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Angst vor dem Abschwung: Ökonomen warnen vor Rezessionsreklame

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Autoabsätze brechen ein, Maschinenbauer klagen über die Auftragslage - die Finanzkrise muss als Begründung für viele Probleme in der Realwirtschaft herhalten. Doch ob die komplette Industrie in den Abschwung rutscht, ist längst nicht sicher. Ökonomen warnen davor, die Rezession herbeizureden.

Hamburg - Die Indizien geben Anlass zur Sorge: Die deutsche Automobilbranche verzeichnet Absatzeinbrüche, allein im September mussten die Hersteller Verkaufsrückgänge von teilweise mehr als zehn Prozent hinnehmen. Auch Zulieferer bauen bereits Kapazitäten ab.

Autoproduktion (bei BMW in Regensburg): Heftige Absatzeinbrüche
DDP

Autoproduktion (bei BMW in Regensburg): Heftige Absatzeinbrüche

Selbst Airbus mit seinen gut gefüllten Auftragsbüchern stellt den Ausbau seiner Produktion in Frage. "Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage auf den Finanzmärkten überprüfen wir natürlich unsere Produktion, und die Märkte werden eine Entscheidung treffen, wenn sie nötig ist", gab ein Sprecher der "Financial Times Deutschland" zu Protokoll.

Krisenrhetorik allerorten. Finanzminister Peer Steinbrück spricht gar von "einer der gefährlichsten" Finanzkrisen seit 80 Jahren - und davon, dass es nun gelte, "Schaden von diesem Land abzuwenden". Ist es tatsächlich so schlimm? Oder nutzt er die Gelegenheit, staatliche Eingriffe ins Bankensystem und Milliardenbelastungen für die Steuerzahler zu rechtfertigen?

Steinbrück warnt mit starkem Vokabular

Das Vokabular lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Die Krise, ausgelöst in einer virtuellen Finanzwelt, die fern von realwirtschaftlichen Gegebenheiten Kredite vergab, Papiere verkaufte, Risiken aufteilte und am Ende den Überblick über ihr Tun verlor, greift auf die Realwirtschaft über.

Kaum ist ein milliardenschweres Staatspaket zur Rettung der Banken auf den Weg gebracht, sehen Verbände die Gunst der Stunde gekommen, schnell noch Forderungen für ihre Branche zu stellen. So verlangen die Maschinen- und Anlagenbauer staatliche Unterstützung, vor allem aber eine Reform der Erbschaftsteuer und eine degressive Abschreibung als Konjunkturantrieb. Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Autoindustrie, spricht von notwendigen "Investitionsanreizen", der Verband der Importeure verlangt, die Regierung müsse die "automobile Konjunktur stärken".

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist nach dem unumgänglichen Sündenfall der staatlichen Bankenhilfe zumindest bemüht, sich die Sorgen der Wirtschaft anzuhören und diversen Branchen Hilfe zuzusagen. Der Autoindustrie versprach sie schon ein Entgegenkommen, die Lage müsse begutachtet werden.

Plötzlich ist politisch möglich, was vor einigen Wochen noch undenkbar war: Nicht nur, dass der Staat Anteile an Privatbanken übernimmt - die Regierung beschloss auch ein neues Insolvenzrecht, wonach Unternehmen trotz finanzieller Schwierigkeiten nicht umgehend Zahlungsunfähigkeit anmelden müssen, wenn sie "voraussichtlich mittelfristig" wieder liquide sind. Grund sei die Tatsache, dass viele Firmen bei Aktien und Immobilien erhebliche Wertverluste hinnehmen müssten, begründete die Regierung. Warum also nicht auch staatliche Hilfsprogramme für die deutsche Industrie?

Wirtschaftswissenschaftler beantworten diese Frage mit einer schlichten Gegenfrage: warum?

