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Wirtschaftsnobelpreis: Herr Deaton sucht das Glück

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Er bekämpft die Armut, durchleuchtet unseren Konsum - und ist zugleich der wichtigste Glücksforscher unserer Zeit. Jetzt hat Angus Deaton den Wirtschaftsnobelpreis bekommen. Wer ist dieser Mann?

Spitzenforschern fällt es oft schwer, Normalsterblichen zu erklären, womit sie sich beschäftigen. Für Angus Deaton gilt das sicherlich nicht. Er sei "jemand, der sich mit den Armen der Welt befasst, zudem damit, wie sich Menschen verhalten und was sie glücklich macht", fasste der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft im Anschluss an die Bekanntgabe der Ehrung sein Wirken kurz und bündig zusammen.

Insbesondere mit seinen Studien zur sogenannten Glücksforschung erreichte der 69-Jährige in jüngerer Zeit ein breites Publikum. Etwa mit der Erkenntnis, dass die persönliche Lebenszufriedenheit durchaus mit steigendem Einkommen zunimmt - allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze. 2010, als die Studie veröffentlicht wurde, waren dies 75.000 Dollar Jahresnettoeinkommen. Eben jene Untersuchung veranlasste einen US-Jungunternehmer, seinen Angestellten einen Mindestlohn von 70.000 Dollar zu garantieren.

Auch mit dem Einfluss des Alters auf das empfundene Glück beschäftigte Deaton sich vor Kurzem - seitdem wissen wir, dass die Zufriedenheit im Laufe eines Lebens einer U-Kurve folgt: hohe Zufriedenheit bis zum 30. Lebensjahr, danach die berühmte Midlife-Crisis, bevor sich das Glück spätestens mit 60 wieder auf alte Höhen aufschwingt.

Und in Bezug auf die Frage, ob Kinder glücklich machen, bestätigte Deaton zwar, dass Eltern im Schnitt tatsächlich eine höhere Lebenszufriedenheit haben als Kinderlose. Das liege aber nicht an den Kindern an sich, sondern daran, dass Eltern im Schnitt auch höhere Einkommen und einen stärkeren Gottesglauben als Kinderlose hätten.

Konsum als Messinstrument für Armut

Die höchste Auszeichnung für Ökonomen erhält Deaton nun zwar nicht explizit für seine Glücksstudien - die Nähe zum Alltag prägt jedoch seine gesamte Forschung. Bereits 1980, damals noch Gastdozent an der US-Eliteuni Princeton, präsentierte der Schotte Deaton gemeinsam mit seinem Kollegen John Muellbauer ein Modell, mit dem sich die Nachfrage nach verschiedenen Gütern vorhersagen lässt.

Zuvor hatten Ökonomen über Jahrzehnte große Probleme gehabt, ein System zu finden, das tatsächlich funktionierte. Noch heute wird Deatons System in vielen Studien genutzt. Die EU untersuchte damit beispielsweise, ob gezielte Kampagnen Europäer dazu bewegen könnten, teureres, aber gesünderes Essen zu kaufen.

Drei Jahre danach, im Jahr 1983, erhielt Deaton einen Lehrstuhl in Princeton, später nahm er nach der britischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Er beschäftigte sich mit dem Zusammenhang zwischen Einkommen und Konsum. Insbesondere leistete er Pionierarbeit, wenn es darum ging, wie sich politische Entscheidungen wie etwa Steuererhöhungen auf die individuelle Entscheidung auswirken, Geld auszugeben oder es zu sparen.

Indien wurde später der Schwerpunkt seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Armut in Entwicklungsländern. Für gemeinsame Studien mit der Weltbank veränderte er die Methode zur Ermittlung von Armut entscheidend: Anstatt diese schlicht am Einkommen zu messen, betrachtete er den Konsum der Menschen - also deren Kaufentscheidungen. "Und es stellte sich heraus, dass das ein viel besseres Maß für Armut ist", sagt Per Strömberg, Mitglied in der Jury des Nobelpreises für Wirtschaft.

Optimistischer Blick

Deatons Forschung hatte ganz konkrete Wirkungen in Indien. Er fand zum Beispiel heraus, dass auf dem Land weitaus mehr Menschen arm waren als zuvor angenommen. Die Regierung richtete daraufhin ihre Programme zur Unterstützung armer Haushalte neu aus, die Landbevölkerung wurde weitaus stärker berücksichtigt.

