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Arbeitsfehlzeiten: Wie krank sind die Deutschen wirklich?

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Die Deutschen melden sich immer seltener krank. Gewerkschafter führen das auf die Angst vor einem möglichen Jobverlust zurück. Wirtschaftsforscher warnen dagegen vor Panikmache: Sie haben für den rückläufigen Krankenstand andere Erklärungen.

Hamburg – Im Jahr 2006 fehlten die Beschäftigten im Schnitt 7,2 Arbeitstage - das sind 3,29 Prozent der Sollarbeitszeit. Einen entsprechenden Bericht der "Welt" bestätigte heute das Bundesgesundheitsministerium. Ein Ministeriumssprecher betonte zwar, der Wert könne noch nicht präzise ermittelt werden, in der Tendenz stimme er aber. Damit ist die Zahl der Krankmeldungen das siebte Jahr in Folge rückläufig, in Westdeutschland erreicht sie sogar den niedrigsten Stand seit Einführung der Lohnfortzahlung 1970.

Krankschreibung: Einen statistischen Zusammenhang zwischen Fehlzeiten und der Arbeitsmarktlage gibt es nicht
DPA

Krankschreibung: Einen statistischen Zusammenhang zwischen Fehlzeiten und der Arbeitsmarktlage gibt es nicht

Oft heißt es, die Angst vor einem möglichen Verlust des Arbeitsplatzes sei ein Grund für den Rückgang. Demnach meldet sich nicht jeder Arbeitnehmer krank, der dies angesichts seiner gesundheitlichen Lage eigentlich tun sollte.

Einen Beleg für diesen Zusammenhang gibt es aber nicht. "Mir sind keine derartigen Studien bekannt", sagt der Arbeitsmarktexperte des Münchner ifo-Instituts, Martin Werding, SPIEGEL ONLINE. Die Sorge um den Arbeitsplatz könnte zwar eine Erklärung sein; genauso gut könnte es aber auch der natürliche Strukturwandel in der Arbeitswelt sein: "Immer mehr Menschen sitzen im Büro, und immer weniger Menschen leisten harte körperliche Arbeit", sagt Werding. "Da macht es Sinn, wenn sich immer weniger Menschen krank melden." Schließlich könne eine Erkältung für einen Bauarbeiter "je nach Wetterlage tödlich" sein, ins Büro hingegen könne man sich mit triefender Nase durchaus noch schleppen.

Noch drastischer formuliert es Jochen Pimpertz vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "Es ist kein statistischer Zusammenhang zwischen dem Krankenstand und der Arbeitsmarktlage zu erkennen", erklärt er. So sei der Krankenstand schon seit Jahrzehnten rückläufig – unabhängig von den Auf- und Abschwüngen am Arbeitsmarkt. "Die These vom Arbeitnehmer, der blau macht, ist nicht zu halten", sagt Pimpertz. "Im Gegenteil: Die Identifikation der Arbeitnehmer mit ihrem Job ist in der Regel recht hoch."

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sieht man das anders. "Die niedrige Zahl der Fehltage zeigt nicht, dass die Menschen weniger krank sind, sondern dass sie immer häufiger krank zur Arbeit gehen", sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Alarmierend sei vor allem, dass die Zahl der arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen um ein Drittel gestiegen sei.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam das Wissenschaftliche Institut der Krankenkasse AOK vor rund drei Jahren. In einer repräsentativen Befragung gaben drei Viertel der Beschäftigten an, dass sie sich bei Krankmeldungen aus Angst vor einem möglichen Jobverlust "in hohem Maße zurückhalten". Ein Drittel der Befragten erklärte, schon einmal gegen den Rat des Arztes zur Arbeit gegangen zu sein, ein Fünftel nahm zur Genesung sogar Urlaubstage in Anspruch.

Gesundheitsforscher Pimpertz hat jedoch Zweifel an der Aussagekraft solcher Studien. "Im Gegenzug müssten die Befragten zugeben, dass sie sich in konjunkturell guten Zeiten verstärkt krank melden. Das tut aber keiner." Der Wissenschaftler hat deshalb eine andere Erklärung für den rückläufigen Krankenstand: Die Unternehmen investierten immer mehr in Prävention und Arbeitssicherheit. "Das korrespondiert mit dem messbaren Rückgang bei den Arbeitsunfällen", sagt Pimpertz. Das gleiche gelte für Unfälle, die auf dem Weg zur Arbeit passieren: Deren Zahl sei ebenfalls rückläufig.

Außerdem gebe es noch eine ganz einfache Erklärung für den guten Gesundheitszustand der deutschen Arbeitnehmer: "Die Belegschaften werden immer jünger", berichtet Pimpertz. Dies führe – zusammen mit dem Trend zu Fitness und Wellness – zu immer geringeren Ausfallzeiten.

Welche These nun tatsächlich stimmt, lässt sich schwer belegen. Denn selbst Pimpertz räumt ein, dass es kein ausreichendes Datenmaterial gibt. Auch internationale Studien bringen kaum Licht in das Dunkel - seit acht Jahren gibt es auf europäischer Ebene keine aussagekräftigen Statistiken mehr. Wegen der unterschiedlichen Anreizsysteme in den verschiedenen Ländern wären sie aber ohnehin nicht vergleichbar, warnen Experten.

Werding vom ifo-Institut erhofft sich nun Klarheit von der anziehenden Konjunktur. "Das ist wie ein Test", sagt der Experte. "Wenn der Krankenstand trotz des Aufschwungs am Arbeitsmarkt weiter sinkt, dann wäre das ein Beleg dafür, dass beide Dinge nichts miteinander zu tun haben."

mit Reuters

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