Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, aber nie fürs Alter vorgesorgt. Jetzt ist Meta Albrecht 85 und lebt am Existenzminimum.

Kurz bevor Meta Albrecht* die Sache mit den Betriebskosten anpackt, wie sie all die Sachen in ihrem Leben angepackt hat, mit Haltung, schlägt sie die "Bild"-Zeitung auf und sagt: "Das kann doch wohl nicht wahr sein."

Sie sitzt an diesem Dezembertag im Wartezimmer ihres Mietervereins in Hamburg-Altona, gerade ist sie einen Kilometer durch den Regen geradelt. Meta Albrecht ist 85 Jahre alt.

Die Frau auf der Titelseite der "Bild" ist 37 Jahre alt. Sie bekommt seit 17 Jahren Geld vom Staat, schreibt die Zeitung. Schlagzeile: "Hartz-IV-Empfänger erklären: Darum arbeiten wir nicht!"

"Sach mal", sagt Meta Albrecht und blickt hoch, der Mund offen, die Augen groß. "Die muss doch wohl einen Job finden!"

Meta Albrecht hat immer einen Job gefunden, für keinen war sie sich zu schade. Ein paar Mal bekam sie Arbeitslosengeld, aber immer nur für kurze Zeit. Sie fand das peinlich, Geld vom Amt.

Heute muss sie es trotzdem nehmen. Sie bezieht Grundsicherung.

Ihre monatliche Rente beträgt 427,22 Euro, ihre Miete 628,22. Und die Miete soll zum neuen Jahr um fast 100 Euro steigen, vor allem wegen der Betriebskosten.

"So, Frau Albrecht", sagt der junge Rechtsanwalt vom Mieterverein. "Dann wollen wir uns mal mit Ihrem Mieterhöhungsverlangen auseinandersetzen."

Meta Albrecht hat einen Ordner mitgebracht, sie tippt auf die Abrechnung für ihr Mietshaus.

"Bin ich nicht mit einverstanden, mit dem Kasperkram. Hier: Wartung der Brandschutztüren. Nu' gucken Sie, wie teuer."


"4000 Euro?"

"4000 und sieben Euro. In einem Jahr! Was wird da gemacht?"

"Da muss man die Rechnung genau angucken..."

"Was sollen die denn mit den Türen machen?", ruft Meta Albrecht dazwischen. "Was denn?"

Sie blickt dem Anwalt in die Augen.

"Da können wir doch was tun, oder?"

"Ich mache Ihnen das heute Abend fertig."

Meta Albrechts Monatsbudget

Einkünfte:
Gesetzliche Rente 427,22 Euro
Grundsicherung im Alter 708,72 Euro
(inkl. Zulage für Gehbehinderung)
Gesamteinkünfte: 1135,94 Euro
Fixe Ausgaben:
Miete 628,22 Euro
Lebensmittel 150 Euro
Telefon 40 Euro
Strom 33,30 Euro
Gesamtfixkosten: 851,52 Euro

Die Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung werden gesondert durch die Grundsicherung bezahlt.

Ob der Anwalt helfen wird, ob die Kosten sinken werden, das weiß Meta Albrecht nicht. Es hat auch keine Folgen für sie, das Amt wird ohnehin zahlen müssen. Wichtig ist, dass sie etwas unternommen, sich gewehrt hat. Sie hat immer gekämpft in ihrem Leben. Und diesen Kampf führt sie weiter, auch jetzt noch, da ihr Leben dem Ende zuläuft. Armut hin oder her.

500.000 Rentner in Deutschland beziehen Grundsicherung, weil ihre Rente zum Leben nicht reicht. Das sind doppelt so viele wie 2003, rund drei Prozent aller Menschen über 65. Tatsächlich leben wohl noch mehr in Altersarmut. Viele melden sich gar nicht erst bei den Ämtern, sagen Wohlfahrtsverbände - aus Unwissenheit, Scham oder Stolz.

Im letzten Abschnitt ihres Lebens, in dem sie fast immer gearbeitet, aber nicht immer eingezahlt hat, bleiben Meta Albrecht für Essen und Kleidung, Haushalt und Freizeit jeden Monat 480 Euro. Sie lebt knapp über dem Existenzminimum. Das Gesetz sagt, dass ein Mensch in Deutschland mindestens 416 Euro braucht, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.

