Angst vor der Deflation Fallende Preise - Gefahr für Deutschland

Den Verbraucher freut es erst einmal, doch die Folgen könnten bedrohlich sein: In Deutschland fallen die Preise für Lebensmittel und Rohstoffe - das aber bedroht die Konjunktur, fürchtet der Volkswirt Thomas Straubhaar. Er warnt vor einer langen, schwer zu bekämpfenden Deflation.


Hamburg - 2008 wird als das Jahr der geplatzten Spekulationsblasen in die Wirtschaftshistorie eingehen. Denn nicht nur den Finanzmärkten ist die Luft ausgegangen. Ebenso stürzten die Preise für Energie und Rohstoffe dramatisch ab. Der HWWI-Rohstoffindex ist im November gegenüber seinem historischen Höchststand vom Juli um rund ein Drittel zurückgefallen. Praktisch alle Rohstoffe sind billiger geworden - beschleunigt nach dem sich die Finanzkrise dramatisch verschärfte und die Weltwirtschaft in eine Rezession abrutschte. Einen ähnlichen Preisverfall zeigen die Frachtraten der Weltschifffahrt.

Rabattaktion im Handel: "Cash is King"
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Rabattaktion im Handel: "Cash is King"

Zwar schlagen fallende Rohstoffnotierungen längstens nicht so rasch auf die Verbraucherpreise durch wie steigende Werte. Dennoch werden Benzin, Heizöl oder auch Lebensmittelpreise bereits langsam günstiger. Vor allem die sinkenden Energiekosten entlasten die deutschen Haushalte nach Berechnungen des DIW um mehr als 20 Milliarden Euro.

Die Zeit der wachsenden Lebenshaltungskosten ist offensichtlich vorerst vorbei. Die Inflationsraten sind auf dem Rückzug. Lag die Teuerung im Euroraum in diesem Jahr durchschnittlich noch bei 3,5 Prozent, wird sie schon im Winterhalbjahr deutlich schwächer ausfallen. In Deutschland kam es zuletzt gar zu einem Preissturz. Im November sind die Verbraucherpreise lediglich noch um 1,4 Prozent gestiegen.

Doch so positiv sich diese Entwicklung für die von Preisanstiegen geplagten Verbraucher auswirkt: Sie birgt auch eine große Gefahr. Die Inflationsraten liegen eindeutig im Frühwarnbereich. Sie deuten auf deflationäre Erwartungen bei den Konsumenten, aber auch bei Investoren hin - mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen für die Gesamtwirtschaft.

Kaum jemand zweifelt noch daran, dass sich Europa und Deutschland in einer Rezession befinden. Die Debatte dreht sich zwischen Optimisten und Pessimisten lediglich noch darum, ob sie kurz und schwach oder lang und tief ausfallen wird. In einer Rezession wird der Spielraum für hohe Lohnforderungen und für eine Überwälzung gestiegener Kosten auf die Kunden geringer. Das spüren nicht nur Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen. Der mit Augenmaß für die Metall- und Elektroindustrie vereinbarte kluge Kompromiss ist hierfür ein klarer Beweis.

Auch der Konsum- und Investitionsgüterindustrie fällt es zunehmend schwerer, ihre Produkte an verunsicherte Kunden zu verkaufen. Die Lager beginnen sich zu füllen. Rabatte und andere Preisvergünstigungen werden großzügiger. Opel, BMW und andere Autobauer haben ihre Produktion bereits gedrosselt, weil die Nachfrage wegbricht. Das sind keine erfreulichen Aussichten auf das nahende Weihnachtsgeschäft.

Hinzu kommt: Die Finanzkrise hat gigantische Vermögen zerstört. Nicht nur die wirklich Reichen, sondern auch viele Kleinanleger waren davon betroffen. Dazu gehören auch all jene, die mit Lebensversicherungen oder konservativen Aktienfonds für ihr Alter vorsorgen.

Selbst wenn es beim zerstörten Vermögen meist nur um reine Buchwerte geht, sind doch viele Illusionen geplatzt. Wer glaubte, reich zu sein, und sich so manches leisten zu können, wird jetzt wieder vorsichtiger und damit auch bei den täglichen Konsumentscheidungen zurückhaltender. Angstsparen avanciert zur Modeerscheinung. Auf teure Weihnachtsgeschenke wird verzichtet, das alte Auto wird etwas länger gefahren, als ursprünglich geplant, ein neuer Computer muss noch etwas warten. Besonders Luxusgüter haben schwierige Zeiten mit schwacher Nachfrage vor sich.

Als Ergebnis droht dem privaten Konsum - gleichsam der wichtigste Motor der Binnenkonjunktur - ein herber Dämpfer. Nach bereits schwachen zurückliegenden Jahren mit wenig bis keinem Wachstum wird die Kauflust in diesem und wohl auch im nächsten Jahr bestenfalls weiterhin stagnieren, im schlechtesten Fall sogar schrumpfen. Unternehmen werden mit Sonderaktionen, Rabattschlachten und Preisdruck im großen Stil antworten. Auch deswegen spricht vieles für ein zunehmend deflationäres Umfeld.

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