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Anlagebetrug: Die seltsamen Geschäfte der Gabriele K.

Von manager-magazin.de-Mitarbeiter Heinz-Roger Dohms

Es ist eine Geschichte zwischen Absurdität und Abgrund: Gabriele K., eine Bankerin aus der bayerischen Provinz, soll reiche Anleger um eine zweistellige Millionensumme gebracht haben - mit Investmentdeals, die es offenbar gar nicht gibt.

S&K, Wölbern, Infinus und Co.: 2013, das Jahr der Geldverbrenner Fotos
Corbis

Dafür, dass Gabriele K. eine Frau mit besten Verbindungen sein soll, weist ihr LinkedIn-Profil erstaunlich wenige Kontakte aus. 16 sind es gerade mal. Auch sonst ist die Seite für den Besucher eher enttäuschend. Ein bisschen was über K.s Interessen erfährt man ("Bond Trading"). Und dass sie seit April 2006 als "Director" der Dr. Stark Vermögensverwaltung firmiert.

Daneben? Wenig. Nicht einmal auf dem neuesten Stand ist das Profil. Denn andernfalls müsste dort korrekterweise stehen: "März 2013 - Heute: Untersuchungshaft in Bamberg."

Wenn ein Gericht eine Beschuldigte neun Monate in U-Haft festhält, dann sollte es dafür, auch in Bayern, einen triftigen Grund geben. Im Fall der Gabriele K. - genannt: die Gabi - ist dieser Grund: mutmaßlicher Anlagebetrug, verbunden mit Fluchtgefahr. Die 50-jährige Fränkin soll reiche Privatleute aus Deutschland und der Schweiz mit einem Schneeballsystem um viele Millionen gebracht haben; darüber hinaus sind offenbar auch institutionelle Investoren betroffen.

Die Causa erreicht, nach allem, was manager magazin Online bislang recherchiert hat, zwar nicht ganz die Größenordnung der Fälle Kiener oder S&K. Um eine Petitesse aber geht es auch nicht. Die Schadenshöhe soll im zweistelligen Millionenbereich liegen.

Schneeballsysteme sind keine Männerdomäne mehr

Ob Bernie Madoff, Jürgen Harksen, Helmut Kiener oder die S&K-Bubis - seit den Zeiten des seligen Charles Ponzi waren Anlagebetrug und Schneeballsysteme eine Männerdomäne.

Gabriele K., dunkles Haar, dezentes Make-up, würde dieses Muster sprengen. Gegen ihren Ehemann ermittelt die Staatsanwaltschaft zwar ebenfalls. Aber das Sagen hatte offenbar sie. "Wenn seine Frau sich ums Geschäftliche gekümmert hat, war er auf dem Golfplatz", sagt einer, der Einblick hat in die Sache. Aus der U-Haft wurde der Gatte wieder entlassen.

Ein Anlagevehikel namens "Lucendro"

Die Geschichte der Gabriele K. ist eine Geschichte zwischen Absurdität und Abgrund. Wann sie beginnt, ist nicht ganz klar. Dafür weiß man aber, wann sie Fahrt aufnimmt - im Oktober 2011 nämlich. Ein paar Investmentmanager aus der Schweiz legten damals den "New World Fund - Lucendro" auf, ein Finanzvehikel mit Adresse auf den British Virgin Islands, benannt nach einem Berggipfel über dem Gotthard.

Im Prospekt des "Lucendro" wird detailliert beschrieben, in welche Art von Anlagen der Fonds investieren darf. Tatsächlich aber scheint der "Lucendro" offenbar von Anfang an nur ein Investmentziel gehabt zu haben: Gabriele K., beziehungsweise: deren Dr. Stark Vermögensverwaltung.

Die Mindestanlagesumme für den "Lucendro" wird zum Start 2011 auf 100.000 Dollar festgelegt. Der Fonds wendet sich also nicht an den kleinen Privatanleger. Sondern an die gehobene Klientel. Bei den mutmaßlich Geschädigten handelt es sich um Menschen, denen man zutrauen sollte zu wissen, was Finanzbetrug ist. Andererseits: Vielleicht ist es gerade diese Klientel, die überzeugt ist, betrogen würden immer nur die anderen - sie selbst aber nicht.

