Arbeitszeit: Nappo und das Märchen von der 60-Stunden-Woche

Aus Krefeld berichtet Yassin Musharbash

Beim Süßwarenhersteller Nappo galt für rund eine Woche gesetzeswidrig die 60-Stunden-Woche. Die "Bild"-Zeitung machte daraus einen Skandal. Dass die Belegschaft freiwillig mehr arbeitete, wurde nicht berichtet. Jetzt tut sie genau das legal, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Die Chronik eines Skandals, der keiner war.

Lkw auf dem Nappo-Betriebsgelände: "Stehen voll hinter der Geschäftsführung"
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Lkw auf dem Nappo-Betriebsgelände: "Stehen voll hinter der Geschäftsführung"

Krefeld - Die Zeitung mit den großen Buchstaben verlor keine Zeit, die Urängste ihrer Leser zu schüren: "Kommt das etwa bald für alle?", lautete der erste Satz in dem Seite-1-Artikel über den Krefelder Süßwarenhersteller Nappo und dessen Einführung der 60-Stunden-Woche.

Auch der weitere Text war eher geeignet, das Bild des allmächtigen Unternehmers und seiner wehrlosen Angestellten zu bedienen: "Ab sofort lässt die Firma Nappo die 150 Mitarbeiter im Werk Krefeld regulär 40 Stunden pro Woche arbeiten. Darüber hinaus muss jeder Beschäftigte zusätzlich 20 Überstunden machen." Kein Wort in "Bild" davon, dass sich Belegschaft, Betriebsrat und Geschäftsführung so gut wie einvernehmlich auf den Deal geeignet hatten, wie sogar der Vorsitzende des Betriebsrats, Silvio Hasemann, bestätigt.

Nappo-Geschäftsführer Berndt Bleser reagiert deshalb in diesen Tagen allergisch auf die Presse. Er sieht sich von "Bild" und anderen zum modernen Sklavenhalter abgestempelt. Dabei sei der Vorschlag zur Mehrarbeit sogar aus der Belegschaft gekommen, beteuert er. "Die Presse", sagt Bleser, "gefährdet mit solchen Skandalberichten doch erst die Arbeitsplätze, die ich hier sichern will".

Was war geschehen? Tatsache ist: Belegschaft, Betriebsrat und Geschäftsführung des Krefelder Traditionsunternehmens hatten sich Ende Juli darauf geeinigt, mehr zu arbeiten. Bis zu 60 Stunden anstelle der gewohnten 38, für zunächst drei Monate. Die Auftragslage sei nämlich gut, sagt Bleser, trotzdem gebe aber eine "schwierige wirtschaftliche Situation". Das Kalkül des Deals: Wenn alle länger arbeiten, kommt das Unternehmen umhin, teure Kredite aufzunehmen. Bleser zufolge sah auch seine Belegschaft kein Problem in der Abmachung. Schließlich, so der Geschäftsführer, verdienten seine Mitarbeiter bei mehr Arbeit ja auch mehr Geld.

"Klarer Gesetzes- und Tarifbruch"

Ganz ohne Pferdefuß war der Nappo-Deal allerdings nicht. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) erkannte einen "klaren Gesetzes- und Tarifbruch", als sie davon erfuhr, und schaltete das Staatliche Amt für Arbeitsschutz in Mönchengladbach ein. Denn Bleser wollte die Überstunden nur wie normale Arbeitsstunden vergüten; auch, wenn die Belegschaft sogar schriftlich erklärte, das sei mit ihr verhandelt worden, ist das nicht erlaubt. Und noch eine zweite, gesetzeswidrige Regel enthielt die Abmachung offenbar. Die NGG behauptet, Bleser habe darauf bestanden, an fünf Tagen jeweils zwölf Stunden arbeiten zu lassen. Wenn ein Unternehmen aber kurzfristig die 60-Stunden-Woche einführt, dann muss an sechs Tagen je zehn Stunden lang produziert werden.

Zu keinem Zeitpunkt also drehte sich der "Nappo-Skandal" um die Tatsache, dass 60 Stunden lang gearbeitet wurde, wie "Bild" suggerierte. Nappo ist in dieser Hinsicht noch nicht einmal eine Ausnahme, höchstens die Spitze eines Eisberges, ein extremes Beispiel.

Rund zwei Drittel aller deutschen Unternehmen machen bereits von flexiblen Arbeitszeiten Gebrauch, was im Klartext heißt, dass länger gearbeitet wird. Die von den Gewerkschaften hoch gehaltene 38-Stunden-Woche ist dadurch in Wahrheit schon längst zu Chimäre geworden: Im Durchschnitt arbeiten die Deutschen heute 39,9 Stunden, hat eine Studie des Instituts für Arbeitsmarktforschung ergeben, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört. Sie liegen damit europaweit im Mittelfeld und arbeiten länger als zum Beispiel Franzosen und Italiener.

