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Arcandor: Konkurrenten wollen Pleite-Konzern fleddern

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Gerade erst hat Arcandor Insolvenz angemeldet - da plant die Konkurrenz schon die Zerschlagung. Otto will große Teile der Versandhandelssparte, Rewe interessiert sich für die Reisetochter Thomas Cook, Metro hofft auf die Karstadt-Warenhäuser. SPIEGEL ONLINE analysiert die Pläne der Wettbewerber.

Hamburg - Für die Mitarbeiter ist es ein schwerer Schlag, für die Konkurrenz ein gefundenes Fressen: Der marode Handelskonzern Arcandor Chart zeigen meldet Insolvenz an. Bis zuletzt hatte das Management auf Staatshilfe gehofft - vergebens. Die Macht im Unternehmen übernimmt jetzt ein Insolvenzverwalter.

Karstadt-Schaufenster: Wie lange wird es das Unternehmen noch geben?
DPA

Karstadt-Schaufenster: Wie lange wird es das Unternehmen noch geben?

Für die Konkurrenten eröffnen sich damit völlig neue Chancen. Ihr Ziel: Arcandor zerschlagen. Otto, Rewe, Metro Chart zeigen - sie alle wollen von der Insolvenz profitieren. Wie Pleitegeier teilen sie Arcandor unter sich auf, eine Schamfrist warten sie nicht ab. Jeder pickt sich die Rosinen heraus. Nach dem Motto: Nimmst du dies, nehme ich mir das.

56.000 Menschen arbeiten bei Arcandor. Doch wie lange wird es ihr Unternehmen noch geben?

Fest steht: Der Konzern weckt große Begehrlichkeiten. Allerdings nicht als Ganzes, sondern nur in Einzelteilen. Das bedeutet: Die drei Sparten - Warenhäuser, Versandhandel und Reise - könnten bald getrennte Wege gehen.

Als erster wagte sich Metro-Chef Eckhard Cordes hervor. Schon vor Wochen erhob er Anspruch auf die Karstadt-Filialen. Sein Plan: eine Fusion mit der eigenen Marke Kaufhof und die Gründung einer "Deutschen Warenhaus AG". Wer in dem neuen Komplex das Sagen haben soll, steht für Cordes fest: natürlich Metro.

Aus Sicht von Metro macht das Vorhaben Sinn. Für Kaufhof fiele die leidige Konkurrenz weg, unrentable Häuser könnte man zusammenlegen, und die teure Karstadt-Zentrale ließe sich ebenfalls einsparen. Die Commerzbank hat das Szenario bereits durchgerechnet - und ein Einsparpotential von rund 300 Millionen Euro ermittelt. Diese Erwartung spiegelt sich auch an der Börse wider: Die Metro-Aktie kletterte am Dienstag zunächst deutlich nach oben.

Für Arcandor hingegen wäre der Verlust der Warenhäuser ein herber Schlag. Karstadt ist die bekannteste Marke des Konzerns, mit dem Unternehmen hat die Firmengeschichte 1881 begonnen.

Doch damit nicht genug. Auch die Edelkaufhäuser von Arcandor könnten den Eigentümer wechseln. Das KaDeWe in Berlin, das Alsterhaus in Hamburg, das Oberpollinger in München: Sie alle sind hochrentabel, haben einen guten Ruf - und locken Interessenten an. Vielleicht hat Metro-Chef Cordes Verwendung für die Konsumtempel, vielleicht findet sich aber auch ein anderer Käufer. Klar ist nur eins: Arcandor dürfte die Gewinnbringer kaum behalten.

Das Gleiche gilt für die profitable Reisesparte Thomas Cook. Arcandor ist an dem Unternehmen mit 52 Prozent beteiligt. Synergien gibt es kaum, beide Unternehmen arbeiten getrennt voneinander. Ein Verkauf wäre also leicht möglich - und ist auch wahrscheinlich.