Peter Meyer (Name geändert), eines der mutmaßlichen Opfer, arbeitet selber im Finanzgewerbe. Für seine Eltern sucht er Ende 2011 nach einer Anlagemöglichkeit. Die Eltern sind wohlhabend, ein Bankauszug aus jener Zeit weist allein ein Geldvermögen von mehr als zwei Millionen Euro aus.

"Es bestand ein Vertrauensverhältnis"

Über die berufliche Schiene - so erzählt es Peter Meyer im Gespräch mit manager magazin Online - kennt er einen der "Lucendro"-Manager. "Es bestand ein Vertrauensverhältnis." Der Manager macht ihn rasch mit Gabriele K. bekannt. "Sie hat von Anfang an sehr seriös gewirkt." Meyer und Gabriele K. telefonieren ein paar mal miteinander, dann treffen sich Meyer, Gabriele K. und zwei der "Lucendro"-Manager in einer Hotellobby auf Mallorca. Meyer erinnert sich noch genau, nicht nur an die dunklen Haare und das dezente Make-up, sondern an den ganzen Auftritt von Gabriele K.: "Alles andere als protzig, eher bieder, eher durchschnittlich, vor allem aber professionell, wie eine gute Kauffrau eben." Und: "Sie wusste, worum es geht, sie hatte ein fundiertes Wissen."

Außer Peter Meyer will keines der mutmaßlichen Opfer reden. Doch laut Thomas Kritter, dem Mannheimer Anwalt des "New World Fund - Lucendro", hatten viele Fondsanleger "persönlichen Kontakt" zu Gabriele K. Den gemeinsamen Geschäften war das Vertrauensverhältnis vermutlich zuträglich. Denn die Geschichte, die Gabriele K. und die "Lucendro"-Manager den Anlegern demnach auftischten - um die zu glauben, brauchte es schon ein ordentliche Maß an Vertrauen.

"Die Gabi" und ihr geheimnisumwitterter Frühhandel

Versteht man richtig, was Peter Meyer, was Thomas Kritter und was noch ein paar andere einem erklären wollen, dann sah das Modell der Gabriele K. ungefähr so aus: Das Geld der Anleger sollte in European Medium Term Notes (EMTN) fließen - spezielle Schuldverschreibungen seien das, grob gesagt Anleihen.

"Die Gabi", wie sie in Mails zwischen den Beteiligten genannt wurde, kaufte die Papiere aber nicht auf normalem Wege. Sondern in einem geheimnisumwitterten Frühhandel, der zwischen Emission und Platzierung liegen sollte. Nur so war es möglich, die EMTNs quasi risikolos zu einem Kurs von 98 zu kaufen und zu einem Kurs von 100 gleich wieder zu veräußern. Und da Gabriele K. die Deals mit Fremdkapital sogar noch hebelte, konnte sie ihren Investoren traumhafte Renditen garantieren. 2012 legte der "Lucendro" einem Investorenbrief zufolge eine Performance von 33,97 Prozent hin.

Der Opfer-Sohn Peter Meyer sagt zum Thema EMTN-Frühhandel: "Es gibt diese Deals." Er ist davon immer noch überzeugt.

Der Lucendro-Anwalt Thomas Kritter erklärt: "Manche Experten sagen, Privatinvestoren hätten Zugang zu diesen Geschäften, andere sagen, es gibt diesen Zugang oder diese Geschäfte in dieser Form nicht. Da die Geschäfte aber streng vertraulich sein sollen, lässt sich weder das eine noch das andere mit Sicherheit nachweisen."

"Das klingt nach ziemlichem Bullshit"

Ein von manager magazin Online zu Rate gezogener Investmentbanker mit langjähriger Erfahrung im Anleihegeschäft meint: "Das klingt alles nach ziemlichem Bullshit."

Gabriele K., sagt Peter Meyer, habe erzählt, dass sie dank ihrer Verbindungen in die Finanzwelt exklusiven Kontakt zu einem der Zwischenhändler habe, die die EMTN-Deals tätigten. Immerhin legte Gabriele K. auch Dokumente vor, wie zum Beispiel den Brief einer britischen Großbank, bei der die vielen Anlegermillionen angeblich verwahrt wurden.