Früher starben die Menschen jung, und wenn sie doch alt wurden, mussten sie bis zum Tod schuften oder sich auf die Kinder verlassen. Dass Menschen in Würde altern können, ist eine Errungenschaft moderner Gesellschaften, eines der großen Versprechen des Sozialstaats. Die Geschichte von Meta Albrecht zeigt, wie schwer es sein kann, dieses Versprechen zu halten. Meta Albrecht hat nicht viel Geld, aber das ist nicht das Problem. Sie beschwert sich nicht und gibt niemandem die Schuld, sie bewahrt sich die Freude und das Schöne in ihrem Leben. Das Problem ist: Die Armut macht ihr streitig, worum sie ihr Leben lang gerungen hat: ihre Unabhängigkeit. Und diese Unabhängigkeit stand oft auf dem Spiel.

Hamburg, Nacht des 27. Juli 1943, Luftschutzkeller. Meta, elf Jahre, hört Sirenen heulen. Über die Nordsee kommen Flugzeuge, britische Royal Air Force, schwere Bomber, die Bäuche voller Sprengsätze. Albrecht hockt im Keller. Sie hat ihre Puppen vergessen, in ihrem Zimmer, zwei Straßen weiter.

Es ist ein kurzer Weg. Sie schleicht nach oben, die Puppen zu holen. Stahlzylinder fallen wie Regentropfen, blub, blub, blub, Donnergrollen, Bombenhagel, bumm, bumm, bumm. Lauf, Mädchen, schau nicht zurück zu den Fliegern, hinein in die Kinderstube, da liegen die Puppen, vor dem Fenster Feuersturm, zurück auf die Straße, alles brennt, zum Keller, sie schafft es. Am Morgen, als es vorbei ist und sie hinaustritt, ist keine Straße mehr da und keine Wohnung.

Heute wohnt Meta Albrecht in einer Zweizimmerwohnung am Elbhang, das Haus gehört einer Stiftung. 67 Quadratmeter, aus dem Erker blickt sie auf den Hamburger Hafen. In ihrem Wohnzimmer stehen 14 Lampen, an den Wänden hängen fünf Spiegel, Souvenirs aus 85 Jahren.

"Ich würde das am liebsten alles wegschmeißen", sagt sie. Das Streben nach Besitz hat sie aufgegeben.

Meta Albrechts wertvollster Gegenstand "Mein Vater tauschte das Ölgemälde 1945 gegen ein Kaninchen ein. Ich erbte es, als meine Mutter starb. Es erinnert mich daran, wie ich als Kind die Ähren auf dem Acker gebunden habe - und dafür einen Sack Kartoffeln bekam. Ich überlege, es zu verkaufen und mit dem Geld in den Urlaub zu fahren."

Im November musste sie 200 Euro für eine neue Brille ausgeben, dann ging noch der Fernseher kaputt, 50 Euro. Damit muss sie rechnen. Es ist ein karges Leben, aber sie macht es sich schön. Wenn sie Fleisch essen möchte, besucht sie einen Freund in seinem griechischen Restaurant. Seit zwei Jahren frühstückt sie Maiswaffeln mit Käse, garniert sie aber mit frischem Basilikum. Sie frisiert sich jeden Morgen und trägt gebügelte Blusen, keiner soll sehen, dass sie arm ist.

Meta Albrecht kauft alle zwei Wochen beim Discounter ein. Fleisch leistet sie sich fast nie. Sie frühstückt wenig, isst mittags nichts, abends eine warme Mahlzeit.

An ihrem 85. Geburtstag haben 31 Freunde angerufen. Kontakt zu ihrer Familie hat sie nicht mehr.

Ihre Tage verbringt sie oft in der Wohnung, sie mag die Ruhe, sie sieht fern, hört Musik, liest. Mittags schläft sie jetzt häufiger, ihre Besorgungen erledigt sie selbst. Nachts, wenn sie keinen Schlaf findet und der blöde Fuß schmerzt, setzt sie sich mit Milch und Keksen in ihren Lieblingssessel aus Rindsleder und blickt auf den Hafen, wo viele Lichter blinken.

Kurz vor Kriegsende flieht Familie Albrecht aufs Land, nach Buchholz, ein paar Kilometer südlich der Elbe. Meta ist 13, und als Deutschland kapituliert, macht ihr ein junger Mann den Hof, Walter, Maschinenschlosser, ein Freund der Familie. Komm mit mir zurück nach Hamburg, sagt er, und ihr Vater sagt, geh mit ihm. Meta geht mit, sie heiraten. Jahre des Aufbaus. Sie verdingt sich in einer Gummifabrik, stopft bei Reemtsma Zigaretten, Bandarbeit, schlecht bezahlt, aber der Krieg nahm ihr nun mal die Schule. Als sie schwanger wird, zeigt ihre Schwiegermutter auf den Küchentisch, leg' dich mal hier drauf, Kindchen.

