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15. Juli 2009, 16:47 Uhr

Arbeiterprotest in Frankreich

"30.000, oder es brennt"

Von , Châtellerault

Arbeiter auf der einen Seite, Manager auf der anderen: In Frankreich werden soziale Konflikte besonders hart ausgetragen. Erst nehmen Beschäftigte ihre Geschäftsführer als Geiseln, jetzt drohen Gewerkschafter mit der Sprengung eines Werks - Ex-Premier Villepin wittert eine Revolution.

"In Paris feiern sie den Sturm auf die Bastille, aber wir machen hier unsere eigene Revolte!" Guy Eyermann, 50, rotes T-Shirt, Wuschelkopf und ein Händedruck wie ein Schraubstock, steht vor der Fabrik des Autozulieferers New Fabris. Frankreich hat am 14. Juli den Nationalfeiertag begangen. Doch hier, in der Industriezone von Châtellerault, eineinhalb Stunden südlich der Hauptstadt, herrscht Endzeitstimmung.

Hinter der rot-weißen Schranke an der Einfahrt ist Metallschrott aufgehäuft, Barrieren aus Eisenteilen blockieren den Zugang längs des Sperrzauns. Vor dem Werk qualmen Trümmer von mächtigen Fräs- und Bohrmaschinen, der Geruch von verbranntem Öl und Gummi wabert über das Werksgelände: Die abgefackelten Anlagen stammen vom Protest der vergangenen Tage.

Eyermann, Betriebsratsvorsitzender des ehemaligen Traditionsunternehmens, zeigt auf die grünen Propangasflaschen, die auf den Dächern verteilt und mit Kabeln verbunden sind - so als könnten sie auf Knopfdruck explodieren. "Wenn es keine Lösung gibt", sagt Eyermann, der die kommunistische Gewerkschaft CGT vertritt, "dann wird es krachen."

Wie die Lösung aussehen soll, ist unübersehbar als Graffiti auf die Montagehalle gemalt: "Wir wollen unsere Abfindung", steht da in Riesenlettern. Und: "30.000, oder es brennt."

Seit New Fabris am 16. Juni endgültig Konkurs anmeldete, halten die 336 Mitarbeiter die Werkshallen besetzt. Eyermann sitzt in seinem Betriebsratsbüro zwischen Kaffeemaschine, Megafon und Mikrowelle. Die ultimative Forderung an die Fabrikbesitzer, die niederländische Gruppe Zen sowie die beiden Hauptkunden Renault und PSA (Peugeot), resümiert er in einem Satz: Bis zum 31. Juli muss der gleiche Sozialplan wie bei Entlassungen in anderen Standorten des Konzerns unterzeichnet sein - andernfalls, so der Entschluss der Belegschaftsversammlung, fliegt das Werk in die Luft .

Eyermann: "Ich kann die Leute nicht mehr halten, ich garantiere für nichts."

Die Umgangsformen zwischen Frankreichs Unternehmern und der Arbeiterschaft sind traditionell rauer als in Deutschland. Doch die kämpferische Drohung der Metallwerker in Châtellerault ist auch für hiesige Verhältnisse einmalig. Die Aufmerksamkeit des ganzen Landes richtet sich auf die Fabrik. "Wenn man bei denen da oben was erreichen will", sagt CGT-Gewerkschafter Christian Paupineau, "dann muss man ordentlich auf den Putz hauen."

Schon mehrfach haben Arbeitnehmer in Frankreich erfahren, dass sie mit medienwirksamen Aktionen Erfolg haben können. Im Frühjahr sorgten die Beschäftigten in einem halben Dutzend Firmen für Aufregung: Sie setzen kurzerhand ihre Manager fest. Grund waren Entlassungen, unter anderem bei Caterpillar, 3M, Scapa-France und Sony.

Die illegale Blockade der Chefbüros, bald mit dem Anglizismus "Boss-napping" belegt, erwies sich als durchweg nützliche Strategie - meist waren die Unternehmen bereit, nach dem physischen Showdown bei den Abfindungen deutlich zuzulegen.

Steckt dahinter Frankreichs jakobinische Tradition oder der Mangel an innerbetrieblicher Dialogbereitschaft? Geht es nur um eine Radikalisierung der Arbeiterschaft - oder gar um einen Ausbruch des Zorns, hinter dem Ex-Premier Dominique de Villepin "revolutionäres Risiko" wittert?

In den Werkshallen von New Fabris, wo der moderne Maschinenpark in märchenhafter Regungslosigkeit erstarrt ist, wird greifbar, dass die brisante Zuspitzung eher von Verzweiflung getrieben ist als von der Freude an der Konfrontation. "Für die Kollegen, meist zwischen 35 und 55 Jahre alt", sagt Eyermann, "gibt es vor Ort keine neuen Jobs."

