Merkel beim Arbeitgebertag Und die Wirtschaft liebt sie doch

Oft beklagte die Wirtschaft Angela Merkels mangelnden Reformeifer. Nun bereitet der Arbeitgebertag der Kanzlerin einen auffällig warmen Empfang. Man spürt die Sorge über die potenziellen Nachfolger.

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, Kanzlerin Angela Merkel
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Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, Kanzlerin Angela Merkel

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"So klein bin ich auch nicht", sagt Angela Merkel freundlich, bevor sie sich an die versammelte Unternehmerschaft wendet. Der Satz gilt einem Helfer, der Merkel das Mikrofon einstellen will. Doch er könnte auch als Motto über ihrem Auftritt beim Deutschen Arbeitgebertrag stehen.

Merkels nun eingeleiteter Abschied von der CDU-Spitze scheint die Kanzlerin mit neuer Energie zu erfüllen. Das zeigte sich am Mittwoch, als sie im Bundestag vehement den Uno-Migrationspakt verteidigte und AfD-Chefin Alice Weidel mit einem einzigen Satz in den Senkel stellte. Und es setzt sich bei diesem Auftritt vor den Spitzen der deutschen Wirtschaft fort.

Merkel, nie als große Rhetorikerin bekannt, erntet bei ihrer Rede mehrfach Lacher, an einer Stelle sogar Szenenapplaus. Da illustriert sie die Themen Wohnungsnot und regionale Ungleichheit mit Großeltern, die ihre Enkel nicht aufwachsen sähen, weil "die Kinder in München leben und in einer klitzekleinen Wohnung wohnen, wo'se dreimal die Augen verdrehen, wenn Oma am zweiten Tag noch da ist". Große Heiterkeit im Saal.

Auch sonst wird Merkel ein auffällig freundlicher Empfang bereitet. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer gratuliert artig zum 13-jährigen Jubiläum der Vereidigung als Kanzlerin und sagt, dass diese Zeit "oft mit großer Zustimmung begleitet" worden sei und nur "manchmal auch zu umstrittenen Bewertungen führte".

Das ist natürlich ziemlich schmeichelhaft. Gerade aus der Wirtschaft kam in der Vergangenheit viel Kritik an Merkels begrenztem Reformeifer. Auch deshalb geriet der Arbeitgebertag vor einem Jahr zu einer Art Trauerfeier für die geplatzte Jamaikakoalition, von der sich viele Unternehmer neue Impulse erhofft hatten. Und auch deshalb versuchen sich Merkels potenzielle Nachfolger nun alle mit der Ankündigung zu profilieren, endlich eine richtige Steuerreform anzustreben, von der insbesondere Unternehmen profitieren sollen.

Angela Merkel
Getty Images

Angela Merkel

Doch auch wenn Wirtschaftsvertreter wie Kramer regelmäßig fordern, ihre Unternehmen müssten von allerlei Fesseln befreit werden: Noch wichtiger ist vielen politische Stabilität. Das gilt gerade in der Außenpolitik, an der im Exportland Deutschland so viel hängt. Und hier hat Merkel aus Sicht der Wirtschaft zuverlässig geliefert. "Sehr erfolgreich" sei Deutschland unter Merkel auf den internationalen Bühnen gewesen, sagt Kramer. Er hoffe, dass dies auch im nächsten Jahrzehnt so bleibe.

Aus dem Lob lässt sich leise Sorge über den Kurs von Merkels potenziellen Nachfolgern heraushören. Die Arbeitgeber wollen mehr Zuwanderung, das jetzt auf den Weg gebrachte Fachkräfteeinwanderungsgesetz gehe deshalb "in die richtige Richtung", lobt Kramer. Doch Jens Spahn versuchte gerade, sich im Rennen um den CDU-Vorsitz mit Kritik am Uno-Migrationspakt zu profilieren.

"Nicht nachzuvollziehen", findet Kramer das, der Pakt sei eine "höchst sinnvolle, ausgewogene Sache". Wie Merkel am Vortag warnt auch er vor wachsendem Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Diese Tendenzen seien "kaum zu verstehen" in einem Land, das so stark von internationaler Kooperation abhänge wie Deutschland.

Hundert Bäcker für den Wahlkreis

Auf dieses Land blickt Merkel auch in anderen Teilen ihrer Rede ungewohnt lebensnah. So sagt sie, man brauche fraglos mehr Spezialisten für künstliche Intelligenz. Wenn sie aber mal in ihren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern schaue, dann "brauchen wir eigentlich hundert Bäcker". Oder sie umschreibt die Notwendigkeit des Breitbandausbaus auch damit, dass die Bürger gerne "kleinere Videos austauschen" wollen.

Denkt Arbeitgeberpräsident Kramer hier gerade an Jens Spahn?
CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX

Denkt Arbeitgeberpräsident Kramer hier gerade an Jens Spahn?

Ganz die Alte ist Merkel allerdings in der Disziplin, sich von Problemen ihrer eigenen Regierung zu distanzieren. Mit Blick auf die von ihr beschriebene Wohnungsnot sagt sie etwa, diese werde sicher nicht durch "die fünfte Mietpreisbremse" gelöst - dabei wurde das Instrument natürlich unter ihrer Führung beschlossen.

Das ist nicht der einzige Moment, in dem Merkel schon mit einem gewissen Abstand auf die eigene Regierungszeit zu blicken scheint. Als es um das neue Einwanderungsgesetz für Fachkräfte geht, bittet sie ihr Publikum darum, dieses auch genau so zu nennen - und nicht etwa Zuwanderungsgesetz.

