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Argentinien: Dürre in der Rindfleischpampa

Von Jürgen Vogt, Buenos Aires

Eine schwere Trockenheit macht den Rinderzüchtern in Argentinien zu schaffen. Viele Tiere verenden auf der Weide, der Fleischindustrie drohen schweren Einbußen. Unter den Landwirten wächst der Unmut: Sie machen die verfehlte Agrarpolitik der Regierung für die Misere mitverantwortlich.

Hähne krähen zum Sonnenaufgang in der Cuenca del Salado, jenem Landstrich in der argentinischen Provinz Buenos Aires, der als Hochburg der heimischen Rinderzucht gilt. Don Gustavo nestelt am Zaumzeug, zieht den Gurt fest. Wie jeden Morgen bei Tagesanbruch sattelt der grauhaarige Estanciero sein Pferd. Vorgestern hat es geregnet. Heute will Don Gustavo sehen, was der Regen bewirkt hat. Sein Optimismus hält sich in engen Grenzen: "Es hat kein Gras geregnet."

Argentinien leidet seit Monaten unter einer Dürre. Betroffen sind vor allem die landwirtschaftlich wichtigen Provinzen Buenos Aires, La Pampa, Córdoba, Santa Fe und Entre Ríos. Hier weidet der Großteil der rund 52 Millionen Rinder des Landes. Hunderttausende Tiere sind bisher auf den öden Weiden verhungert, verdurstet oder mussten geschlachtet werden.

Vor sechs Jahren hat der Diplomlandwirt Gustavo Hardt die Estancia "La Vuelta" übernommen. Auf seinen 320 Hektar stehen 440 Rinder, die eine Hälfte Kälber, die andere Hälfte Muttertiere und Zuchtbullen - eine normale Betriebsgröße für die Gegend, auch wenn einige Estancias sich auf bis zu 5000 Hektar ausdehnen.

Der 57-Jährige schwingt sich auf sein Pferd. "Vom Sattel aus sehe ich am besten jeden Grashalm. Da entgeht mir kein Kuhfladen und kein Ameisenhaufen." Wie hart oder weich das Pferd geht, sagt ihm, wie viel Feuchtigkeit der Boden hat. In letzter Zeit spürt er jeden Schritt, so hart ist die ausgetrocknete Erde.

Alfredo ist schon aufgesessen. Seit vier Jahren arbeitet der einzige Angestellte auf "La Vuelta". Gemeinsam reiten er und Don Gustavo das Landgut ab, prüfen die Zäune, kontrollieren die Tränken und ihre Tiere. Reden über Wind und Wetter, welche Herde auf welche Weide kommen soll. Alfredo ist hier geboren. "Im Ort ist einer, der ist schon weit über 90 Jahre alt, aber noch fit im Kopf. Der sagt, so eine Dürre hat er noch nicht erlebt", sagt er.

"Wir sind alle Rinderzüchter"

Die Estancia "La Vuelta" ist rund 30 Kilometer von der Kleinstadt Maipú entfernt. Der 10.000-Seelen-Ort liegt rund 300 Kilometer südlich von der Hauptstadt Buenos Aires. Die gleichnamige Provinz ist flächenmäßig fast so groß wie die Bundesrepublik. "Das ist hier ist eine klassische Gegend für Kälberproduktion", sagt der gebürtige Deutsche Gustavo Hardt. "Wir sind alle Rinderzüchter."

Doch die Weiden sind leer, das Gras wächst nicht nach. In der Provinz Buenos Aires hat es nur die Hälfte der sonst üblichen Menge geregnet. Normal sind hier 900 bis 1000 Millimeter pro Quadratmeter. Schon 2008 waren es nur knapp 500 Millimeter. Im Süden der Provinz ist die Lage noch dramatischer. Die Niederschläge sind von rund 600 Millimeter auf 200 bis 300 gefallen. Vertrocknete Rinderkadaver liegen verstreut umher. Schon ist von einem patagonischen Steppenklima die Rede.

Der kühle Morgenwind weht über die Ebene. Langsam bewegen sich die Pferde durch eine stehende Herde Rinder. "Dort, die Kuh ist trächtig. Sieht man nicht, so schlank wie die ist", sagt Don Gustavo. Und die Kälber? "Die kommen dieses Jahr mit rund 30 bis 35 Kilo weniger auf den Markt. Weil es weniger Gras gibt."

Immerhin: Auf der Estancia "La Vuelta" ist die Lage noch nicht zum Verzweifeln. "Zum Glück haben wir durch die Dürre noch kein Rind verloren." Gerade hat der Don 60 Kälber für 3,20 Pesos pro Kilo verkauft. Das nimmt Druck von den Weiden. An Investitionen sei bei einem solchen Kilopreis aber nicht zu denken. "Da müsste ich schon vier bis 4,20 Pesos (knapp einen Euro) das Lebendkilo kriegen."

Sorgen machen den Landwirten vor allem die Langzeitfolgen, die in die bisherigen Verluste gar nicht eingerechnet werden können. Nach der Dürre kommt die ökonomische Katastrophe. Zum Beispiel die fehlenden Kälber, die gar nicht erst geboren werden, weil die Kühe heute an Untergewicht leiden und nicht trächtig werden können. Hier reißt eine Kette, die nicht mit ein bisschen mehr Regen wieder geschlossen werden kann. Experten schätzen, dass aus Argentinien mit seinem hohen Eigenkonsum an Fleisch schon im Jahr 2011 Nettoimporteur werden könnte. Zudem befürchten die Viehzüchter, dass sie die Auslandsmärkte nicht mehr vertragsgerecht beliefern können und die Aufkäufer in die Nachbarländer abwandern, allen voran nach Brasilien.

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Trockenfleisch: Dürre in der Rindfleisch-Pampa

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