SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. September 2007, 15:17 Uhr

Arbeitsmarkt

Jeder Siebte hat schon mal Hartz IV bekommen

Statistik-Schock bei der Bundesagentur für Arbeit: In den vergangenen beiden Jahren haben insgesamt 10,3 Millionen Menschen Hartz IV bezogen - weit mehr als bisher gedacht. Jeder siebte Einwohner Deutschlands war schon einmal auf die staatliche Unterstützung angewiesen.

Nürnberg - Monat für Monat veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit ihre Zahlen. Vier bis fünf Millionen Arbeitslose sind es dann in der Regel, und nur ein Teil von ihnen bezieht Arbeitslosengeld II, das sogenannte Hartz IV. Gerade noch erträglich, könnte man meinen.

Arbeitsagentur (in Gelsenkirchen): "Erhebliche Teile der Bevölkerung sind auf Grundsicherung angewiesen"
DPA

Arbeitsagentur (in Gelsenkirchen): "Erhebliche Teile der Bevölkerung sind auf Grundsicherung angewiesen"

Doch über die Jahre sind es weit mehr Menschen, die durch die Hartz-Maschinerie müssen. Eine aktuelle Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bringt nun die ganze Wahrheit ans Licht: In den Jahren 2005 und 2006 erhielten 6,2 Millionen Bedarfsgemeinschaften mit 10,3 Millionen Personen Hartz-IV-Leistungen. Eine Bedarfsgemeinschaft besteht aus den Personen, die finanziell füreinander einstehen müssen. Hierzu zählen im Haushalt lebende Partner und Kinder unter 25 Jahren.

Sieht man von den über 65-Jährigen ab, die generell keinen Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen haben, hat jeder siebte Einwohner Deutschlands mindestens einen Monat lang die staatliche Unterstützung bezogen. "Es sind erheblich größere Teile der Bevölkerung auf Leistungen der Grundsicherung angewiesen, als aus den Monatsstatistiken erkennbar ist", schreibt der Arbeitsmarktforscher Tobias Graf.

Besonders lange wird Hartz IV von Alleinerziehenden in Anspruch genommen. Von den Neuzugängen im Jahr 2005 bezogen nach 21 Monaten noch immer 55 Prozent die Leistungen. Besser sieht es bei Paaren und Alleinstehenden ohne Kinder aus: Hier bezogen nach 21 Monaten nur noch 32 Prozent beziehungsweise 34 Prozent Leistungen nach dem Hartz-IV-Gesetz.

Hohe Zahl der "Aufstocker" bereitet Sorge

Allein im Juli 2007 lebten nach vorläufigen statistischen Hochrechnungen 7,3 Millionen Menschen von Hartz IV. Dass die Zahl höher ist als die der Arbeitslosen, liegt daran, dass Hartz IV eine Grundsicherung ist, die auch den Bedarf der mit im Haushalt lebenden Personen abdeckt, die nicht erwerbstätig sind.

Sorge bereitet den Wissenschaftlern der hohe Anteil der sogenannten Aufstocker, die trotz eines Arbeitseinkommens auf zusätzliche Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen sind. Ihre Zahl hat sich von 660.000 im Januar 2005 auf 1,2 Millionen im Januar 2007 fast verdoppelt, erklärte IAB-Forscher Helmut Rudolph.

Auch die Dauer des Hartz-IV-Bezugs sehen die Wissenschaftler kritisch. So waren 1,9 Millionen Bedarfsgemeinschaften vom Januar 2005 auch noch im Dezember 2006 von der staatlichen Unterstützung abhängig. Immerhin: Der Absprung aus der Grundsicherung gelang den Neuzugängen des Jahres 2006 etwas schneller als denen des Jahres 2005.

Unterdessen wird es immer wahrscheinlicher, dass Kinder in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften mehr Geld bekommen. Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) sagte heute im Bundestag, er halte höhere Eckregelsätze für Kinder für möglich. Die Rede ist von zehn Euro monatlich. Die Kosten für die öffentliche Hand würden sich auf etwa 500 Millionen Euro im Jahr belaufen.

Es müsse aber auch sichergestellt werden, dass dieses Geld bei den betroffenen Kindern so ankomme, "dass sie das haben, was sie haben müssten", sagte Müntefering. Dazu gehöre beispielsweise eine preiswerte und gesunde Ernährung.

wal/AP

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH