Fragwürdige Statistiken Wenn arme Länder reich gerechnet werden

Wann gilt ein Mensch als arm, wann ein ganzes Land? Eine Hochstufung der Weltbank kann für Millionen Arme gravierende Nachteile haben.

Frau mit Tochter (in Uttar Pradesh)
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Frau mit Tochter (in Uttar Pradesh)

Von Rema Nagarajan


Im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh leben mehr als 204 Millionen Menschen. Wäre er ein Land, hätte er die sechsthöchste Einwohnerzahl weltweit - nach China, Indien, den USA, Indonesien und Brasilien. Uttar Pradesh wäre dann auch ein sehr armes Land mit schlechten Entwicklungsmöglichkeiten, in dem die Menschen in vielen Lebensbereichen unter großem Mangel leiden.

Der Anteil unterernährter Kinder und die Kindersterblichkeit beispielsweise wären ähnlich hoch oder noch höher als in anderen Ländern mit niedrigem Nationaleinkommen. Aber Uttar Pradesh gehört zu Indien, das von der Weltbank als Land mit mittlerem Einkommen eingestuft wird. Diese Klassifikation ist in vielerlei Hinsicht problematisch für die sozial Schwachen im Land. Uttar Pradesh ist nur ein Beispiel, das aber symptomatisch ist für die Situation vieler Armer weltweit.

Mehr als 75 Prozent der extrem armen Menschen sind in Ländern mit sogenanntem mittleren Einkommen zu Hause. Allein in Indien leben 276 Millionen Menschen von weniger als 1,90 Dollar am Tag und gelten damit laut Weltbank als extrem arm. In den Ländern mit niedrigem Einkommen - von denen die meisten im Subsahara-Afrika und einige, wie Afghanistan, Nepal und Kambodscha, in Asien liegen - leben insgesamt "nur" gut 258 Millionen sehr arme Menschen.

Bei den Hungernden ist es ähnlich: Ein Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2015 zeigt, dass vier von fünf Unterernährten in Ländern mit mittlerem Einkommen leben.

* Menschen, die von weniger als 1,90 Dollar am Tag leben.

Wie die Länder klassifiziert werden

Die Klassifizierung der Länder wird jedes Jahr von der Weltbank auf Basis des Bruttonationaleinkommens (BNE) vorgenommen. Das ist die Summe der innerhalb eines Jahres von allen Bewohnern eines Staates erwirtschafteten Einkommen. In den vergangenen Jahren sind einige Länder aus der Gruppe mit niedrigem Einkommen in die untere Gruppe derer mit mittlerem Einkommen gestiegen. Wenn aber in den Ländern mit mittlerem Einkommen die meisten Armen wohnen, wie sind die in die höhere Kategorie gelangt?

Der Grund: In diesen Ländern hat das auf Einwohner umgerechnete Bruttonationaleinkommen die Grenze von 1045 Dollar überschritten. Länder mit mittlerem Einkommen liegen zwischen dieser und der nächsthöheren Schwelle von 12.736 Dollar, über der die Länder mit hohen Einkommen liegen. Wie die Grafik zeigt, werden die Länder mittleren Einkommens zusätzlich an der Grenze von 4125 Dollar in eine untere und obere Gruppe unterteilt.

Länder mit hohem Einkommen sind jene mit einem Pro-Kopf-BNE von 12.736 US-Dollar oder mehr. Aus Gründen der besseren Darstellbarkeit wurde die Achse beim Wert für Deutschland (47.460 US-Dollar Pro-Kopf-BNE) abgeschnitten.

Das Problem: Die Einkommensverteilung innerhalb der Länder wird nicht berücksichtigt. In den Ländern, die kürzlich in die mittlere Einkommensgruppe geklettert sind, bleibt die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin arm - auch wenn das Land insgesamt reicher wird. Der Wohlstand konzentriert sich in den Händen von einigen wenigen Reichen.

"Seit dem Jahr 2000 sind 27 Länder in die mittlere Einkommensgruppe aufgestiegen - jetzt leben 707 Millionen arme Menschen in Ländern mittleren Einkommens. Die absolute Zahl der Armen ist trotz des Wachstums in diesen Ländern nicht ausreichend gefallen", schreiben Ravi Kanbur, Professor für angewandte Wirtschaftswissenschaften an der Cornell Universität in den USA, und der Londoner Entwicklungsökonom Andy Summer 2011 in einem Bericht aus dem Jahr 2011.

Wohlstand für wenige

Die Ungleichheit innerhalb der Länder wird deutlich, wenn man betrachtet, welchen Anteil die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung an Einkommen und Konsum eines Landes haben - und wenn man diesen Anteil mit dem der ärmsten zehn Prozent vergleicht. In Brasilien zum Beispiel sind die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung für nur ein Prozent der Ausgaben verantwortlich, während die oberen zehn Prozent fast 42-mal so viel konsumieren. In Indien konsumieren die unteren zehn Prozent gerade einmal zu 3,5 Prozent, das obere Zehntel hingegen 30 Prozent.

