Anleger-Vorkämpfer Bellmann König der Kaupthing-Opfer

Er kämpfte, nervte, ging an seine Grenzen: Neun Monate lang stritt Karlheinz Bellmann dafür, dass deutsche Anleger ihr Geld von der isländischen Pleitebank Kaupthing zurückbekommen. Jetzt ist es so weit. Besuch bei einem Mann, der seine 110.000 Euro Erspartes gerettet hat - und trotzdem nicht glücklich ist.

Aus Dieburg berichtet


So einen Abend will Karlheinz Bellmann nie mehr erleben. Dieses langsam aufsteigende Gefühl der Hilflosigkeit, weil man nichts machen kann. Satte 110.000 Euro, die gesamten Ersparnisse aus über einem Jahrzehnt - einfach weg.

Die Angst, die sich dann im Körper ausbreitet. Die Schweißperlen auf die Stirn treibt.

9. Oktober 2008. Das Telefon klingelt. Karlheinz Bellmann bleibt erst mal ruhig, als ihm sein Bruder am anderen Ende der Leitung sagt: "Deine Bank hat zugemacht." Er ruft die Web-Seite der Kaupthing-Bank auf. Dort steht, das isländische Geldinstitut stehe jetzt unter Staatsaufsicht. Und: "Derzeit ist der Zugriff auf die Online-Konten nicht möglich."

Karlheinz Bellmann denkt kurz an das Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Die Einlagen der Deutschen seien sicher. Er geht weg vom Computer und kümmert sich um seine Kinder, die durchs Wohnzimmer toben und Mikado spielen wollen.

Bellmann ist zu diesem Zeitpunkt noch ein recht typischer Kleinanleger: 49, selbständiger Software-Experte, vier Kinder, Eigenheim im hessischen Dieburg. Ein Mann mit einem ganz allgemeinen Urvertrauen in Banken. Er ahnt an diesem 9. Oktober nichts von dem Nervenkrieg, der ihm bevorsteht, der seine Familie kaputtzumachen droht. Er hat keine Ahnung, dass er in den kommenden Monaten nach Island und kreuz und quer durch Deutschland reisen, mancher Größe aus Wirtschaft und Politik die Hand schütteln wird - und dass ihn viele der insgesamt 30.000 geschädigten deutschen Kaupthing-Opfer bald als eine Art Robin Hood der Kleinanleger verehren werden.

Nach dem Mikadospiel gehen die Kinder schlafen, und Karlheinz Bellmann setzt sich wieder an seinen Computer. Ihm dämmert jetzt, dass die Lage ernst ist. Denn im Internet findet er den Hinweis, dass Kaupthing-Kunden nicht unter dem Schutz der deutschen Einlagensicherung stehen. Dem zuständigen isländischen Sicherungsfonds wiederum droht die Pleite - wie dem gesamten Staat Island.

Bellmann bekommt es mit der Angst zu tun. Das angelegte Geld war großteils gedacht für die Ausbildung seiner Kinder. Auch die liquiden Mittel seiner Firma liegen auf dem Konto bei Kaupthing. Satte 5,1 Prozent Zinsen bot die Bank auf ihrem Tagesgeldkonto, weitere 0,55 Prozent in den ersten Monaten. Bellmann hatte lange recherchiert, das Angebot wurde auch in Fachzeitschriften empfohlen.

Jetzt gibt Bellmann "Kaupthing" und "Hilfe" bei Google ein. Findet ein Forum. Da ist schon die Hölle los ist, "Chaos und pure Hilflosigkeit", erinnert sich der Dieburger.

Der Alptraum beginnt.

Er habe keinen Ansprechpartner gehabt, sagt Bellmann heute. In der Frankfurter Kaupthing-Filiale sei telefonisch niemand zu erreichen gewesen, und als Bellmann bei einem Besuch die Tür geöffnet wird, "stapelten sich da die Akten. Die Luft war nikotingeschwängert". Der Geschäftsführer habe offenbar nächtelang nicht geschlafen, "den konnte man vergessen".

"Die Gangster haben Anzüge getragen"

Auch die Bundesregierung hält sich in jenen Tagen zurück. Man kann sich fragen, was sie Kaupthing-Opfern wie Bellmann hätte sagen sollen. Angesichts der Wirren dieser Krise ist durchaus denkbar, dass auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück damals nicht weiß, ob und wann die Deutschen ihr Geld wiederbekommen würden.

Bellmann wird irgendwann so "stinkig", wie er sagt, dass er auf Angriff schaltet. Er bucht einen Flug nach Island, einen geliehenen Anzug und ein Foto seiner Kinder im Gepäck - und einen ZDF-Fernsehreporter auf den Fersen. Er hat eine Einladung für eine Sitzung des Gläubigerausschusses, jemand aus dem Kaupthing-Forum hat das organisiert. Bellmann wird die Reise später einen Akt "purer Verzweiflung" nennen.

Einen Tag nach der Ankunft protestieren wütende Isländer gegen die Auswüchse des Kapitalismus, und Bellmann reiht sich ein. Eine Reporterin entdeckt ihn. Sie macht ein Interview - und fängt an zu weinen, als sie seine Geschichte hört.