14 Tage lang behandeln die Ärzte sie wegen innerer Verletzungen.

Der ihr das angetan hat, den verlässt sie. Ihr Leben lang wird sie nun achtgeben, dass keiner sie schwängert. Niemals wieder will sie ihre Unabhängigkeit aufgeben.

Doch dann trifft sie Horst, er ist Autoverkäufer, reich, Trinker. Er schenkt ihr einen Borgward Isabella, nobles Auto, sagt zu ihr, arbeite nicht, Schatz, musst du nicht. Jahre in Hamburgs Schickeria, Pelze und Pferderennen. An Altersvorsorge denkt sie nicht. Abends kommt Horst betrunken nach Hause. Einmal prügelt er sie, richtet sie so zu, dass eine Verwandte sie nicht mehr erkennt.

Sie läuft weg vor Horst, du dummes Mädchen, sagt sie sich, wieder hast du nichts.

Sie arbeitet hinterm Tresen einer Kneipe im Hamburger Osten. Eines Abends kommt Horst zur Tür herein, im Aktenkoffer 30.000 Mark in bar. Nimm das Geld, sagt er, es tut mir leid. Scher dich zum Teufel, sagt sie, du berührst mich nie wieder. Die Gäste schmeißen ihn raus, sein Koffer springt auf, die Geldscheine flattern durch die Kneipe. Meta Albrecht ist nicht gläubig, doch jetzt steht sie hinter der Theke und betet. Lieber Gott, lass ein bisschen was unter dem Tresen verschwinden. Doch sie bückt sich nicht.

Die Liebe findet Albrecht, da ist sie 46. Bob, ein Jugoslawe, 14 Jahre jünger, glänzendes schwarzes Haar und gerader Rücken. Beide arbeiten selbstständig, sie importiert marokkanischen Fisch aus Tanger und Rabat, verdient gut. Achtzigerjahre, Urlaube an der kroatischen Adria, kein Leben im Überfluss, doch glückliche Zeiten. Eines Abends kommt Bob wieder spät von der Arbeit. Du, sagt sie zu ihm, ich weiß, was du machst.

Bob liebt eine andere, und Meta lässt Bob ziehen. Er hat eine Wohnung in Altona, und wenn die Nächte einsam sind, steuert sie ihr Auto dorthin und schaut von unten durchs Fenster zu ihm hoch.

Wer für sich selbst Unabhängigkeit verlangt, kann sie anderen nicht verbieten.

Meta Albrecht hat flüssiges Gummi gegossen, Schiffselektronik gelötet, sie war Tankwartin und Maklerin, sie hat Schnellkochtöpfe bei Karstadt verkauft und Fische importiert, sie hat alles gemacht außer mauern und tischlern, sagt sie, und jetzt, wo sie nicht mehr arbeiten kann, ist sie arm. Sie weiß, dass sie selbst daran Schuld trägt, weil sie nicht ans Alter dachte, als sie jung war: zu wenig eingezahlt, nichts zurückgelegt. Meta Albrecht jammert nicht.

Meta Albrecht ist 65, als die erste Rentenzahlung eingeht. Ihre Wohnung ist zu groß, sie kündigt, findet das Stiftungshaus am Elbhang. Doch die Sachbearbeiterin lehnt ab. Zu teuer. Vielleicht zu edel. Rente reicht nicht, was wundern Sie sich, Frau Albrecht.

Albrecht taumelt hinaus, sie weint. Dann öffnet die Frau vom Amt noch einmal ihre Bürotür, hier ist Ihr Antrag, genehmigt, sagt sie, und jetzt raus hier. Meta Albrecht sagt danke. Sie schämt sich.

Wenn Meta Albrecht stirbt, will sie verbrannt werden. Sie hat sich informiert: Ihre Beisetzung wird 1400 Euro kosten, das war das günstigste Angebot. Eine Trauerfeier wird es nicht geben.

Nun, 20 Jahre später, sitzt sie in ihrem Sessel, schaut aus dem Fenster über den Hafen, wo Fracht gelöscht wird von großen Schiffen. Nicht mehr lange, Mädchen, dann wirst du gehen, dahin, wo es schwarz ist und du dich nicht mehr wehren musst. Sie fürchtet sich nicht.

Nur manchmal, wenn sie mitten in der Nacht aufschreckt, spürt sie für einen Augenblick die Angst. Es ist ein Traum, der immer wiederkehrt. Sie öffnet einen Brief vom Amt, sie haben ihr das Geld gestrichen.

*Name von der Redaktion geändert