Anti-Unternehmensberater-Buch "Eine Zunft wie Opus Dei"

In seinem Buch "Beraten und verkauft" rechnet der SWR-Chefreporter Thomas Leif mit den Unternehmensberatern ab. Er stützt sich dabei auf eine Fülle von Zeugenaussagen und bisher unveröffentlichte Berichte von Ministerien und Landesrechnungshöfen.

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Berlin - Keiner hätte die Brisanz des Buches besser unterstreichen können als McKinsey-Chef Jürgen Kluge selbst. In einem Telefonat versuchte er, den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) davon abzuhalten, bei der Präsentation des Buches "Beraten und verkauft" aufzutreten.

Wulff kam trotzdem. Schließlich hatte er in einer Talk-Show einst dem Unternehmensberater Roland Berger an den Kopf geworfen, die Gutachten der Branche hätten nicht einmal die Qualität parlamentarischer Anfragen der Grünen. Die Streitschrift, die der SWR-Chefreporter Thomas Leif nun vorstellte, spricht Wulff sicher aus dem Herzen.

Anti-Berater-Buch: "Ein guter Berater macht das, was die Leute wollen"

Anti-Berater-Buch: "Ein guter Berater macht das, was die Leute wollen"

Die Kaste war schon einmal in die Schlagzeilen geraten, als die engen Geschäftsbeziehungen der Münchner Beratungsfirma Roland Berger zur Bundesregierung unter Gerhard Schröder ans Licht kamen. Die anschließende Debatte um die Vergabe von Aufträgen der öffentlichen Hand hatten die Berater allerdings schnell wieder im Griff. Vorwürfe, mit ewig gleichen Rezepten, überteuert eingekauft, würde lediglich Jobabbau gerechtfertigt, konnten sie schnell als Klischees diffamieren: Die Kritiker der Berater verfügten nur über wenige harte Fakten.

Jetzt wartet Leif mit Belegen auf, er führte Interviews mit Beratern, las Studien der Ministerien und der Rechnungshöfe. "Die Interviews und die bislang unter Verschluss gehaltenen Berichte belegen erstmals, was bislang regelmäßig als haltlose Verdächtigung abqualifiziert worden ist", sagt Leif im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Aus der Branche selbst ist zu hören, dass nicht nur Jürgen Kluge, sondern auch sonst mancher Berater mit Spannung auf die Veröffentlichung des Buches wartete. Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater wollte gleichwohl keine Stellung zu den Vorwürfen nehmen. "Wir haben das Buch nicht gelesen und wollen daher nichts dazu sagen", erklärte Verbandssprecher Klaus Reiners auf Nachfrage.

Journalist Leif skizziert mit spitzer Feder, wie die Zunft ihre Aufträge ergattert und sich dabei gleich die Folgeaufträge sichert, wie das enge Geflecht zwischen Politik und Beratern funktioniert und welche Aufgaben wirklich hinter den Beratungsaufträgen stehen: Oft seien sie lediglich dabei behilflich, unpopuläre Entscheidungen gegen den eigenen Apparat durchzusetzen, so der Autor - die Berater würden sozusagen bezahlt, um als Boten der schlechten Nachricht zu dienen.

System der Überwachung

Leif beleuchtet auch die innere Struktur der Zunft, die seinen Beschreibungen zufolge einer Art Geheimbund gleicht. Besonders bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Zeugenberichte über interne Kontrollsysteme, mit deren Hilfe die Mitarbeiter der Beratungsfirmen auf Linie gehalten werden. Routinemäßige Bewertungen dienten dazu festzustellen, ob sie die nächste Karrierestufe erreichen können oder gehen müssen - dadurch entstehe ein Klima der Überwachung, dem sich bis auf einzelne Ausnahmen jeder unterwerfe, heißt es da.

Die Branche selbst schweige sich normalerweise über solche Interna konsequent aus, erklärt Leif. "Intransparenz ist das Schmiermittel, die Abschottung von der Öffentlichkeit hat System", sagt er. "So wie die Beraterzunft organisiert ist, erinnert sie fast an Opus Dei."

Die absolute Diskretion, die Kunden vertraglich zugesichert wird, führe auch dazu, dass eine wirksame Kontrolle ausgeschlossen ist. Diese Verschwiegenheit sichert Leifs eindrucksvollen Schilderungen zufolge das Fortbestehen der Zunft. Denn die Beschreibungen von Insidern und die Studien der Rechnungshöfe, die er in seinem Buch vorstellt, sind alles andere als schmeichelhaft. So berichtet etwa ein Berater von KarstadtQuelle: "Die gleichen Berater, die vor einigen Jahren Vorschläge gemacht haben, wie sich das Unternehmen verändern soll, werden Jahre später wieder eingestellt, um genau das Gegenteil vorzuschlagen."

In einem weiteren Interview gesteht Ex-Accenture-Berater Harald Lürmann offen ein, dass Analysen, die in der Regel in wenigen Tagen durchgeführt werden, selten die im Unternehmen vorgefundenen konkreten Probleme reflektieren. In voluminösen Chart-Präsentationen würden dem Kunden schließlich Lösungen nach einem Standardschema vorgelegt. "Die Lösung ist dann zwar theoretisch richtig, aber der Situation nicht angemessen."

Das Wissen, das die Berater nutzten, komme im Übrigen selten von ihnen selbst, sondern in den meisten Fällen von Mitarbeitern aus dem Betrieb, den sie berieten. Die Interpretation, dass hier lediglich Vorschläge, die zwischen grauen Aktendeckeln schlummerten, auf bunte Folien projiziert werden, bestreitet Accenture-Berater Lürmann nicht einmal. Nur kann er nichts Schlechtes daran finden: "Ein guter Berater bezieht sich auf das, was die Leute wollen."

Dass für Lösungen, die im Unternehmen selbst konzipiert worden sind, trotzdem oft ein teures Beratungshonorar bezahlt wird, hat nach Leifs Recherchen aber noch einen ganz anderen Grund. "Ein Beratungsauftrag ist in der Regel mit der Erwartung verbunden, dass die Berater ihre Erfahrungen aus den Konkurrenzbetrieben einfließen lassen", erklärt der Autor unter Verweis auf verschiedene Gespräche mit Insidern.

Im Grunde sei das nichts anderes als Spionage.



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