Arbeitsmarkt Mit Headhuntern gegen den Ost-Schwund

Der Osten verwaist, vor allem junge Menschen verlassen die neuen Länder in Scharen. Um den Schwund zu stoppen, haben sich Headhunting-Agenturen ganz spezieller Art gegründet: Sie suchen jungen Leuten Jobs, Kita-Plätze und Wohnungen - wenn sie bereit sind, in den Osten zurückzukommen.


Schwerin/Rostock – Damals in München hätte sich Carsten Müller die Miete für so ein Haus kaum leisten können: Ein Backsteinbau mit Kletterrosen und Garten, an der Tür hängt ein selbst gemachtes Namensschild aus Ton. Auch die Stille in Hohen Schwarfs, einem kleinen Dorf bei Rostock, sei ihm lieber als der Trubel in München.

Nach drei Jahren in der bayerischen Landeshauptstadt sei er deshalb liebend gerne in seine Heimat zurückgezogen, sagt Müller. "Ich bin eigentlich kein Großstadtmensch." Ohne die Aussicht auf einen jetzigen Job aber wäre er nicht zurückgekommen. Der Betriebswirt Müller leitet heute bei einem Autozulieferer das Qualitätsmanagement.

"Das ist doch klar: Viele Mecklenburger würden gerne wieder zurückkommen, aber nur, wenn sie beruflich nicht zurückstecken müssen", sagt Sabine Ohse von der Agentur mv4you. Seit fünf Jahren führt die Initiative ihren Kampf gegen den unaufhörlichen Bevölkerungsschwund in der Gegend - indem sie Menschen wie Carsten Müller bei der Jobsuche hilft.

Gegründet wurde die Agentur von der Evangelischen Jugend, "weil man hier ja manchmal nur Schüler oder grauhaarige Menschen sieht", erklärt Ohse die Idee. Vor allem die Jungen, gut Ausgebildeten verlassen die neuen Bundesländer immer noch in Scharen. In Magdeburg schickte eine SPD-Politikerin in ihrer Verzweiflung schon " Heimatschachteln" an Abgewanderte im Westen mit Kaffee, Pralinen und Knäckebrot aus heimischer Produktion. Das sollte wohl Heimweh wecken.

Bei der Agentur mv4you geht man das Problem von der praktischen Seite an. Die sechs Mitarbeiter versuchen über Universitäten, Schulen oder das Internet Kontakt zu Mecklenburgern aufzunehmen, die ihrem Arbeits- oder Ausbildungsplatz hinterher in den Westen gezogen sind. Sobald sich jemand zur Rückkehr entschließt, helfen sie bei der Jobsuche. Denn entgegen der Volksmeinung gebe es sehr wohl Arbeit in der Region, erklärt Agenturleiterin Ohse. "Man muss sie nur suchen." Viele mittelständische Unternehmen etwa schrieben ihre Jobs nicht aus, weil ihnen das auf die Dauer zu teuer sei. Zwei Außendienstmitarbeiterinnen von mv4you tingeln deshalb regelmäßig von Firma zu Firma.

300 Rückkehrer in fünf Jahren

"Am Anfang haben wir viele Klinken geputzt", sagt eine von ihnen. "Aber inzwischen rufen die Unternehmen auch von selbst an." Weil sie wissen, dass sie bei mv4you passgenaue Bewerber vermittelt bekommen - und das gratis, denn die Agentur wird vom Land finanziert. Die Job-Scouts helfen sogar bei der Stellenanzeige, wenn Aufgabenbereich und Anforderungen schwer zu beschreiben sind. "Einmal hat jemand einen Mitarbeiter für eine Geflügelfarm gesucht, da war es sehr schwer, die Anforderungen in wenige Worte zu fassen", erklärt Ohse. Wenn das Profil geklärt ist, wird das Angebot einem geeigneten Bewerber vorgelegt. "Das läuft alles ziemlich persönlich ab", erklärt Ohse.

Michael Kegel ist ganz begeistert von solch individuellem Service. "Ich habe noch nie so kompetente Unterstützung bekommen", sagt der 23-Jährige. Auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz hatte es ihn vor zwei Jahren nach Köln verschlagen. Dort absolvierte er eine Ausbildung als Fremdsprachensekretär mitsamt Auslandspraktikum in London. Letztlich eine gute Erfahrung, findet er - doch jetzt gehe es "heim nach MV". Mit Hilfe von mv4you bekam Kegel eine Stelle bei einem Autovermieter in Rostock. "Der Job ist wie für mich gemacht", erklärt der junge Mann in der Lederjacke.

Auch Betriebswirt Müller gefällt vor allem die individuelle Beratung von mv4you. Gerade unterstützt die Agentur seine Frau bei der Arbeitssuche. "Oft helfen wir auch, wenn es um Fragen wie Wohnung oder die Schule für die Kinder geht", sagt Agenturleiterin Ohse. Große Massen an Bewerbern fertigt man so natürlich nicht ab. Rund 300 Rückkehrer hat mv4you in den letzten fünf Jahren vermittelt. Eine ähnliche Initiative in Sachsen-Anhalt, die "Junge Karriere Mitteldeutschland" (JuKaM), bringt es auf 1000 Vermittlungen in zwei Jahren. Auch das ein eher bescheidener Erfolg, wenn man die nackten Zahlen betrachtet. Immerhin verloren die neuen Bundesländer allein im letzten Jahr im Saldo fast 49.000 Einwohner.

Passgenaue Bewerber für Dell

Doch immerhin: Sowohl JuKaM als auch mv4you holen zu 60 Prozent Akademiker zurück. "Wir sorgen dafür, dass der ohnehin schwachen Wirtschaft nicht auch noch das ausgeht, was sie am dringendsten braucht: Fachkräfte", sagt JuKaM-Initiator Bernd Koller. So habe seine Agentur dem Computerhersteller Dell für den neuen Standort in Halle über 100 maßgeschneiderte Bewerbungen übermittelt. Das Wissen, dass die Fachkräfte da sind, war bestimmt ein Punkt bei der endgültigen Standortentscheidung", glaubt Koller.

Schließlich fehlten den neuen Bundesländern wegen der Massenabwanderungen schon jetzt in manchen Branchen qualifizierte Bewerber - ein Teufelskreis. "Wir werden bald mächtig büßen, dass wir etwa ganze Lehrlingsgenerationen in den Westen geschickt haben", sagt Koller. "Ingenieure, Dreher und Schweißer werden schon händeringend gesucht", bestätigt mv4you-Leiterin Ohse.

Vielleicht ist es ja nur ein Kommunikationsproblem. Denn an Heimkehrwilligen scheint kein Mangel zu bestehen, zumindest legen die beiden Mecklenburger Müller und Kegel diese Vermutung nahe. Ein Übernahmeangebot von seinem Londoner Praktikumsbetrieb hat Kegel schon zugunsten des Jobs in Rostock abgelehnt. "Großstädte haben mich eigentlich immer abgeschreckt", sagt er. Und auch Müller ist froh, zurück zu Hause zu sein. "Ich brauche einfach meine Ostsee und meine Mecklenburger Seenplatte."

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