Anlegerschutz Revolution im Anzug-Land

Das Handelsgeschäft im Auftrag ist für Banken eine feine Sache. Sie verdienen an jeder Order - auch wenn sie Anlegern schaden. Unter Umständen müssen die Geldhäuser künftig für solche Pleitegeschäfte geradestehen. Tausende geprellte Sparer schöpfen Hoffnung.

Von Karsten Stumm, Düsseldorf


Düsseldorf - Zehn Jahre ist es her, dass Reinhard Seligmann (*) einem fragwürdigen Finanzberater auf den Leim ging. Der Mediziner aus Süddeutschland sprach damals einen Patienten auf gute Vermögensverwalter an. Der Mann auf dem Behandlungsstuhl konnte noch während der Sprechstunde helfen: Er arbeitete selbst bei dem Düsseldorfer Geldhaus New York Broker Deutschland. Das hätte den Arzt seitdem beinahe in den Ruin getrieben.

Das Unternehmen mit Hauptsitz neben der Königsallee überzeugte den Arzt Ende der neunziger Jahre, unter anderem in Aktien von US-Börsenneulingen zu investieren. "Doch statt der angekündigten dicken Gewinne fielen einschneidende Verluste an", erinnert sich Seligmann. Nach zwei Jahren zog der Mediziner die Notbremse. Zu spät.

Weit mehr als eine halbe Million Euro war damals schon verloren, bis heute summieren sich die Forderungen auf eine Million Euro. Und die Firma New York Broker, deren Vorstände einst in der Fernsehsendung "3sat-Börse" zu einem Millionenpublikum sprechen durften, hat mittlerweile Pleite gemacht. Für geprellte Anleger wäre nichts mehr zu holen.

Mit verdient, mit gehaftet

"Die Situation ist auf den ersten Blick doppelt misslich, weil sich zumindest einer der beiden New-York-Broker-Vorstände auch noch in die Schweiz abgesetzt hat. Getäuschte Kunden können sich so nicht mal an dem Privatvermögen der Initiatoren schadlos halten", sagt der Düsseldorfer Anwalt Jens Graf, der den Fall vor Gericht brachte.

Graf machte auch den amerikanischen Kontoführer haftbar, der die Aktienspekulationen der New York Broker technisch ausführte. Denn die US-Gesellschaft Pershing, die sogenannte Depotstelle, war mit dem Düsseldorfer Finanzhaus über eine eigentümliche Provisionsstruktur verbunden.

Beide Firmen schoben sich untereinander Geld für jeden Aktienhandel zu, den Pershing im Auftrag von New York Broker ausführte und dessen Abwicklung die Düsseldorfer ihren Kunden in Rechnung stellten - so, wie beispielsweise Reinhard Seligmann. "Wenn dieses Urteil aus dem Arrestverfahren Schule macht, dürfen jetzt Tausende geschädigte deutsche Anleger hoffen", sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschern Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Damit könnte der Mann recht haben. Denn der Schadensersatzanspruch gegen das kontoführende Geldhaus bestehe sogar unabhängig davon, ob das Finanzinstitut die Anlageentscheidungen überhaupt beeinflusst hat, urteilte jetzt das Oberlandesgericht Düsseldorf. Damit aber wird eine Dreiecksbeziehung erschüttert, die in Deutschland geradezu üblich ist.

"Praktisch jeder Vermögensverwalter hierzulande hat eine größere Bank im Rücken, über die er seine Wertpapiergeschäfte abwickelt. Und dafür haben Verwalter und kontoführende Bank fast immer gegenseitige Provisionsverträge geschlossen", weiß Rolf Tilmes, der an der European Business School selbst Vermögensverwalter und Banker ausbildet.

"Sollten die Finanzdienstleister im Hintergrund künftig aber für schlechte Beratung oder gar Betrug der eigentlichen Verwalter im Falle mithaften, wäre das eine Revolution hierzulande", sagt Tilmes. "Damit müssen die Verwalter künftig womöglich ihr gesamtes Geschäftsmodell neu entwickeln, beispielsweise nur noch Honorarberatung anbieten."

Hoffnung für Tausende

Die Revolution hat sich womöglich bereits ereignet. Denn mittlerweile haben sich auch die Richter des Bundesgerichtshofs auf die Seite der Anleger geschlagen. Falls solche Provisionsvereinbarungen zwischen Vermögensverwalter und Depotbank überhaupt geschlossen werden, dann müssen die Anleger darüber wenigstens vor Unterschrift des Verwaltungsvertrages unmissverständlich informiert werden, entschieden Deutschlands oberste Richter.

Damit haben sich Deutschlands Gerichte viel weiter vor gewagt als es im europäischen Ausland üblich ist, beispielsweise in der Schweiz. Die dortigen Bundesrichter entschieden etwa im März vergangenen Jahres, dass Vergütungen, die Vermögensverwalter beim Kauf von Fonds und Aktien von einer Bank erhalten, künftig dem Kunden zustehen. In der Bundesrepublik ist für geprellte Anleger nun noch viel mehr drin.

"Banken, Broker und Fondsverwalter, die zum Beispiel Vermögensverwaltern diese sogenannten Kick-Backs gewähren, haften grundsätzlich nicht nur für die Erstattung des Gebührenanteils, sondern haben auch weitergehende Verluste zu ersetzen. Dazu zählt beispielsweise Ersatz für den Gewinn, den Anleger eingestrichen hätten, wenn sie sich an einen seriösen und durchschnittlich erfolgreichen Vermögensverwalter gewandt hätten", sagt Anwalt Graf.

Sein Mandant Seligmann muss nun nicht mehr bibbern, ob er überhaupt etwas von seinem Geld wiedersieht. Nur noch, wie viel es wohl sein wird. "Solche Fälle können anderen Anlegern deshalb ein Beispiel sein, wie sie doch noch einen Teil ihres Schadens erstattet bekommen, obwohl der eigentliche Verursacher ihrer Verluste nicht mehr für das aufgelaufene Minus geradestehen kann", sagt Anlegerschützer Kurz.

Für Seligmanns Verluste soll bald tatsächlich der Finanzdienstleister Pershing geradestehen. Und Solvenzprobleme hat diese Firma nicht: Das Unternehmen, eine Tochtergesellschaft der Bank of New York, zählt zu den weltweit führenden Finanzserviceanbietern.

*Name der Redaktion bekannt



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