Bereits am Montag konnte man deutliche Absetzbewegungen der Tochter Thomas Cook von der Mutter Arcandor beobachten. Der Reisekonzern teilte in einer Erklärung mit: "Thomas Cook ist ein eigenständiges und profitables Unternehmen, das an der Londoner Börse notiert ist." Die Sparte ("Neckermann Reisen", "Bucher Last Minute") sei "sowohl operativ als auch finanziell unabhängig von Arcandor".

Ein möglicher Käufer hat sich schon gemeldet: der Handelsgigant Rewe. Thomas Cook sei "eine interessante Marke", deren Entwicklung man sorgfältig beobachte, sagte ein Rewe-Sprecher am Montag. Laut "Handelsblatt" wurde Rewe bereits bei Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick vorstellig. Zu Rewe gehören aktuell die Marken Atlas-Reisen und Tjaereborg. Damit ist das Unternehmen die Nummer drei auf dem deutschen Touristikmarkt, zusammen mit Thomas Cook könnte man zu Marktführer TUI aufschließen.

An der Börse hat Thomas Cook einen Wert von rund einer Milliarde Euro, ohne Wirtschaftskrise wären es vermutlich einige hundert Millionen Euro mehr. Zwar ist die Verhandlungsposition von Arcandor angesichts der eigenen Notlage schlecht. Trotzdem hat ein künftiger Insolvenzverwalter wohl kaum eine andere Wahl: Er muss Thomas Cook verkaufen - nur so kann er die nötigen Mittel für eine Sanierung des Restkonzerns aufbringen.

Und die Schnäppchenjagd geht weiter. Besonders hart trifft es vermutlich die Sparte Versandhandel - sie könnte völlig zerfleddert werden. Der Unternehmensbereich trägt den Namen Primondo, den Ex-Konzernchef Thomas Middelhoff ebenso künstlich erschaffen hat wie den von Arcandor selbst. Zu Primondo gehören der Universalversand Quelle, die Spezialversender Baby Waltz, Hess Natur und Madeleine sowie der TV-Verkaufskanal HSE24.

Großes Interesse an Teilen der Sparte hat die Otto Gruppe. Der familiengeführte Handelsriese hat nach Informationen von manager-magazin.de bereits Kontakt mit dem Arcandor-Management aufgenommen. Ein Otto-Sprecher sagte: "Wir schauen uns die Entwicklung an, insbesondere die Spezialversender wären für uns unter Umständen von Interesse."

Nur den Quelle-Versand will Otto nicht haben - die Sparte gilt als altmodisch. Experten monieren, dass sich Quelle kaum auf das Internetgeschäft eingestellt hat. In Zukunft könnte der Bereich daher Probleme bekommen - trotz erfolgreicher Expansion in Osteuropa.

Interesse hat Otto dafür an einem anderen Filetstück: der Kaufhaussparte Karstadt Sport. Die 29 Standorte passen dem Familienunternehmen gut ins Konzept: Otto könnte die Häuser mit den eigenen Sport-Scheck-Filialen verschmelzen, es gäbe enorme Synergieeffekte.

Für Arcandor wäre dies vermutlich der Todesstoß. Sollten alle Kauf- und Verkaufspläne realisiert werden, bliebe vom Gesamtkonzern kaum etwas übrig. Die Warenhäuser - bei der Konkurrenz. Das Reisegeschäft - bei einem neuen Eigentümer. Der Versandhandel - in seine Einzelteile aufgelöst.

Am Ende könnte Arcandor nur noch aus Quelle bestehen, samt einigen wenigen Randbereichen. Keine guten Aussichten für die Mitarbeiter, ein schlagkräftiger Konzern sieht anders aus.

Ob es tatsächlich so weit kommt, hängt nun vom Insolvenzverwalter ab. Er muss die Interessen der Gläubiger vertreten, mit harter Hand sanieren - und retten, was zu retten ist.