In Schriftsätzen des "Lucendro"-Managements heißt es nun, man könne nicht mehr zwingend davon ausgehen, dass es sich bei dem Brief um ein Original handle. Mit anderen Worten: Bei dem vermeintlichen Schlüsseldokument dürfte es sich wohl um eine Fälschung handeln.

Peter Meyers Eltern investierten mehr als eine Million Euro in den "Lucendro". In der ersten Zeit kassierten sie noch eine monatliche Dividende. Doch dann, im März 2013, nach der Festnahme von Gabriele K., stellte der Fonds seine Zahlungen ein.

Wo ist das Geld?

Martin Wagner und Daniel Fischer, zwei Schweizer Opferanwälte, die auch deutsche Geschädigte vertreten, hegen den Verdacht, dass die "Lucendro"-Manager mit K. gemeinsame Sache gemacht haben. Die Art des Fonds und auch die dahinterstehenden Personen seien "alles andere als vertrauenswürdig", sagt Wagner. "Wenn man sich diesen Fall anschaut, dann ist kaum eine Variante denkbar, die kriminelles gemeinsames Vorgehen ausschließt", meint Fischer. Fonds-Anwalt Kritter weist diesen Verdacht vehement zurück: "Der 'Lucendro'-Fonds zählt selbst zu den Opfern."

Bleibt die Frage: Wo ist das Geld? Ausweislich offizieller Fondsdokumente verfügte der "New World Fund - Lucendro" per Februar 2013 über rund 29 Millionen Euro - Geld, auf das angeblich nur Gabriele K. Zugriff hatte. Daneben sollen auch weitere Privatanleger bei Frau K. investiert haben, also solche, die nicht über den "Lucendro" anlegten, sondern direkten Zugang hatten.

Was diese Anleger betrifft - hier geht es um weitere gut zehn Millionen Euro - hat die Staatsanwaltschaft Hof bereits Anklage gegen Gabriele K. erhoben. Was den "Lucendro"-Komplex angeht, laufen die Betrugsermittlungen gegen das Ehepaar K. noch.

Im Zuge der Anklage teilte die Staatsanwaltschaft mit, Gabriele K. und ihr Mann hätten "einen Großteil der Investorengelder zu eigenen Zwecken verwendet. Weiterhin dienten neuerhaltene Kundengelder in dem von der Angeschuldigten betriebenen Schneeballsystem zur Ruhigstellung der Altinvestoren." Der Verteidiger von Gabriele K. will sich unter Verweis auf "verteidigungstaktische Gründe" nicht äußern zu der ganzen Angelegenheit.

Und K. selber? Wird Weihnachten wohl in U-Haft verbringen.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. wie immer
nevertrust 22.12.2013
Geld frisst Hirn
2. Das Uebliche....
fatherted98 22.12.2013
...reiche Leute die gern noch reicher werden wollen und sich einreden lassen mit einer Unterschrift sei das moeglich...in ihren Jobs aeusserst clever anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen, gehen diese Leute solchen Anlagebetruegern am liebsten auf den Leim....wenn ich jetzt sage...ich goenn es ihnen...wird mir wieder Neid unterstellt....na wenn schon...also...selber Schuld.
3. Lustig...
bytemare 22.12.2013
...klappt immer wieder. Ein Hoch auf die Gier der Menschheit. Nicht "Gabi" gehört ins Gefängnis sonder ihre vermeintlichen "Opfer". Ich hoffe, die sehen keinen Cent wieder!!!!
4. Gier frisst Hirn
spon_1542210 jorgos48 22.12.2013
Nicht nur bei Gabi, sondern auch bei den Anlegern. Mein Mitleid für diese Herrschaften hält sich in Grenzen.
5. Warum
muru 22.12.2013
Zitat von bytemare...klappt immer wieder. Ein Hoch auf die Gier der Menschheit. Nicht "Gabi" gehört ins Gefängnis sonder ihre vermeintlichen "Opfer". Ich hoffe, die sehen keinen Cent wieder!!!!
gehören ihre Opfer ins Gefängnis? Da muss man schon ein sehr verschobenes Verständnis haben, wenn man diese Meinung vertritt. Bei einem Einstiegsbetrag von gerade mal 100000 $, also ca. 75000 € kann man nicht unbedingt von Superreichen sprechen. Da muss man schon zu den Losern gehören, um eine solche Meinung zu vertreten.
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