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Arbeitswelt: Amerika ­ ganz unten

Inkognito tauchte die US-Sozialkritikerin Barbara Ehrenreich in die Welt der Billigjobs ab. Ihre Erfahrungen als Putzfrau und Verkäuferin wurden in den Vereinigten Staaten zum Bestseller.

Fastfood-Filiale: Hart arbeiten ist nicht genug
AP

Fastfood-Filiale: Hart arbeiten ist nicht genug

Knieschoner. Ein Königreich für ein paar Knieschoner. Auf allen Vieren kriecht Barbara Ehrenreich auf dem steinernen Fußboden einer Villa in Portland auf und ab und schrubbt die Fliesen. Fluchen könnte sie vor Schmerz. Doch sie muss sich zusammenreißen.

Die Beine, die neben ihr geschäftig durch die Küche stöckeln, gehören der Hausherrin. Mit einem Mal hält sie inne. Ehrenreich fühlt sich von einem durchdringenden Blick auf den Boden genagelt. Nun also ist es passiert. Sie ist erkannt worden, trotz der hochgebundenen Haare und der grüngelben Putzuniform. Vielleicht hat diese Frau einmal bei ihr eine Vorlesung gehört oder sie zufällig im Fernsehen gesehen. Was sagen? Wie sich erklären?

Schweiß perlt ihr von der Stirn und tropft auf den Marmor. Und dann hört sie die Stimme von oben herab fragen: "Wenn Sie schon dabei sind, können Sie eben noch schnell die Eingangshalle putzen?" In jener Nacht schreibt Ehrenreich in ihr Laptop-Tagebuch: "Putzpersonal ist unsichtbar." Das war noch eine der angenehmsten Lektionen, die die amerikanische Sozialkritikerin, Feministin und Autorin bei ihrem Undercover-Ausflug in die Welt der Billigjobs lernte.

In der Tradition Günter Wallraffs, den solche Reportagen aus der Arbeitswelt einst in Deutschland berühmt machten, war die 59-Jährige zwischen 1998 und 2000 dreimal für je einen Monat in unterschiedlichen Rollen abgetaucht, um Amerika neu kennen zu lernen ­ von ganz unten. Ehrenreich servierte Hotdogs in Florida, feudelte in einer Putzkolonne in Maine, füllte Regale bei Wal-Mart und fütterte Alte im Pflegeheim.

Ihre Regeln: jeweils den bestbezahlten Job annehmen (und halten!) und die billigste Wohnung suchen, um vom Lohn der Arbeit leben zu können. Mehr als einmal verfluchte die promovierte Biologin dabei den Tag, an dem sie sich auf diesen Selbstversuch eingelassen hatte, der ausgerechnet in einem französischen Restaurant in New York begann.

Lewis Lapham, Herausgeber des Intellektuellenmagazins "Harper's", hatte Ehrenreich zur Themenbesprechung geladen. Bei Lachs an Feldsalat driftete das Gespräch ab zur Armut in Amerika. Wie, so fragten sich die beiden, können Niedriglohnarbeiter ­ fast ein Drittel der amerikanischen Arbeiterschaft ­ von sechs oder sieben Dollar Stundenlohn leben? Wie schaffen es insbesondere die vier Millionen Frauen, die von Bill Clintons gefeierter Sozialhilfereform "Welfare to work" in schlecht bezahlte Jobs geschickt wurden? "Eigentlich müsste ein Journalist rausgehen und das selbst ausprobieren, ganz altmodisch", fand Ehrenreich. Lapham lächelte und antwortete: "Ja, du."

Ehrenreich war nicht begeistert. Sie hatte sich einen Namen gemacht als scharfzüngige Kolumnistin, Autorin analytischer Essays und eines Dutzends provokanter Bücher. Sie gilt als unorthodoxe Intellektuelle, lebt in ihrem Haus nahe dem Ferienparadies Key West in Florida und ist ihr eigener Boss. Warum sollte ausgerechnet sie Gummihandschuhe überstreifen und freiwillig in die Knie gehen?

"Welcher Teufel mich da geritten hat, wer weiß? Vielleicht habe ich gehofft, dass die Leute leichter in eine solch fremde Welt folgen, wenn sie von jemanden aus der eigenen sozialen Klasse dorthin geführt werden."

Jahrelang hatte sich Ehrenreich erfolglos die Finger wund geschrieben zum Thema soziale Ungleichheit. Die Armutsfakten des reichsten Landes der Erde kann sie im Schlaf herbeten: etwa, dass 32 Millionen Amerikaner unterhalb der Armutsgrenze leben und jedes sechste Kind in Armut aufwächst; dass ein Fünftel der zwei Millionen Obdachlosen arbeitet; dass über sieben Millionen Amerikaner zwei Jobs brauchen zum Überleben und fast 39 Millionen nicht krankenversichert sind.

Doch keiner ihrer Artikel hat je so viel Aufsehen erregt wie ihr Erlebnisbericht "Nickel and Dimed", in Deutschland nun erschienen unter dem Titel "Arbeit poor". "Dieses Buch sollte Pflichtlektüre für alle Kongressabgeordneten werden", empfahl die "New York Times".

Zumindest einige scheinen es gelesen zu haben, denn in Washington ist erstmals eine Diskussion um den Erfolg des Welfareto-work-Programms entbrannt. Zwar ist die Hälfte aller Sozialhilfeempfänger zurück in Jobs ­ doch deren Lebensbedingungen haben sich oft verschlechtert. Kirchen und Wohlfahrtsverbände registrieren einen Ansturm auf Suppenküchen.

Aber erst seit Clinton aus dem Amt ist und die Konjunktur abbremst, trauen sich die Demokraten, Zweifel zu äußern ­ so jedenfalls erklärt Ehrenreich die Aufmerksamkeit für den Überlebenskampf der Billiglöhner, den sie in ihrem Buch nachfühlbar macht, inklusive der Gründe für ihr Scheitern.

  • 1. Teil: Amerika ­ ganz unten
  • 2. Teil
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