"Wie in der Wüste Gobi"

Châtellerault, 45.000 Einwohner, das wichtigste industrielle Zentrum der Region Poitou-Charentes und lange Heimat wichtiger Rüstungsbetriebe, bevor sich die Region zum Standort der Auto- und Luftfahrtindustrie entwickelte, droht durch den Absturz in die Krise große Teile seiner Wirtschaft zu verlieren. Die Fahrt durch die Industriezone zeigt bereits die Tristesse des Niedergangs: Hier hat die Holzplatten-Firma geschlossen, dort ist das Gartenbau-Unternehmen pleite, in Dutzenden von Firmen gab es Entlassungen, in anderen ist Kurzarbeit angesagt. "Das wird hier bald aussehen wie in der Wüste Gobi", knurrt CGT-Mann Paupineau.

Für ihn ist die Geschichte von New Fabris die Chronik der globalen Krise: 1947 gegründet von zwei Brüdern, produzierte man zunächst Wellen für Nähmaschinen, bevor sich das Werk allmählich auf die Herstellung von hochwertigen Teilen für die Autoindustrie spezialisierte: "Aluminium, Grauguss, Stahl - ein blühendes Geschäft", erzählt Paupineau, der als Fräser vor 27 Jahren bei New Fabris anfing. "Wir arbeiteten für Mercedes, Fenwick, John Deere, vor allem aber für PSA und Renault." Der Abstieg begann, so Paupineau, mit dem Verkauf des Familienunternehmens an den niederländischen Konzern Euralcom 2001. "Es gab keine Strategie für Verkauf, technische Weiterentwicklung oder Finanzen."

2003 folgten die ersten Entlassungen, beim technischen Personal, Service, Buchhaltung - dann der Konkurs. Die italienische Gruppe Zen übernahm 2007 die Fabrikation, versprach Garantien und einen dreijährigen Investitionsplan. "Im September 2008 wurde noch eine hochmoderne Scheidemaschine installiert", sagt der Gewerkschafter. "Ein Schmuckstück, digital gesteuert, das Beste vom Besten, angeschafft und aufgestellt für die Produktion von Renault-Teilen. Nur produziert wurde nie damit." Denn zu diesem Zeit war der erneute Bankrott der Firma absehbar: Unter dem Einfluss der Krise schrumpfte das Auftragspolster, Kunden holten ausgelagerte Fertigung in die eigenen Werke zurück. "Am 16. Juni war endgültig Schluss."

Explosion würde Millionenwerte vernichten

Appelle an den Bürgermeister, die örtlichen Abgeordneten und den frisch ernannten Kommissar für industrielle Neuentwicklung blieben ohne Erfolg. Jetzt pokern die Beschäftigten mit dem letzten Einsatz: Dem Lager voller fertiger Ware. Abgaskrümmer, Kurbelwellen, Verteiler - geschätzter Wert: 1,2 Millionen Euro. Hinzu kommt der Wert der Anlagen, den der Betriebsrat auf elf Millionen Euro beziffert. Sollten die Arbeiter Ernst machen und das Werk sprengen, würde alles in die Luft fliegen.

Eyermann droht: "Wir werden nicht erlauben, dass PSA und Renault die hier gelagerten Teile abholen oder die im Werk stehenden Maschinen. Wenn sie etwas mitnehmen wollen, dann müssen sie uns erst die Abfindung zahlen, die wir fordern."

Bislang weist die Führung der beiden Großkonzerne jede Verantwortung von sich: "Wir können nicht die Rolle des Staates oder der Aktionäre übernehmen", heißt es bei PSA und Renault - obgleich sich die beiden Autokonzerne bei einem anderen bankrotten Zulieferer mit 27.000 Euro an den Abschlagszahlungen beteiligt hatten.

Nachahmer installieren schon Gasflaschen

Noch haben die Fabris-Arbeiter Hoffnung. Nach einer Protestfahrt zum Hauptsitz von PSA vergangene Woche wollen sie an diesem Donnerstag vor dem Pariser Stammsitz von Renault ihre Forderungen vorbringen. Am 20. Juli folgt ein Gesprächstermin beim Ministerium für Industrie.

Und sollten die Verhandlungen erfolglos bleiben? "Wenn sie uns nichts geben, bekommen sie auch nichts", sagt Betriebsrat Eyermann. Er deutet vielsagend auf die verkabelten Propangasflaschen: "Wer weiß, was passiert?" Man dürfe sich nicht täuschen, "so eine Fabrikhalle besteht vor allem aus Metall und Öl - das brennt wie eine Fritteuse".

Die Feuerwehr des Departements hat sich schon auf eine mögliche Katastrophe eingestellt. In Châtellerault wurden die Mannschaften verstärkt, die Präfektur, heißt es, hat Alarmstufe Rot ausgerufen.

Derweil macht das Beispiel der Metallwerker Schule: Die Angestellten des Kommunikationskonzerns Nortel aus Châteaufort, die gleichermaßen vor der Entlassung stehen, drohen seit Dienstag ebenfalls, ihr Werk in die Luft zu sprengen. Ein Dutzend Gasflaschen sind bereits installiert.

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