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Forum - Auslaufmodell Warenhaus?
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1.
Askan 20.04.2009
Zitat von sysopArcandor trifft die Wirtschaftskrise mit voller Wucht, das Management hat dem Konzern einmal mehr ein Umbauprogramm verordnet. Vor allem bei den Warenhäusern von Karstadt brennt es. Doch ist da überhaupt noch etwas zu retten? Oder hat sich das gute alte Kaufhaus überlebt?
Es hat sich überlebt. Beispiele sind die großen Warenhäuser wie Karstadt und Hertie sowie zahlreiche mittelständischen Kaufhäuser, die sich immer mehr aus den Stadtzentren entfernen. Wer sich heute die Citys ansieht wie z.B. Heilbronn oder Karlsruhe, immerhin Städte mit Zentralitätsfunktion, den packt das kalte Grausen. Auch kleinere Sädte haben Probleme, z.B. Coburg, wo eine Entscheidung über die Schließung des Kaufhofes ansteht und ein namhaftes Kaufhaus seine Schließung zum Ende des Jahres angekündigt hat. Darüber hinaus haben auch andere Kaufhäuser Probleme, Woolworth, Sinn und Leffers, Wehmeyer, Poland, etcetc. Die Metro wäre froh, sie könnte Kaufhof abgeben. Die Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Es sind inzwischen zuviele Beispiele, um mit dem Fehlverhalten einzelner Unternehmen zu argumentieren. Die Städte müssen umdenken. Große Kaufhaustempel werden auf Dauer verschwinden, das Einkaufsverhalten der Kunden hat sich geändert in Richtung Discounter, grüne Wiese mit bequemen Parkmöglichkeiten und Internet. Der Fachhandel wird in den Cities durch die fehlende Anziehungskraft der Kaufhäuser ebenfalls massiv leiden und aufgeben. Die Städte werden nach den Handelsunternehmen in den Cities die nächsten Verlierer sein. Wo sind die Ansätze für die Neuorientierung der Innenstädte?
2.
Senfkorn, 20.04.2009
Zitat von AskanEs hat sich überlebt. Beispiele sind die großen Warenhäuser wie Karstadt und Hertie sowie zahlreiche mittelständischen Kaufhäuser, die sich immer mehr aus den Stadtzentren entfernen. Wer sich heute die Citys ansieht wie z.B. Heilbronn oder Karlsruhe, immerhin Städte mit Zentralitätsfunktion, den packt das kalte Grausen. Auch kleinere Sädte haben Probleme, z.B. Coburg, wo eine Entscheidung über die Schließung des Kaufhofes ansteht und ein namhaftes Kaufhaus seine Schließung zum Ende des Jahres angekündigt hat. Darüber hinaus haben auch andere Kaufhäuser Probleme, Woolworth, Sinn und Leffers, Wehmeyer, Poland, etcetc. Die Metro wäre froh, sie könnte Kaufhof abgeben. Die Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Es sind inzwischen zuviele Beispiele, um mit dem Fehlverhalten einzelner Unternehmen zu argumentieren. Die Städte müssen umdenken. Große Kaufhaustempel werden auf Dauer verschwinden, das Einkaufsverhalten der Kunden hat sich geändert in Richtung Discounter, grüne Wiese mit bequemen Parkmöglichkeiten und Internet. Der Fachhandel wird in den Cities durch die fehlende Anziehungskraft der Kaufhäuser ebenfalls massiv leiden und aufgeben. Die Städte werden nach den Handelsunternehmen in den Cities die nächsten Verlierer sein. Wo sind die Ansätze für die Neuorientierung der Innenstädte?
Also ich sehe in den Städten, nachdem die Kaufhäuser ausgestorben sind, nur noch Modeläden für junge Frauen, Schuhläden und Handyläden. Vielleicht ein oder zwei Schreibwarengeschäfte und die obligatorische Buchhändlerkette Thalia. Braucht man Haushaltswaren oder Kleidung für Leute über 40, die nicht mehr im junge Leute Look rumlaufen wollen, kann man lange suchen. Kein Wunder dass alle zum Discounter rennen wenn der Haushaltswaren im Angebot hat, es gibt ja sonst nirgends mehr etwas.