Es ist eine kleine Erinnerung an den jahrzehntelangen Widerstand der Union dagegen, Deutschland als Einwanderungsland zu bezeichnen. "Ich weiß nicht, ob Sie die Tiefen und Feinheiten solcher Diskussionen genau verfolgen können", sagt Merkel süffisant.

Sie scheint nicht unglücklich darüber, demnächst die eine oder andere Diskussion verpassen zu können.



insgesamt 14 Beiträge
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haarer.15 22.11.2018
1. Mangelnder Reformeifer
Mangelnden Reformeifer, den hat Merkel von Beginn an immer vermissen lassen - jetzt muss man das bei ihr auch nicht mehr thematisieren. Ja, auf roten Teppichen im Ausland konnte die Kanzlerin fast immer glänzen. Aber innenpolitisch bleiben leider große Defizite an ihr hängen. Und die lassen sich nicht mehr wegzudiskutieren. Wir haben einen Reformstau. Rente, Pflegenotstand, bezahlbares Wohnen, Digitalisierung sind da nur einige Brennthemen, wo Merkel allzuviel ausgesessen hat. Sie hat sich keine Lorbeeren verdient.
Quercus pubescens 22.11.2018
2. Hinter den Kulissen
die Unternehmen, allen voran Dienstleister, Handwerksbetriebe und grosse Bauunternehmen sind glücklich, bescherte ihnen doch die merkelsche Flüchtlingspolitik ordentlich zusätzliche Aufträge in der Grössenordnung um 120 Mrd. Euro. Alles 1:1 finanziert vom Steuerzahler. Dieses Strohfeuer ist in ein paar Jahren abgebrannt, danach bleiben nur noch die Kosten für Sozialleistungen, die erneut der Steuerzahler übernimmt. Ich kenne genügend Unternehmer, die deshalb Merkel ganz nüchtern dafür danken, sie aber trotzdem im gleichen Atemzug für die schlechteste Bundeskanzlerin aller Zeiten und intektuell mit allem überfordert ansehen. Der Artikel zeichnet ein Zerrbild, aber diese servile Hofberichterstattung kennen wir ja seit 15 Jahren.
volksparteiendiktatur 22.11.2018
3. Was sich liebt ...
... das neckt sich. Eigentlich bedarfs dieses schön geschriebenen und treffenden Stimmungsberichtes keinerlei Worte mehr. Der drückt mehr aus als ich dem Spiegel jemals zugetraut hätte - Klasse! Vielleicht noch ergänzend frei nach Reinhard Mey, "der Arbeitgeberpräsident nimmt flüsternd die Kanzlerin beim Arm: Halt du sie dumm, – ich halt’ sie arm!" Wobei, da wär auch ein Rollentausch drin. Einzig die Sorge beim Marionetten-Wechsel teile ich nicht - unbequeme Veränderungen wird es nicht geben, das wissen alle!
havel23 22.11.2018
4. genügend Unternehmer?
Zitat von Quercus pubescensdie Unternehmen, allen voran Dienstleister, Handwerksbetriebe und grosse Bauunternehmen sind glücklich, bescherte ihnen doch die merkelsche Flüchtlingspolitik ordentlich zusätzliche Aufträge in der Grössenordnung um 120 Mrd. Euro. Alles 1:1 finanziert vom Steuerzahler. Dieses Strohfeuer ist in ein paar Jahren abgebrannt, danach bleiben nur noch die Kosten für Sozialleistungen, die erneut der Steuerzahler übernimmt. Ich kenne genügend Unternehmer, die deshalb Merkel ganz nüchtern dafür danken, sie aber trotzdem im gleichen Atemzug für die schlechteste Bundeskanzlerin aller Zeiten und intektuell mit allem überfordert ansehen. Der Artikel zeichnet ein Zerrbild, aber diese servile Hofberichterstattung kennen wir ja seit 15 Jahren.
Würden Sie bitte freundlicherweise die vielen Unternehmer nennen, auf die Sie sich beziehen? Und wen, bitte schön, meinen Sie mit "wir"?
sikasuu 22.11.2018
5. ....bescherte ihnen doch die merkelsche Flüchtlingspolitik..... Gähn!
Zitat von Quercus pubescensdie Unternehmen, allen voran Dienstleister, Handwerksbetriebe und grosse Bauunternehmen sind glücklich, bescherte ihnen doch die merkelsche Flüchtlingspolitik ordentlich zusätzliche Aufträge in der Grössenordnung um 120 Mrd. Euro. Alles 1:1 finanziert vom Steuerzahler. Dieses Strohfeuer ist in ein paar Jahren abgebrannt, danach bleiben nur noch die Kosten für Sozialleistungen, die erneut der Steuerzahler übernimmt. Ich kenne genügend Unternehmer, die deshalb Merkel ganz nüchtern dafür danken, sie aber trotzdem im gleichen Atemzug für die schlechteste Bundeskanzlerin aller Zeiten und intektuell mit allem überfordert ansehen. Der Artikel zeichnet ein Zerrbild, aber diese servile Hofberichterstattung kennen wir ja seit 15 Jahren.
So langsam wird das nun wirklich langweilig. Immer das gleich Thema. . Merkel ist Schuld weil ...Flüchtlinge. . Was machen wir in DE denn wenn "Uns Angela" mal in Rente gegangen ist. Wird für sie dann eine neue Planstelle& Amtssitz als "Bundes-SündenbockIn" in Berlin geschaffen, so zw. Bundeskanzleramt & Schloss Bellevue ? . Oder müssen wir dann wieder selbst für den Mist verantwortlich sein, den wir so anstellen. . Also zu guten Schluß noch mal zusammen: Merkel ist Schuld!!! . Und ab Morgen tragen wir wieder selbst Verantwortung! :-)
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