Arbeitsagentur.de Schlangestehen mit Bea

Mit Millionenaufwand hat die Bundesanstalt für Arbeit die Jobbörse "arbeitsagentur.de" aufgebaut. Doch Besucher fragen sich: Wo ist das Geld geblieben? Das neue Kernstück der modernen Arbeitsvermittlung ist kaum zu erreichen und kann in der Bedienung mit anderen Online-Stellenmärkten nicht mithalten.

Von Carsten Matthäus


Arbeitsagentur.de: "Nach dem dritten Zusammenbruch habe ich entnervt aufgegeben"

Arbeitsagentur.de: "Nach dem dritten Zusammenbruch habe ich entnervt aufgegeben"

Hamburg/Nürnberg - Bei diesem Projekt wurde nicht gespart. Die US-Unternehmensberatung Accenture hatte den Auftrag erhalten, für 63 Millionen Euro den "Virtuellen Arbeitsmarkt" der Bundesanstalt für Arbeit (BA) im Internet einzurichten. Auch diese Summe reichte noch nicht. Laut Etatplan kalkuliert die Behörde für 2004 schon mit 77 Millionen Euro. Aber es sollte ja auch der große Wurf werden. Die Seite "arbeitsagentur.de" ist nach BA-Angaben zentraler Bestandteil des geplanten Umbaus der Nürnberger Behörde in einen "modernen Dienstleister".

Kaputte Startseite: "Knapp eine Million Zugriffe gleichzeitig"

Kaputte Startseite: "Knapp eine Million Zugriffe gleichzeitig"

"Nach dem dritten Zusammenbruch habe ich entnervt aufgegeben", schrieb eine Leserin von SPIEGEL ONLINE, nachdem sie rund eine halbe Stunde lang versucht hatte, den neuen virtuellen Arbeitsmarkt zu nutzen. Tatsächlich öffnet sich die Homepage am Montag nur sehr zögerlich, wenn überhaupt. Jürgen Koch, Leiter des BA-Großprojekts, erwartet allerdings, dass die technische Probleme nicht von Dauer sein werden. Es habe fast eine Million Zugriffe gegeben: "Wir sind dabei, das weiter zu optimieren". Das System sei jedoch aus wirtschaftlichen Gründen nicht für solche Ausnahmesituationen ausgelegt.

Sackgasse der Arbeitsagentur: Service für Journalisten findet noch nicht statt

Sackgasse der Arbeitsagentur: Service für Journalisten findet noch nicht statt

Insgesamt sind mit dem Start von "arbeitsagentur.de" nach Kochs Angaben rund 350.000 Stellen online ausgeschrieben, suchende Arbeitgeber sollen jetzt schon auf rund zwei Millionen Bewerber zugreifen können. Schon in zwei Jahren, so die Pläne der BA, soll jeder zweite Job virtuell vermittelt werden. Wer nun allerdings erwartet, er könne schnell seine Bewerber-Informationen ins Netz stellen, der irrt. Hier geht alles noch den ordentlichen Gang einer deutschen Behörde. Nach dem Ausfüllen des ersten Formulars erfährt der Erstkunde des "modernen Dienstleisters", dass er in den nächsten Tagen postalisch eine PIN zugeschickt bekommen werde, die ihn dann zum Ausfüllen des nächsten Formulars berechtigt.

Auch bei der Suche nach freien Stellen bleibt "arbeitsagentur.de" deutlich hinter bestehenden Job-Suchmaschinen zurück. Von "Schnellsuche" keine Spur, vor der Anzeige einzelner Stellenbeschreibungen kann man sich geruhsam einen Kaffee holen. Die einzelnen Profile sind mehrseitig, was aber für wenig Informationsgewinn sorgt. So wird dem der Bewerber kein Link zur Stellenanzeige des suchenden Unternehmens angeboten, dafür bekommt er eine lange Liste mit geforderten Fähigkeiten. Nur wird dabei leider nicht erläutert, was die kleinen Felder in Gelb und Orange bedeuten sollen, die auf dieser Seite erscheinen.

Virtuelle Helferin Bea: "Ich führe Sie hier durch das Angebot"

Virtuelle Helferin Bea: "Ich führe Sie hier durch das Angebot"

Einziger Lichtblick der lahmen Jobbörse ist die freundliche virtuelle BA-Mitarbeiterin namens Bea. Sie begleitet einen mit ihrem netten Lächeln auf jeder Seite bietet immer ihre Dienste an: "Hallo, ich heiße Bea. Klicken Sie hier und ich zeige Ihnen, was arbeitsagentur.de für Sie tun kann". Im Stile eine bildlich animierten Telefonansage bekommt der Nutzer dann mitgeteilt, wie schön die neue Arbeitsamtswelt noch werden kann. Projektleiter Koch fasst das so zusammen: "Der Kunde wird in Zukunft sein Profil selbst eingeben und verwalten. Er braucht nicht mehr den Umweg über das Arbeitsamt zu gehen, sondern hat unmittelbar und sofort Zugriff auf das System". Das wäre dann das, was in allen kommerziellen Jobbörsen längst normal ist.

Aber das ist ja noch nicht alles, was die Bundesanstalt für ihre 77 Millionen Euro bekommt. In der nächsten Ausbaustufe im Mai soll das System als zentrales Arbeitsprogramm für alle 35.000 Mitarbeiter der Arbeitsämter eingeführt werden. Bis dahin müssen laut Koch noch 2,1 Milliarden Datensätze übertragen und sämtliche Angestellte geschult werden. Ab August sollen die Nutzer am PC mit Virtuellen Beratern über Chat und E-Mail im Online-Servicecenter kommunizieren können. Im letzten Schritt Ende 2004 - so die Planung - können Arbeitgeber dann Firmenvideos einstellen und jeder Stellensuchende hat dann seinen virtuellen Agenten, der ihn automatisch über neue Angebote informiert. Richtig neu ist dies allerdings auch nicht.



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