Lieber lange als gar nicht arbeiten

In vielen Branchen, zum Beispiel auf dem Bau, ist es in Deutschland gang und gäbe, für einige Monate weit mehr als gewöhnlich zu arbeiten; auch 60 Stunden lang. Die dabei anfallenden Überstunden müssen später eigentlich abgebummelt oder bezahlt werden, oft aber setzen Unternehmer darauf, dass das nicht immer eingefordert wird. Zuletzt machten große Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Daimler-Chrysler, Thyssen oder Continental mit der Forderung nach Mehrarbeit, gerne auch ohne Lohnausgleich, auf sich aufmerksam. Es ist die Sorge um den Arbeitsplatz, die Arbeitnehmer dazu bringt, solchen Deals zuzustimmen.

Er arbeite sogar 75 Stunden in der Woche, sagt ein Koch, der seine Freundin von ihrer Nappo-Schicht abholt. Und wenn er in der Gewerkschaft wäre, würde ihn schon gar niemand einstellen. Wer sein Arbeitgeber ist, will er nicht verraten. Die Mehrarbeit ist seiner Meinung nach vor allem für die ärgerlich, die kleine Kinder haben. Jeden Tag ein paar Stunden später zuhause zu sein, sei dann richtig schlimm. Aber was soll man machen? Lieber lange arbeiten als gar nicht.

So ist es auch bei Nappo. Die Geschäftsführung habe durchaus angedeutet, dass es um Arbeitsplätze gehe, sagt ein Lagerarbeiter, der nicht genannt werden will. Wurde auf die Mitarbeiter aber auch massiver Druck ausgeübt, wie es die Lokalpresse berichtete? Wurden sie erpresst? Drei oder vier Mitarbeiterinnen hätten sich geweigert, dem Deal zuzustimmen, heißt es in der Belegschaft. Aber entlassen wurden sie deshalb nicht. Sie arbeiten jetzt Acht-Stunden-Schichten, während der Rest länger dableibt.

Gilt jetzt die 50-Stunden-Woche?

Die ursprüngliche Betriebsvereinbarung von Nappo musste wegen der gesetzeswidrigen Regelungen natürlich schnellst möglich beerdigt werden. Für die rund anderthalb Wochen, in denen sie in Kraft war, droht dem Unternehmen jetzt im schlimmsten Fall eine Geldbuße von 15.000 Euro.

Schon am 4. August aber fanden die Krefelder eine neue Abmachung, von der Betriebsrat und Geschäftsführung nunmehr beteuern, dass sie "sich im gesetzlichen und tariflichen Rahmen bewegt". Noch am selben Tag erklärte eine ganze Frühschicht schriftlich und mit Unterschriftenliste, dass sie "voll hinter unserer Geschäftsführung" stehe, und versicherte zugleich, dass "keiner von uns ... gezwungen oder unter Druck gesetzt wurde". Geschäftsführer Bleser versicht, auch das hätten die Unterzeichneten aus eigener Initiative getan.

Presse ist nicht willkommen

Und jetzt? Wie viele Wochenstunden derzeit bei Nappo gearbeitet werden, will oder kann Bleser nicht sagen. Berichte aus der Belegschaft, dass statt der 60- regulär die 50-Stunden-Woche gilt, dementiert er. Er könne nicht einmal einschätzen, wie viel Prozent seiner Mitarbeiter derzeit überhaupt länger arbeiten. Natürlich bliebe zum Beispiel ein Techniker länger, wenn eine Maschine repariert werden muss. Aber generell gelte in seinem Betrieb eine Arbeitszeit von 38 Stunden, und wer mehr arbeitet, könne sich aussuchen, ob er ein Zeitkonto führen oder Geld dafür möchte. Es sei allerdings klar, sagen die Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand, dass es der Betriebsleitung lieber wäre, wenn die Überstunden abgebummelt würden.

Wie auch immer die genaue Vereinbarung aussieht, ganz offensichtlich machen zurzeit viele Mitarbeiter von dem "Angebot" zur Mehrarbeit Gebrauch: Am Montag, um Viertel vor Fünf am Nachmittag, verlassen mindestens 60 Beschäftigte, vornehmlich Frauen, die Fabrik. Um sechs Uhr am Morgen sind sie gekommen, sie haben zehn Arbeitsstunden und 45 Minuten Pause hinter sich.

Auf die Presse sind die Nappo-Mitarbeiter nicht gut zu sprechen. "Wollen Sie wissen, ob ich zwölf Stunden malocht habe?", fragt eine Frau unfreundlich. Die Antwort lässt sie offen. "Kein Kommentar", erklären die meisten unisono. Zwei Angestellte einer Zeitarbeitsfirma, die heute ihren ersten Tag bei Nappo hatten, gehen davon aus, dass die zehn Stunden ihre reguläre Arbeitszeit sein werden. Ob sie auch am Samstag arbeiten müssen, hat ihnen noch keiner gesagt.

Fragen zur Stimmung im Betrieb will niemand beantworten.

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