3. Nostalige
ArbeitsloserMathematiker 20.04.2009
Karstadt war für mich immer so etwas wie ein "Konsumanker". Außerdem versinnbildlicht Karstadt mit seinem "80er-Jahre Charme" auch die gute alte (Schmidt)-Kohlsche-BRD. Und ja: Ich fand West-Berlin mit Mauer wesentlich interessanter als heute.
4. Von den Quelle-Shops ist keine Rede
Geziefer 20.04.2009
Zitat von sysopArcandor trifft die Wirtschaftskrise mit voller Wucht, das Management hat dem Konzern einmal mehr ein Umbauprogramm verordnet. Vor allem bei den Warenhäusern von Karstadt brennt es. Doch ist da überhaupt noch etwas zu retten? Oder hat sich das gute alte Kaufhaus überlebt?
In dem Gejammer um den Abgang der Luxus-Kaufhallen, deren Waren für Kleinverdiener unerschwinglich sind, geht offenbar völlig unter, dass ca. 1.500 Quelle-Shops dicht gemacht werden sollen. Wer diese kleinen Lädchen auf dem Lande kennt, weiß, dass man dort in den Katalog schauen und gleich bestellen konnte, ein paar Tage später kam die Ware, vom Bügeleisen bis zur Waschmaschine, bezahlt werden konnten die Raten bar im Quelle-Shop. Zugleich ein dörflicher oder kleinstädtischer Treffpunkt zum miteinander reden, werden hunderte von Frauen, die auf das Einkommen aus den Quelle-Lädchen angewiesen sind, ihren Job verlieren. Offenbar kein öffentliches Thema. Stattdessen wird darüber gejammert, dass die "arme" Oberschicht ihren Kaviar nicht mehr im KDW einkaufen könnte.
5. na, da treten mir aber die Tränen in die Augen ....
...ergo sum, 20.04.2009
Anscheinend haben zuviele dieser Kaufhäuser gedacht, sie könnten den Kundenzulauf ausschließlich über den Preis regeln. Das Problem allerdings ist /war z.B. für mich und viele Andere, das sogar dort minderwertige Ware zu einem lächerlich hohen Preis angeboten wurde, - also im Preis /Leistungsverhältnis. Jämmerliche Stoffzusammensetzungen, idiotische Farben /Farbzusammenstellungen, verblödete Schnitte, hundsmiserable Verarbeitung von Nähten, Schließleisten ect. und, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in völlig unübersichtlichen und nicht nachvollziehbaren "Raum"- = Warenaufteilungen (klar, renne mir die Hacken ab mehrmals quer durch´s halbe Kaufhaus um anstelle einer Jacke dann doch einen Blazer zu suchen, zudem fast nie zu sichtende Angestellte, die (hat man sie dann doch mal erwischt und sich geklammert) nicht nur einen völlig dämlichen Gesichtsausdruck haben, sondern entsprechend diesem auch antworten. Ganz ehrlich, - was soll ich mir die Zeit für DIESE Angebote an Waren UND ohne versierte Mitarbeiter an´s Bein binden, wenn ich es gemütlich, mit Café und Keksen am eigenen Monitor haben kann ? Nach Hause zu schleppen brauch´ich es dann ebenfalls nicht. Die Kaufhäuser haben, anstatt zu versuchen die potentiellen Käufer mit besonderem Service (z.B. anpassende Näharbeiten ect.) an sich zu locken und zu binden, feste geglaubt das es weiterhin ausreicht in großén Flächen irgendwelche Ständer aufzustellen, Kleidung dranzupappen und abzuwarten. Man könnte dazu noch vieles an begangenen Fehlern und verpaßten Chancen und Möglichkeiten aufzählen, allerdings interessieren sich die verantwortlichen Herrschaften nicht dafür. Na gut, dann eben Insolvenz. Wenn es so einfacher und besser ist. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden die Bosse sich mit ihren Finanzen jetzt einen geruhsamen Lebensabend vielleicht in der Karibik oder auf der Jacht gönnen. Blöd nur, daß die Mitarbeiter dafür auf das Arbeitsamt und die Steuergelder zurollen, - nicht konfortabel, selbstredend.
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