Denn aus ihrer Sicht ist die Angst vor dem Abschwung genauso übertrieben wie das verbreitete Misstrauen der Banken untereinander - und hat ähnliche fatale Folgen. Zwar halten die führenden Wirtschaftsinstitute eine Rezession in Deutschland prinzipiell für möglich - aber nur im schlimmsten Fall. In ihrem am Dienstag vorgestellten Herbstgutachten ist von einem Wachstum von 0,2 Prozent im kommenden Jahr die Rede - und nur unter schlechten Bedingungen von einem Minus von 0,8 Prozent.

Branchen unterschiedlich betroffen

Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, spricht von einer "disparaten Lage" für die Wirtschaft in Deutschland. "Die deutschen Autohersteller sind zum Beispiel stärker als andere Branchen von der schwierigen Lage in den USA betroffen", sagt er. Gleichwohl treffe es die japanischen Hersteller mit ihrem größeren Anteil am US-Markt viel stärker, was den deutschen Marken wieder Spielraum gebe.

Auch Gustav Horn, Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, sieht eine uneinheitliche Lage. "Am jetzigen Konjunkturabschwung haben hoher Euro-Kurs und der Ölpreisschock ihren Anteil", sagt er. "Jetzt kommt auch noch die Finanzkrise dazu." Im Laufe des nächsten Jahres werde die Lage sich aber stabilisieren.

Stefan Kooths, Konjunkturexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, hält dagegen: "Derzeit kann man nicht von gravierenden unmittelbaren Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft sprechen", sagt er. Dass Firmen in Deutschland von den Banken keine Kredite mehr erhielten und daher auf Investitionen verzichten müssten, sei kaum festzustellen. "Das mag auf einzelne Unternehmen zutreffen, die ohnehin in finanziellen Schwierigkeiten stecken und nun die angehobenen Hürden der Banken nicht mehr erfüllen."

Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kann auch von einer "Kreditklemme", also dass Unternehmen keine Darlehen mehr erhalten, keine Rede sein. Einer Umfrage zufolge seien nur zwei Prozent davon betroffen. 25 Prozent der befragten Unternehmen würden von verschärften Kreditbedingungen berichten.

Unternehmen bekommen meist noch Kredite

Keine Situation also, um von "realen Auswirkungen der Finanzkrise" zu sprechen, sagt Kooths. Außerdem hätten die Firmen in überwiegender Mehrheit in den vergangenen Jahren im Durchschnitt sehr gute Gewinne gemacht, so dass sie die Anforderungen der Banken erfüllen dürften. "Die Folgen der Krise statistisch exakt von den Auswirkungen der allgemeinen Konjunkturabschwächung zu trennen, ist ohnehin kaum möglich", betont Kooths.

Auch die Verbraucher - die als besonders schreckhaft gelten, wenn von Rezession die Rede ist - legen derzeit noch eine große Gelassenheit an den Tag: Einer Umfrage des Magazins "Stern" zufolge schätzen 85 Prozent der Bürger ihren Arbeitsplatz als sicher ein, und nur ein Viertel äußert Sorge um die angelegten Ersparnisse.

Ein weiteres Indiz, dass die Menschen ruhig bleiben, ist ihre Einkaufsfreude: Beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) heißt es, man spüre nichts von der Finanzkrise und rechne für die Verkäufe in der Vorweihnachtszeit sogar mit einem leichten Plus. "Die Verbraucher halten sich durch die Krise nicht stärker zurück als sonst", sagt HDE-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr. Die Supermarktkette Edeka kündigt sogar an, bis 2010 rund tausend neue Filialen und 25.000 neue Stellen zu schaffen. Arbeitsmarktforscher gehen davon aus, dass die Krise den seit fast vier Jahren andauernden Job-Boom kaum bremsen dürfte.

Auch die Handels- und Handwerkskammern stellen bislang keine Einbrüche durch die Finanzkrise fest. "Bei unserer vierteljährlichen Konjunkturumfrage verzeichnen wir, abgesehen von der ohnehin schleppenden Binnenkonjunktur, kein weiteres Umsatzminus", sagt ein Sprecher der Münchner Handwerkskammer. Auch die Industrie- und Handelskammern in Frankfurt/Oder und in Cottbus teilen mit: kein Rückgang bei Auftragseingängen, Existenzgründungen oder bei der Kreditvergabe an Unternehmen.

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