Deaton entwickelte sich zum Experten für das Design und die Auswertung von Umfragen unter Haushalten - nur so lassen sich empirisch gesicherte Daten etwa über Kaufentscheidungen sammeln. Deaton konnte belegen, dass sich anhand dieser Haushaltsdaten zahlreiche weitere Fragen bearbeiten lassen, von der Beziehung zwischen Einkommen und Kalorienaufnahme bis zum Ausmaß der Geschlechterdiskriminierung innerhalb von Familien.

Seine Arbeit machte ihn zu einem profilierten Kritiker der traditionellen Entwicklungshilfe, die oft schlicht Geld in arme Länder schicke, das dort aufgrund schlechter Politik keine Wirkung entfalte. In seinem 2013 erschienenen Buch "Das große Entkommen" offenbarte er dennoch einen grundsätzlich optimistischen Blick. Lebenserwartung und Wohlstand seien über die Jahre in den Entwicklungsländern kontinuierlich gewachsen. Kindern in Afrika, so schrieb Deaton, gehe es heute besser als den Kindern in England vor 100 Jahren - zumindest erreicht ein höherer Anteil das fünfte Lebensjahr.

Diesen Optimismus zeigte Deaton auch an diesem Montag. "Ich sehe einen Rückgang voraus", sagte er, von Journalisten nach der künftigen Entwicklung der Armut in der Welt befragt. "Aber wir sind noch nicht über den Berg", ergänzte er. Noch immer gebe es 700 Millionen extrem arme Menschen auf der Welt.

Mit Material von dpa

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1. mit diesem Geldsystem
frank-12 12.10.2015
wird sich an der Lage der Armen nicht viel ändern. Der Reichtum der einen ist die Armut der anderen. Wenn sich daran was ändern soll, dann muss das Geldsystem geändert werden - aber dann müssten die reichen Arbeitslosen etwas arbeiten gehen und das wollen die ja nicht.
2. Das ist zynisch und gemein, primitiv,
yc4 12.10.2015
Zitat von frank-12wird sich an der Lage der Armen nicht viel ändern. Der Reichtum der einen ist die Armut der anderen. Wenn sich daran was ändern soll, dann muss das Geldsystem geändert werden - aber dann müssten die reichen Arbeitslosen etwas arbeiten gehen und das wollen die ja nicht.
BILD jargon! Die allermeissten Arbeitslosen dürfen nicht arbeiten! Ich habe dies selbst ca. 20 Jahre lang erlebt, arbeit findet sich immer, Anstellung nie! Trotz dreier Gesellenbriefe und vielseitiger Erfahrung war ich ob vorheriger Arbeitslosigkeit immer den Sklavenhändlern geweiht! Noch immer würde ich gern auf dem Marktplatz öffentlich verhungern, als jemals für einen Zeitarbeits- mafiosi auch nur eine Hand zu bewegen!
3.
sonneetoile 12.10.2015
Seit wann haben Menschen mit Kindern kein höheres Einkommen als Menschen ohne Kinder?
4. Keine Überraschung oder doch?
Aberlour A ' Bunadh 12.10.2015
Eigentlich überraschend, dass ein Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für jemanden verliehen wird, der in der traditionellen mathematischen ökonomischen Konsumtheorie sein Auskommen gefunden hat. Normalerweise bietet die mikroökonomische Konsumtheorie nichts an, dass für die Praxis interessant sein könnte und wird folgerichtig von der Praxis auch nicht nachgefragt. Selbst bei relativ einfachen Fragestellungen muss man schon zur Psychologie greifen, um auch nur ansatzweise praxisrelevantes Wissen zu generieren. Und es gibt sogar Ökonomen die hier in interdisziplinärer Forschung ein solches Wissen erarbeitet haben: Tibor Scitovsky, Richard Thaler, Daniel Kahneman. Deaton ist Ökonometriker und er kann gut rechnen und er ist Princeton, Harvard, MIT oder Berkeley. Das reicht dann wohl.
5.
Stäffelesrutscher 13.10.2015
Zitat von frank-12wird sich an der Lage der Armen nicht viel ändern. Der Reichtum der einen ist die Armut der anderen. Wenn sich daran was ändern soll, dann muss das Geldsystem geändert werden - aber dann müssten die reichen Arbeitslosen etwas arbeiten gehen und das wollen die ja nicht.
Sie meinen Frau Klatten und Gloria von und zu?
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