Arbeitskampf extrem Tausende Krankenschwestern drohen mit Massenkündigung

Streik war gestern: Finnlands Pflegekräfte setzen auf eine radikale Methode im Tarifstreit um mehr Gehalt. 13.000 drohen damit, alle am selben Tag zu kündigen.

Von André Anwar, Stockholm


Stockholm - 13.000 Krankenschwestern und Pfleger - das ist nicht wenig in einem Land, das insgesamt nur 32.500 Schwestern und Pfleger hat. Vor allem, wenn genau diese 13.000 Krankenhausmitarbeiter beschließen, ihren Lohnforderungen mit einem ungewöhnlichen Mittel Nachdruck zu verleihen: Sie wollen nicht streiken, sondern gleich ganz kündigen - und das alle am selben Tag.

Genau damit drohen derzeit die knapp 13.000 Krankenschwestern und -pfleger in Finnland, sollten ihre Forderungen im kommenden Tarifvertrag nicht erfüllt werden. Schriftlich haben sie sich deshalb verpflichtet, in diesem Fall am 19. November gleichzeitig zu kündigen.

Eine Krankenschwester im Dienst: Nettolohn in Finnland liegt bei 1400 Euro
DDP

Eine Krankenschwester im Dienst: Nettolohn in Finnland liegt bei 1400 Euro

Schwer war es für die Krankenpflegegewerkschaft "Tehy" nicht, unter ihren Mitgliedern Teilnehmer für eine Massenkündigung zu rekrutieren. Weil es in Finnland an Pflegepersonal fehlt, hat kaum eine Schwester Angst, die alte Stelle nach dem Tarifkonflikt nicht wiederzubekommen. "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Wir waren ausreichend lange die lieben Mädchen", sagt die 54-jährige Chirurgie-Krankenschwester Gun Ward der Zeitung "Huvudstadsbladet" in Helsinki. Seit 20 Jahren arbeitet sie als Schwester. Ihr heutiger Nettomonatslohn liegt trotz großer beruflicher Verantwortung für Leben und Tod und langen Nachtschichten bei nur rund 1400 Euro im Monat. Sie ist kein Einzelfall - weswegen die schlecht bezahlten Krankenschwestern auf die Sympathie der Mehrheit des Volkes rechnen können.

Kein Wunder also, dass die Krankenhausverwaltungen im ganzen Land Panik kriegen. Sie warnen vor chaotischen Zuständen in finnischen Spitälern. Der gesamte Krankenpflegebereich - bis auf die lebensrettenden und lebenserhaltenden Abteilungen - könnte völlig zum Erliegen kommen, warnen Krankenhausverwalter. Allein in der Hauptstadt Helsinki sollen laut Gewerkschaft 25 Prozent der Krankenschwestern die Kündigung angedroht haben. In anderen Landesteilen soll der Anteil noch höher liegen.

Wahlversprechen: 540 Euro mehr Lohn im Monat

Private Pflegedienste sollen zwar für viel Geld die Lücken schließen, aber die knapp 13.000 routinierten Pflegekräfte können sie nicht ersetzen. Das weiß auch die Arbeitgeberseite: Das Ganze sei unmoralisch, die Patientensicherheit sei durch eine solche Maßnahme in Gefahr, kritisiert sie. "Unsere Mitglieder arbeiten genau bis zum 19. November. Danach sind sie nicht mehr im Beruf tätig und dementsprechend auch nicht mehr in der Verantwortung", kontert Gewerkschaftlerin Jaana Laitinen-Pesola die Vorwürfe.

Für die erst im März dieses Jahres neu gewählte Mitte-Rechts-Regierungskoalition unter dem liberalen Ministerpräsidenten Matti Vanhanen wird der Tarifkonflikt zur Feuerprobe. Denn einer der Gründe für die Unnachgiebigkeit der Krankenschwestern ist ein Wahlversprechen von Vanhanens konservativem Koalitionspartner, der Samlingsparti (Sammlungspartei). Die hatte versprochen, die Löhne bei einem Wahlsieg um stattliche 540 Euro im Monat zu erhöhen. Nun fordert die Gewerkschaft die Einlösung dieses Versprechens. Sie will 430 bis 650 Euro mehr pro Monat, zu realisieren innerhalb der kommenden zweieinhalb Jahre.

Dazu kommt: Die Arbeitgeber stehen der angedrohten Massenkündigung ratlos gegenüber. Hilflos fordern sie, dass jeder Beschäftigte persönlich ein Kündigungsschreiben einreicht - in der Hoffnung, dass sich einige das Ganze noch einmal überlegen. Die Gewerkschaft meint, das sei nicht nötig. Sie könne mit den bereits von ihren Mitgliedern eingeholten Vollmachten als Arbeitnehmervertretung Listen der kündigungswilligen Schwestern und Pfleger an die zuständigen Personalabteilungen der jeweiligen Krankenhäuser schicken.

Leere Drohungen

Die letzte Drohung der Arbeitgeber ist die Ankündigung, es werde keine automatische Wiedereinstellung nach Beendigung des Konfliktes geben, vor allem nicht genau in der gleichen Position. Wegen des großen Mangels an Fachkräften gilt dies dem Pflegepersonal jedoch nur als leere Drohung. Denn der Arbeitskampf macht sich schon jetzt in den finnischen Krankenhäusern bemerkbar: Die Gewerkschaft hat ihren Mitgliedern verboten, Überstunden zu leisten oder sich auf neue Stellen zu bewerben.

Der Staat versucht nun, zwischen den Tarifparteien zu vermitteln. "Die Ausgangssituation für eine Einigung ist eher schwierig", gab der staatliche Vermittler Juhani Samonius zu. Er will nun, nach zahlreichen Treffen mit beiden Tarifparteien, am 5. November ein erstes Angebot vorstellen. Die Zeit dafür wird knapp.



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