Arcandor-Krise Quelle-Erbin Schickedanz fürchtet sich vor Armut

"Wir leben von 600 Euro im Monat": Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat Angst, ihr gesamtes Vermögen zu verlieren, sollte die Rettung des Mutterkonzerns Arcandor scheitern. In einem Interview räumt die Großaktionärin ein, dass sie eine Mitschuld an der Krise trägt.


Berlin - Die Großaktionärin des insolventen Handels- und Touristikkonzerns Arcandor, Madeleine Schickedanz, räumt eine Mitschuld an der Krise des Unternehmens ein. "Ich habe viel zu spät gemerkt, dass ich die Kontrolle verloren hatte", sagte Schickedanz der Zeitung "Bild am Sonntag". "Und ich hätte schon viel früher Themen wie Internet im Versandhandel und die Zukunft und Veränderung der Kaufhäuser angehen müssen."

Madeleine Schickedanz(Archivfoto vom Oktober 2003): "Spare, wo ich kann"
DPA

Madeleine Schickedanz(Archivfoto vom Oktober 2003): "Spare, wo ich kann"

Sie wisse, dass sie eine Mitverantwortung für das Schicksal der Arcandor-Mitarbeiter habe, könne ihnen aber nicht helfen. Offen räumte sie ein, dass ihr ihre Kinder Vorwürfe wegen des verloren gegangenen Erbes machten: "Meine Kinder glauben, ich hätte mich zu wenig um den Konzern gekümmert." Für die Fehler im operativen Geschäft sei sie allerdings nicht verantwortlich, sagte die 65-Jährige und fügte hinzu: "Dafür gab und gibt es ein Management."

Zugleich verteidigte Schickedanz den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Herr Middelhoff etwas Unlauteres getan hat", sagte sie. Middelhoff habe vielleicht in der Immobilienkrise seinem Finanzvorstand zu viel Freiheit gelassen. "Aber ich distanziere mich von den unfairen Vorwürfen gegen Herrn Middelhoff, dem man im Nachhinein alles in die Schuhe schieben will", betonte sie. Ohne Middelhoff wäre der aus Karstadt und Quelle hervorgegangene Arcandor-Konzern schon früher am Ende gewesen.

Arcandor hatte Anfang Juni Antrag auf Insolvenz für den Handels- und Touristikkonzern gestellt, nachdem das Drängen des Konzerns auf Staatshilfe erfolglos geblieben war. Erst im März hatte Gerhard Eick das Ruder bei der Karstadt-Mutter von Thomas Middelhoff übernommen, gegen den mittlerweile wegen des Verdachts auf Untreue ermittelt wird.

"Wir kaufen auch beim Discounter"

Schickedanz bezeichnete es als falsch, dass sie in der Öffentlichkeit als Milliardärin gelte. Sie sei eine "Mittelständlerin, die wie viele Unternehmer privates Geld und Vermögen in die Firma investiert hat". Sie habe persönlich "wahnsinnig viel Geld" verloren. "Mein Karstadt/Quelle-Aktienpaket war in der Spitze drei Milliarden Euro wert. Heute sind es gerade noch 27 Millionen Euro", sagte sie.

Hinzu kämen 170 Millionen Euro Verlust aus ihrem Privatvermögen für die Kapitalerhöhung bei Arcandor im Jahr 2004 und ein dreistelliger Millionenbetrag zur Stabilisierung des Unternehmens. Zudem sei sie nicht abgesichert. "Wenn die Rettung von Arcandor scheitert und die Banken die Kredite fällig stellen, verliere ich alles - Häuser, Aktien, Beteiligungen an anderen Firmen", sagte sie. "Ich bekäme mit meinen 65 Jahren noch nicht einmal Rente."

Schon jetzt müsse sie sich persönlich stark einschränken. "Ich spare, wo ich kann", sagte Schickedanz. "Wir leben von 500 bis 600 Euro im Monat. Wir kaufen auch beim Discounter. Gemüse, Obst und Kräuter haben wir im Garten." Nur noch selten würde sie mit ihrem Mann ausgehen, wenn, "dann zum Italiener um die Ecke" zu Pizza, Rotwein und alkoholfreiem Bier. "Das kostet dann keine 40 Euro."

phw/ddp/AP

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insgesamt 265 Beiträge
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Seite 1
slowboarder 19.07.2009
1. ja und?
Das ist das gleiche Schicksal, es wie Millionen andere Arbeitslose und Hartz4-Empfänger bereits erdulden müssen und viele weitere sind noch bedroht. also kein Grund, Mitleid zu haben, auf jeden Fall nicht mehr, als mit jedem anderen Arbeitslosen auch. Gruß, Slowboarder
danki 19.07.2009
2. Frau Schickedanz
Wenn man den Aussagen dieser Dame Glauben schenken sollte,kommen mir jetzt die Tränen.Was ist sie doch nur für ein armes Würstchen!Aldi,Pizza um die Ecke,etc.,unfassbar!Nur ist mir bis dato kein Fall bekannt,dass Leute von diesem Kaliber "hinten" runterfallen. Das ist aber auch eine Story für das Killerblättchen mit den 4 großen Buchstaben,das von Millionen Deutschen als "Arbeiterkampfblatt" täglich gelesen und als Bibel wahrgenommen wird.Da werden wir diese Story mit Sicherheit wieder finden.
Judith69, 19.07.2009
3. Sie tut mir sooo leid
Oh Gott, oh Gott, wie leid sie mir tut... 600 Eur pro Monat, Einkaufen beim Aldi, Tomaten von eigenem Garten, usw. Wahrscheinlich auch selber staubsaugen und rasenmähen - ein furchtbarer Schicksal. Mir wird übel bei einem derart verlogenen Artikel...
Mindbender 19.07.2009
4. ?
Zitat von slowboarderDas ist das gleiche Schicksal, es wie Millionen andere Arbeitslose und Hartz4-Empfänger bereits erdulden müssen und viele weitere sind noch bedroht. also kein Grund, Mitleid zu haben, auf jeden Fall nicht mehr, als mit jedem anderen Arbeitslosen auch. Gruß, Slowboarder
Der Schluss "_also_ kein Grund Mitleid zu haben" erschliesst sich mir hier nicht so richtig. Gönnen sie Menschen nicht ihren (ehemaligen) Reichtum und ergötzen sich an ihrem Fall auf das Hartz4 Niveau? Ich hoffe nicht...
yoog, 19.07.2009
5. Scherz beiseite
Zitat von sysop"Wir leben von 600 Euro im Monat": Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat Angst, ihr gesamtes Vermögen zu verlieren, sollte die Rettung des Mutterkonzerns Arcandor scheitern. In einem Interview räumt die Großaktionärin ein, dass sie eine Mitschuld an der Krise trägt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,636947,00.html
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