Armut in New York Kampfzone der Krösusse

Die Armutsquote in den USA ist gesunken - nur New York ist anders. Hier prallen Elend und Luxus immer krasser aufeinander: Börsenmilliardäre erobern die letzten Flecken, auf der anderen Seite stehen brotlose Einwanderer.

Von , New York


New York - Der Jackson Square ist den meisten New Yorkern kein Begriff, obwohl viele täglich daran vorbeilaufen. Das Dreieck im Greenwich Village - nicht mehr als eine Verkehrsinsel zwischen Greenwich Avenue, Eighth Avenue und Horatio Street - ist einer der ältesten Parks der Stadt. Bäume, Bänke, ein Brunnen, Zäune voller Taubendreck: Auf dem schäbigen Platz finden sich heute meist Obdachlose und die berüchtigte "Pidgeon Lady", eine zeternde alte Frau, die Tauben und Ratten füttert.

Das dürfte sich bald ändern. Direkt gegenüber entsteht demnächst einer der luxuriösesten Wohnblöcke New Yorks: "One Jackson Square". Der futuristische, klimafreundliche Glasbau wird - erst einmal hineingeklotzt zwischen die Altbauten des Villages - eine eigene Dienstbotengarde haben, ein Fitness-Studio und ein Spa. Das billigste der 35 Apartments, die derzeit exklusiv an junge Hedgefonds-Manager, Wall-Street-Broker und Finanziers vermarktet werden, kostet knapp eine Million Dollar (für 40 Quadratmeter). Die anderen erreichen bis zu 9,5 Millionen Dollar.

Der Gegensatz zwischen Arm und Reich ist in New York immer schon extrem gewesen - und extrem sichtbar. Bereits 1949 beschrieb E. B. White in seinem klassischen Essay "Here is New York" die Kluft zwischen der verarmten Minderheit der Stadt und den reichen Upper-East-Sidern, zwischen Bronx und Wall Street: "Zu Füßen der höchsten und nobelsten Büros liegen die elendsten Slums." New York zehre seinen Charme überhaupt erst aus diesem Gefühl "von Trennung und Gemeinsamkeit".

Obdachlose an den Stadtrand gekarrt

In einer Stadt, in der Börsenmilliarden fließen und zugleich täglich tausende brotlose Einwanderer anlanden, überrascht das kaum. Jeder Bürgermeister hat auf seine Weise versucht, diese Kluft zu verkleinern - bisher vergeblich. Rudy Giuliani - der jetzt als Präsidentschaftskandidat eine "mitfühlende" Armenpolitik verspricht - ließ die Obdachlosen einfach an den Stadtrand karren. Sein Nachfolger, der Milliardär Mike Bloomberg, hat die Armut zum Hauptproblem seiner Amtszeit erklärt und will zu ihrer Bekämpfung jährlich 150 Millionen Dollar aus teils privaten Quellen in ein experimentelles Programm investieren.

Wie müßig all diese Strategien letztlich jedoch sind, zeigte sich jetzt. Rechtzeitig zum gestrigen Labor Day - dem hiesigen "Tag der Arbeit" - veröffentlichte die US-Volkszählungsbehörde Census Bureau erstmals überhaupt kommunale Einkommensstatistiken für die gesamten USA. Und deren für New York verheerenden Ergebnisse gingen im sonstigen Jubel um die landesweit gesunkene Armutsquote unter.

Für die Stadt, die sich gerne als so liberal, weltoffen und bürgernah sieht, sind es in der Tat ernüchternde Zahlen. Demnach klafft die Schere zwischen Arm und Reich in New York, im Gegensatz zum Rest der USA, immer weiter auseinander. Mitschuld daran trage die Wall Street: Während die Armen arm blieben, würden die Reichen immer reicher. Inzwischen sei die Einkommensdiskrepanz in New York größer als sonst irgendwo in der Nation. Überall nähern sich die Extreme an - in New York ist das Gegenteil der Fall: "New York ragt heraus, noch vor Los Angeles, San Francisco und anderen städtischen Großräumen", kommentierte der Demograf William Frey von der Brookings Institution diese Ergebnisse.

Penthouse-Blick auf die "urbane Oase"

Die reichsten 20 Prozent der New Yorker verdienten den Census-Angaben zufolge 2006 im Schnitt 351.333 Dollar im Jahr - fast 40-mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent (8855 Dollar). Die Armutsquote betrage derweil 19,1 Prozent, also nahezu unverändert seit 2001. Nach wie vor lebt jeder fünfte New Yorker in Armut, sprich mit weniger als 20.650 Dollar im Jahr für eine vierköpfige Familie. Auch das sonstige Durchschnittseinkommen (46.480 Dollar) habe sich nicht nennenswert erhöht.

Landesweit dagegen fiel die Armutsquote zum ersten Mal seit zehn Jahren, während sich der Durchschnittsverdienst auf 48.201 Dollar erhöhte. Die New Yorker sind also generell schlechter dran als andere Amerikaner, was ihr Einkommen angeht. Die Zahl der US-Bürger ohne Krankenversicherung erhöhte sich jedoch zugleich von 44,8 Millionen auf 47 Millionen.

New Yorks ärmster Stadtteil bleibt, wie früher schon, die Bronx. Der reichste Stadtteil - und auch der mit der größten Spanne zwischen Reich und Arm - ist Manhattan, mit seinen Sozialvierteln in Harlem einerseits und seinen neuen Nobelburgen auf der plötzlich schicken Far West Side andererseits.

Für die Top-Verdiener empfiehlt sich nun eben "One Jackson Square" als ideale Adresse, um die atmosphärischen "Gegensätze" des Greenwich Villages, wie es der Investoren-Prospekt euphemistisch verklärt, buchstäblich aus dem Glashaus heraus zu beäugen. Das gesamte Obergeschoss ist ein einziges Penthouse, eben jene Wohnung, für die 9,5 Millionen Dollar verlangt werden, mit Freiluftküche und Privataufzug. Von der Terrasse habe man einen Panorama-Blick über die "charmante urbane Oase" des Jackson Squares. Von den Obdachlosen ist keine Rede mehr - die dürften bis dahin vertrieben sein.



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