Es ist der Wendepunkt in der Geschichte des Karlheinz Bellmann, der Geschichte seines Kampfes für die Kaupthing-Opfer.

Die Szene vom mutigen Kleinanleger aus Übersee läuft im isländischen Fernsehen, im deutschen Fernsehen, sie läuft rauf und runter - und von da an "flutscht es" mit der Lobbyarbeit, sagt Bellmann heute. Plötzlich sitzt er bei "Kerner" im Sessel und bei der "Menschen 2008"-Show. Er wird hierhin und dorthin gebeten.

Bellmann kommt selbst dann, wenn er nicht eingeladen ist. Denn der Hesse ist nicht nur der nette kleine Mann, den er im Fernsehen gerne gibt. Bellmann kann nerven. Er hat Sätze, von denen er weiß, dass sie gut kommen, und er wiederholt sie unermüdlich. "Die Gangster, die ich kennengelernt habe, haben Anzüge getragen" - das ist einer dieser Sätze.

"Entschuldigen Sie bitte meine Penetranz"

Dutzende PDF-Dokumente und andere Daten hat er zusammengetragen, seitenlange Pamphlete und E-Mails hat er verfasst. Ein Drei-Seiten-Schreiben an Steinbrück endet mit den Worten: "Leider sind Sie der Bundesfinanzminister. In diesem Sinne: Entschuldigen Sie bitte meine Penetranz, aber es geht um die Sache."

Bellmann hat offensichtlich keine Zweifel, dass seine Mails von Steinbrück persönlich gelesen werden. Und er hat Erfolg mit dieser Masche. Irgendwann kennen sie ihn alle.

Fotos entstehen: Er und Steinbrück, er und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, er und Udo Lindenberg. Bellmann wird zum Gesicht und zur Stimme der Kaupthing-Opfer, ohne je ein echtes Mandat dafür zu haben.

Er ist die Stimme, die diese offensichtlich dringend brauchen. Denn immer wieder heißt es in Fernsehen und Zeitungen, die Rückzahlungen stünden unmittelbar bevor. Und immer wieder kommt danach - nichts.

Also fliegt Bellmann mit sieben Mitstreitern erneut nach Island, auf die nächste Gläubigerversammlung. Setzt sich neben den "Herrn BayernLB" und die anderen Bankenvertreter, die um Milliarden an geliehenen Geldern kämpfen. Bei den Kleinanlegern geht es um 308 Millionen Euro. Bellmann und seine Mitstreiter bekommen trotzdem mehr Aufmerksamkeit.

Als Kaupthing endlich versichert, nun werde das Geld tatsächlich überwiesen, steigt Bellmann wieder ins Flugzeug. Geht in die Bank, kommt raus und sagt, an diesem Montag sei es so weit. Genauso steht es danach in den Zeitungen.

Sein Wort reicht inzwischen.

Rundgang bei Steinbrück

In dieser Woche soll das Geld tatsächlich endlich überwiesen werden. Aber Bellmann empfindet keine Freude deshalb. Zu viel ist passiert.

Da ist die Sache mit dem Bruder, der ihm zu dem Konto bei den Isländern geraten hatte, weil auch er eines besaß. Das eigene Geld zog er noch rechtzeitig ab, doch seinen Bruder Karlheinz rief er an jenem Abend des 9. Oktober nicht mehr rechtzeitig an. In einer Fernsehsendung wurde dies thematisiert, und nun erwähnt Bellmann seinen Bruder lieber nicht mehr, wenn er seine Geschichte erzählt.

Vor allem aber ist da diese Wut über die eigene Hilflosigkeit. Bellmann hat Zusammenhänge entdeckt, die er nie für möglich gehalten hätte. Die Kaupthing-Bank teilte zum Beispiel eines Tages mit, die Auszahlung der deutschen Kunden verzögere sich wegen der DZ Bank - mit der Bellmann wissentlich niemals zu tun hatte. Über die DZ-Bank wickelte die Kaupthing-Bank jedoch teils den Zahlungsverkehr ab. Und weil der deutsche Dienstleister ebenfalls Forderungen an die Krisenbank aus Island hatte, fror er 55 Millionen Euro ein. Ein Geschäftskonto, teilte die DZ Bank mit. Geld, das zur Auszahlung der deutschen Kaupthing-Anleger gedacht war, entgegnete Kaupthing. Bellmann ist fest überzeugt von der zweiten Version. Und fragt: "Wie kann eine deutsche Bank Kundengelder einer anderen Bank einfach pfänden?"

Anfang Juli will er diese Frage im Bundesfinanzministerium stellen. Bellmann und andere Kaupthing-Opfer haben einen Rundgang angemeldet - mit anschließender Fragerunde an Mitarbeiter des Hauses.

"Ich habe denen schon geschrieben, dass wir den Rundgang weglassen und nur sprechen", sagt er. Wenn man im Hause Steinbrück dachte, ihn jetzt los zu sein, hat man sich getäuscht.

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