Wie das Einkommen zwischen und in den Ländern verteilt ist


Länder mit mittlerem Einkommen stehen vor großen Herausforderungen, da sie Millionen Menschen aus der extremen Armut befreien müssen. Dass sie im vergangenen Jahrzehnt in diese Kategorie der Weltbank geklettert sind, ist für sie von Nachteil: so haben sie Zugeständnisse bei Handel und Zoll verloren, die nur für Länder mit niedrigem Einkommen gelten. Deshalb stellen viele der Länder mit mittlerem Einkommen die Einstufung infrage und verlangen, in der internationalen Debatte wie andere Entwicklungsländer behandelt zu werden.

So heißt es beispielsweise im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT), einer internationalen Vereinbarung über den Welthandel: Wenn reiche Länder gegenüber armen Staaten Handelszugeständnisse machen, können sie im Gegenzug keine gleichwertigen Zugeständnisse erwarten. Die Welthandelsorganisation versucht mit dieser Art von Regeln größtmögliche Flexibilität für die am wenigsten entwickelten Länder zu ermöglichen - zum einen durch die Art der Vereinbarungen selbst, zum anderen durch einen flexiblen Zeitrahmen für deren Erfüllung. Länder die aus der niedrigen in die mittlere Einkommenskategorie aufsteigen, verlieren viele dieser Möglichkeiten.

Ein weiteres offenkundiges Beispiel dafür, welche Nachteile durch die Kategorisierung entstehen können, sind die Preise für Medikamente. Die meisten großen Pharmafirmen wie Merck, Pfizer und GlaxoSmithKline geben Ländern mit mittlerem Einkommen keinen Rabatt auf viele wichtige Medikamente. "Während der letzten zwei Jahre wurden Länder mittleren Einkommens aus den Rabatt-Programmen von Firmen ausgeschlossen und somit gezwungen von Fall zu Fall zu verhandeln, was zu höheren Medikamentenpreisen geführt hat", schrieb die Organisation Ärzte ohne Grenzen 2012.

Für die Pharmafirmen ist das ein lohnendes Geschäft - selbst wenn die Mehrheit in den betroffenen Ländern sich die teureren Medikamente nicht leisten kann. Dieser Ansicht ist Brook Baker, Politikwissenschaftler und Mitarbeiter der New Yorker Non-Profit-Organisation "Health Global Access Project". Firmen würden in Ländern mittleren Einkommens mehr Geld damit machen, Medikamente teuer an die wenigen Reichen zu verkaufen als zu günstigen Preisen an die ärmeren 90 Prozent der Bevölkerung.

Schon die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung stellen in vielen dieser Länder viele Millionen Menschen. Allein die reichsten zehn Prozent von Bangladeschs 156 Millionen Einwohnern machen eine Gruppe aus, die so groß ist wie die Bevölkerung Belgiens, Schwedens oder Griechenlands.

Die Einstufung der Länder verstärkt die Ungleichheit

Die Neueinstufung der Länder mit ehemals niedrigem Einkommen als künftige Länder mit mittlerem Einkommen verschleiert also nicht nur die Tatsache, dass die Mehrheit der Armen weltweit in diesen Länder lebt. Durch den Verlust von Handelsbegünstigungen verschlimmert sie zudem die Ungleichheit, insbesondere in so grundlegenden Bereichen wie der Gesundheitsversorgung.

Ist das wirklich ein nachhaltiges Vorgehen? Schließlich sind zwei der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, den Hunger in der Welt abzuschaffen und die extreme Armut bis 2030 zu halbieren. Eine nachhaltige Entwicklungsstrategie eine bessere Verteilung von Wohlstand innerhalb und zwischen den Ländern zu befördern.

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Indien:: Land der Gegensätze

Dafür braucht es jedoch ein statistisches Maß, das die Situation der Menschen in Ländern mit mittlerem Einkommen realistischer abbildet. Zwar gibt es viele Herausforderungen, die Schwellenländer aufgrund ihres Einkommensniveaus gemeinsam haben, doch sie allein nach dem Einkommen zu gruppieren, berücksichtigt nicht die unterschiedlichen Niveaus in der wirtschaftlichen oder sozialen Entwicklung.

Die Tatsache, dass das arme Uttar Pradesh unter all den Einschränkungen leiden muss, die Ländern mittleren Einkommens auferlegt werden, zeigt, wie willkürlich die Eingruppierung auf Basis des Pro-Kopf-BNEs ist. Auch scheint die mittlere Einkommenskategorie viel zu breit und heterogen und ihre Unterteilung in eine untere und obere Unterkategorie willkürlich.

Der multidimensionale Armutsindex, der seit 2010 vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen veröffentlicht wird, könnte ein besseres Maß sein, da er verschiedene Facetten von Entbehrung berücksichtigt - zum Beispiel in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Lebensstandard - und nicht nur das Einkommen pro Kopf. Er bildet deutlich besser ab, welche Entwicklungsaufgaben Länder mittleren Einkommens zu bewältigen haben. Eine Einordnung nach dem Anteil der Menschen, die an multidimensionaler Armut leiden, wäre daher zutreffender und könnte dabei helfen, Probleme anzugehen. Das Schicksal von Hunderten Millionen Menschen in so genannten Ländern mittleren Einkommens hängt davon ab.


Rema Nagarajan arbeitet als Journalistin beim indischen Medienkonzern The Times Group. Sie beschäftigt sich mit Gesundheitsthemen. Nagarajan hat als "Medienbotschafterin Indien-Deutschland" sechs Wochen lang in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE hospitiert.

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