Arbeitsbedingungen in Europa Ver.di erhebt neue Vorwürfe gegen Lidl

Nach der viel beachteten deutschen Version des Lidl-Schwarzbuches bringt die Gewerkschaft Ver.di nun die europäische Fassung heraus - und kritisiert dabei die Unternehmenskultur des Discounters im Ausland.


Berlin - Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat die Unternehmenspolitik der Supermarktkette Lidl auch außerhalb Deutschlands angeprangert. Höchste Leistungsanforderungen bei extrem knappem Personal, Zeitdruck und umfassende Kontrollen bis ins Privatleben kennzeichneten den Alltag von Lidl-Mitarbeitern, kritisierte die Arbeitnehmerorganisation heute in Berlin.

Lidl-Schwarzbuch (2004): "Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen"
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Lidl-Schwarzbuch (2004): "Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen"

Demnach sind massive Verstöße gegen Arbeitnehmerrechte, Repressalien und Mobbing laut Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di beim Discounter Lidl auch im europäischen Ausland an der Tagesordnung. Die Gewerkschaft warf dem deutschen Lebensmittelunternehmen vor, Sozialdumping ins Ausland zu exportieren. Die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, ist derzeit in 23 Ländern mit rund 7.400 Filialen vertreten. Fast die Hälfte des Umsatzes von rund 40 Milliarden Euro wird im Ausland erwirtschaftet.

Mit dem Schwarzbuch Lidl will Ver.di auf die europäische Dimension von Verletzung von Arbeitnehmerrechten aufmerksam machen. Erste Verbesserungen für die Mitarbeiter habe es nach der Öffentlichmachung von Missständen in Deutschland gegeben, sagte der stellvertretende Ver.di-Vorsitzende Frank Werneke. Der öffentliche Druck habe sich gelohnt. So hatte Ver.di Ende 2004 ein Lidl-Schwarzbuch präsentiert und die nach Ansicht von Ver.di "menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen" in den deutschen Filialen der Supermarkt-Kette angeprangert.

Ein Lidl-Sprecher wollte SPIEGEL ONLINE gegenüber die Ver.di-Anschuldigungen nicht gelten lassen: "Wir weisen diese Vorwürfe entschieden zurück", sagte Thomas Oberle. "Wir bezahlen unsere Mitarbeiter korrekt, halten die Arbeitszeiten ein und haben Vertrauensleute, mit denen Lidl-Mitarbeiter reden können." Der Lidl-Sprecher fügte hinzu, dass das Unternehmen zwar Einzelfälle bedauere, aber sich gegen den Generalverdacht wehre, Mitarbeitern nicht korrekt zu behandeln.

In ihrem heute vorgestellten europäischen Schwarzbuch kritisierte Ver.di, dass der Belegschaft die Wahl von Betriebsräten verboten und Gewerkschaftsarbeit massiv behindert werde. Werneke verwies darauf, dass es beispielsweise in Deutschland in den insgesamt 2700 Filialen nur vier Betriebsräte gebe. Lidl sei eines der am stärksten expandierenden Handelsunternehmen. In den anderen europäischen Ländern bestehe die Angst, dass Sozialdumping exportiert werde.

Ver.di zufolge sind die Lidl-Filialen chronisch unterbesetzt, Arbeitsschutzbestimmungen werden nicht eingehalten und die Mitarbeiter müssen unbezahlte Mehrarbeit leisten. Als besonders skandalös kritisierte die Gewerkschaft Videoüberwachung in französischen Filialen. Damit würden alle Mitarbeiter per se unter Diebstahlverdacht gestellt. Agnes Schreieder von Ver.di verwies darauf, dass es im Lager einer Filiale im französischen Nantes mehr Videokameras als im örtlichen Gefängnis gebe. Zudem ist laut Ver.di der Leistungsdruck bei Lidl so hoch, dass die Vorgaben kaum zu schaffen seien.

tim/dpa/AP



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