Andere Länder, andere Streiks: Wie "Iron Maggie" die Lokführer züchtigte

Ruhe bewahren! Frankreich, Italien oder sogar Südkorea - andere Länder lehren uns: Der deutsche Eisenbahner-Streik ist im internationalen Vergleich völlig harmlos. Ein Überblick zeigt Lokführerstreiks jenseits der Grenze - und wie sie ausgingen.

Frankreich: Was die Deutschen schaffen, können wir erst recht, denken sich wohl die französischen Gewerkschafter. Mitte des Monats steht dem Land der erste große Streik seit Amtsantritt des Präsidenten Nicolas Sarkozy bevor. Gewerkschaften der Pariser Verkehrsbetriebe RATP riefen die Beschäftigten auf, sich am 18. Oktober an einem landesweiten Streik zu beteiligen. Zuvor hatte schon die die Gewerkschaft der französischen Bahn SCNF einen ganztägigen Streik angekündigt.

Der geplante Ausstand soll allerdings nicht dazu dienen, Gehaltsforderungen durchzudrücken - vielmehr richtet er sich gegen die geplante Rentenreform Sarkozys. Der Staatschef will die Sonderregelungen kippen, die Beschäftigten bei Staatskonzernen erlauben, teils schon mit 50 Jahren zu sehr günstigen Bedingungen in Rente zu gehen.

Für die meisten Franzosen dürfte der Ausstand kein Drama sein, sondern Routine: November 2006, Januar und März 2005, Januar 2004 – Bahnstreiks sind ein beinahe jährliches Ritual. Oft ging es den Gewerkschaften darum, gegen Stellenabbau oder gegen Reformpläne der jeweiligen Regierung mobil zu machen.

Dabei werden die Lokführer in Frankreich fürstlich bezahlt: Wer einen TGV-Hochgeschwindigkeitszug steuert, kommt ein Grundgehalt von mehr als 3000 Euro, erhält diverse Zuschläge obendrauf. Und das bei einer Arbeitszeit von rund 200 Tagen im Jahr.

Großbritannien: Einen lähmenden U-Bahn-Streik hat die britische Hauptstadt London gerade erst hinter sich gebracht – die letzte große Streikwelle im landesweiten Bahnverkehr erlebte das Land in den Jahren 1994/1995. Damals traten erst die Weichensteller in Ausstand, dann die Lokführer.

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Britische Lokführer können sich immer noch über gute Gehälter freuen. Typische Jahresverdienste liegen zwischen umgerechnet 50.000 bis 60.000 Euro. Die britischen Eisenbahnergewerkschaften sind aber nur noch ein Schatten ihrer selbst: Jahrzehntelang galten sie als Nemesis der britischen Politik – bis sie sich 1982 mit der Premierministerin Margaret Thatcher anlegten.

Damals wagte die kleine, aber kampferprobte Lokführer-Gewerkschaft Aslef die Kraftprobe: Mit mehreren Streiks wehrte sie sich gegen die von British Rail gewünschte Einführung flexibler Arbeitszeiten. Schließlich stellte der staatseigene Bahnkonzern ein hartes Ultimatum: Alle Streikenden würden entlassen, falls die Aslef-Mitglieder nicht zum Dienst auf E- und Dieselloks erschienen. Aslef kapitulierte – eine Niederlage, von der sich die Gewerkschaft nie erholte. Die "Financial Times" attestierte der "Eisernen Lady" einen "Erfolg von spektakulären Ausmaßen".

Italien: Kaum eine Lokführergewerkschaft in Europa ist streikfreudiger als die italienische: Lohnverhandlungen, Sicherheitsbedenken im Schienenverkehr, Ärger über Pläne der Regierung in Rom – Italiens Eisenbahner legen oft und aus den verschiedensten Gründen die Arbeit nieder.

Das letzte Mal war es am im Juni dieses Jahres soweit: Beschäftigte der Staatsbahn streikten 24 Stunden lang und blockierten nationale wie auch internationale Verbindungen – so wollten sie unter anderem eine Erneuerung ihrer auslaufenden Verträge erreichen. Vor zwei Jahren legten die Eisenbahner einen Tag lang die Arbeit nieder, um gegen angebliche Einsparungen bei der Sicherheit zu protestieren – wenige Wochen zuvor waren bei einem Zugunfall bei Bologna 17 Menschen ums Leben gekommen.

Auch dank ihres Streikeifers konnten Italiens Lokführer verschiedene altertümliche Privilegien verteidigen. So sind in Lokomotiven immer noch zwei Lokführer unterwegs, obwohl ein "Heizer" seit den Tagen der Dampflok nicht mehr gebraucht wird.

Südkorea: In Ländern wie Südkorea, Japan oder Taiwan regieren Ordnung und unbedingtes Pflichtbewusstsein im Bahnverkehr? Nicht immer. Ein Jahr ist es her, dass ein Streik der Eisenbahner den Personen- und Schienenfrachtverkehr in Weiten Teilen Südkoreas lahm legte.

Die Gewerkschaft der staatlichen Eisenbahngesellschaft Korail wollte ihren Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, Lohnerhöhungen und einer Wiedereinstellung von entlassenen Mitarbeitern Nachdruck verleihen. Mehr als 50 Prozent der geplanten Züge fielen aus, mehr als 16.000 Eisenbahner beteiligten sich an Aktionen. Die Regierung bezeichnete den Streik als "illegal", die Polizeibehörden beantragten Haftbefehle für die Streikführer.

itz/AP/dpa/AFP

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