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Anhaltender Kurssturz: Börsen-Baisse setzt Obama unter Erfolgsdruck

Von Kai Lange

Finanzhilfen, Steuersenkungen - die Regierung Obama verkündet einen Wirtschaftsplan nach dem anderen, doch die Börse kennt nur eine Richtung: nach unten. Selbst auf das 780-Milliarden-Konjunkturpaket reagierte die Wall Street mit einem Kursminus. Händler fürchten, dass der Dow Jones bald unter 7000 Punkte fällt.

Hamburg - Als Freund der Wall Street wollte Barack Obama nie gelten. Dass die zuletzt auch beim Wahlvolk nicht gerade beliebten Wall-Street-Banker weiterhin Boni in Milliardenhöhe kassiert haben, obwohl die wankenden Institute mit Steuermilliarden gestützt werden mussten, nannte der US-Präsident Ende Januar "beschämend" und einen "Gipfel der Verantwortungslosigkeit".

US-Präsident Obama (bei der Rede in Caterpillar-Fabrik in Illinois): Wenn die Regierung in Sachen Wirtschaft an die Öffentlichkeit tritt, rutschen die Indizes weiter ab
AP

US-Präsident Obama (bei der Rede in Caterpillar-Fabrik in Illinois): Wenn die Regierung in Sachen Wirtschaft an die Öffentlichkeit tritt, rutschen die Indizes weiter ab

Doch auch die Wall Street legt es nicht darauf an, mit dem neuen Hoffnungsträger rasch warm zu werden - im Gegenteil. Es scheint, als arbeiteten die US-Finanzmärkte emsig an dessen Entzauberung: Jedes Mal, wenn die Obama-Administration in Sachen Wirtschaft an die Öffentlichkeit tritt, rutschen die Indizes in den Keller.

Schon der Willkommensgruß der Börse war nicht gerade freundlich. Am 4. November, als Obama zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, gab der marktbreite S&P 500 Index rund 5 Prozent nach.

Ein ähnlich deftiger Verlust folgte am 20. Januar, als Obama feierlich vereidigt wurde. Während Obamas Antrittsrede jubelten die Bürger in Washington, doch die Börse taumelte. Und als Obamas Finanzminister Timothy Geithner am vergangenen Dienstag sein Rettungsprogramm für die Finanzmärkte vorstellte, tauchten die Börsen noch während der Rede Geithners erneut ab.

Es ist nicht so, dass Obama und sein Team mit Hilfen für die Wirtschaft knausern. Insgesamt bis zu drei Billionen Dollar stellt die neue Regierung zum Beispiel gemeinsam mit der US-Notenbank zur Verfügung, um die eingefrorenen Kreditmärkte aufzutauen, die Banken von ihren faulen Krediten zu befreien, die US-Häuserpreise zu stabilisieren sowie weitere Zwangsversteigerungen möglichst zu vermeiden.

Doch die Börse zeigt bislang keinerlei Begeisterung über diese Hilfen historischen Ausmaßes. "Zu wenig Details, zu unkonkret", lautete stattdessen der vernichtende Kommentar auf dem Parkett. Und überhaupt: Wenn weiterhin solche Unsummen zur Rettung der Branche nötig sind, dann muss es wirklich schlimm stehen.

"Die neue Regierung hat die Wall Street in dieser Woche enttäuscht", sagte zum Beispiel Ben Halliburton, Gründer von Tradition Capital Management, dem Nachrichtensender CNN. "Beim Finanzmarkt-Rettungsplan werden Details vermisst, und die Menschen hatten außerdem gehofft, dass man bei der Bewältigung der Krise schon etwas weiter gekommen wäre."

"Ich war enttäuscht von den fehlenden Details", ergänzte Scott Wren von Wachovia Securities gegenüber Reuters. "Die Regierung wird über das Wochenende wahrscheinlich lange zusammensitzen und erkennen, dass der Markt mehr Details braucht."

Auch am Freitag, dem letzten Tag der Börsenwoche, blieb die Wall Street dem Obama-Bashing treu. Obwohl die Mehrheit für das fast 800 Milliarden schwere Konjunkturpaket im Kongress schon quasi feststand, war dies alles andere als ein Weckruf an der Wall Street. Wenige Minuten nach der Zustimmung des Repräsentantenhauses rutschten die Indizes sogar ab.

Knapp 20 Prozent Verlust seit November - neue Tiefs im Blick

Der Dow Jones Chart zeigen hat in dieser Woche noch einmal 5,2 Prozent an Wert verloren, der S&P 500 4,8 Prozent. Trotz des milliardenschweren Konjunkturprogramms. Trotz der Finanzmarkthilfen in Billionenhöhe.

Der Dow Jones schloss auf dem tiefsten Stand seit knapp drei Monaten. Nur am 20. November, als ein vernichtender Bericht vom US-Arbeitsmarkt die Indizes in den Sturzflug schickte, hatte der Dow in den vergangenen fünf Jahren überhaupt tiefer geschlossen.

Der US-Leitindex hat seit Anfang November um weitere knapp 20 Prozent nachgegeben und notiert aktuell bei 7850 Zählern - das ist nicht mehr weit von dem Mehrjahrestief entfernt, das der Index zum Ende des Jahres 2002, kurz vor Beginn des Irak-Krieges, markiert hatte.

Händler befürchten, dass der Dow in den kommenden Wochen sogar unter die Marke von 7000 Punkten rutschen kann. US-Unternehmen melden derzeit die stärksten Gewinneinbrüche seit vielen Jahren, und die Ausblicke sind meist extrem verhalten.

Wenn der Markt die Pläne der Regierung als nicht ausreichend betrachte, sei ein weiterer Kursrutsch möglich, meinte Harry Rady von Rady Asset Management gegenüber Reuters. Die Rettungspläne des Hoffnungsträgers im Weißen Haus klingen nach Ansicht der Wall Street immer noch zu wolkig. Zudem mehren sich die Zweifel, dass die Milliardenhilfen angesichts des weiteren Preisverfalls am US-Immobilienmarkt überhaupt ausreichen. Schon bald, so die Befürchtung, werde der Präsident neue Programme auflegen müssen.

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