfuhr, wusste der Fachmann für Kapitalgeschädigte sofort, was das bedeutete: Hunderte, womöglich Tausende oder Zehntausende Anleger werden ihr Geld verlieren, viele davon leben auch in Deutschland.

Fuchsgruber rief Klaus Bröker an. Der Professor für Wirtschaftsrecht gehört zu dem Anwaltsnetzwerk. Und er hat einen großen Vorteil: Er arbeitet in einer Anwaltskanzlei in Göttingen, lebt aber zwischendurch in Kalifornien - er kennt sich also aus in der US-Finanzwelt und weiß aus eigenem Erleben, wie dort der Immobilienmarkt in sich zusammengefallen ist. Fuchsgruber und Bröker verabredeten eine Strategie: Der Detektiv wollte versuchen herauszufinden, welche Geschäfte Lehman in Deutschland betrieben hat. Der Anwalt bemühte sich um Lehman-Informationen in den USA.

Fuchsgruber wurde bald überall fündig. Er recherchierte, dass Lehman Brothers allein für den deutschsprachigen Raum etwa 170 unterschiedliche Zertifikate herausgegeben hatte. Das Volumen dieser Papiere addierte sich zusammen auf rund 300 Milliarden Dollar. Die Finanzprodukte hatten Namen wie "Airbag Outperformance", "Twin Win", "Step Up Express" oder "Absolute Performer" - und sie versprachen hohe Gewinne. Die dazu gehörigen Flyer zeigten farbige Bilder mit Serpentinen, die nach oben führten, oder schnelle Züge, die vorbeirauschten. Fuchsgruber fand zudem heraus, dass die Citibank mit großem Abstand die meisten Zertifikate an deutsche Kunden verkauft hatte.

Bröker nahm sich unter anderem die Insolvenzakte 08-13555 vor, eine Art Abschlussbilanz der Lehman Brothers Holding. Zwei Fakten elektrisierten ihn sofort: Die Citigroup aus New York war nach seinen Recherchen mit 4,5 Prozent der Anteile einer der größten Einzelaktionäre von Lehman Brothers. Gleichzeitig wies der Konkursbericht allein 138 Milliarden Dollar unbesicherte Forderungen gegen die Bank aus, die die Citigroup treuhänderisch für ihre Kunden verwaltete. Es waren sogenannte Inhaberschuldverschreibungen - also Kredite, die Lehman-Kunden gegeben hatten. Fuchsgruber und Bröker arbeiteten sich weiter in die Verästelungen der internationalen Finanzwelt vor.

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