Mit 40 wird Jessica Brenner noch mal Mutter - ohne Job, ohne Geld. Zwei Tage nach der Geburt verliert sie ihre Wohnung, aber nicht ihren Mut. Eine Geschichte über Armut und Hoffnung.

Über ein Jahr lang hat Jessica Brenner* kein Zuhause. Über ein Jahr verbringt sie mit ihrer Tochter Kaya in einer betreuten Warteschleife. Kurz nach Kayas Geburt verliert Brenner ihre Wohnung, zieht erst in eine Notunterkunft, später in ein Mutter-Kind-Heim. Dort lebt sie elf Monate, dann geht plötzlich alles schnell. Es ist Ende November, als ein Mann bei ihr anruft: Er sei von der Stiftung, bei der sie um Hilfe gebeten hat. In einer Woche werde eine Wohnung für sie frei.

Überstürzt packt Brenner ihre Sachen. Drei Kartons, einige Einkaufstüten, einen pinken Koffer. Möbel besitzt sie keine. Für 30 Euro kauft sie im Mutter-Kind-Heim eine gebrauchte Matratze für sich und ein Reisekinderbett für Kaya. Sie will so dringend weg von hier - es ist ihr egal, dass sie keine Zeit mehr hat, weitere Möbel zu organisieren oder einen Herd.

Den Umzug erledigt Brenner, während ihre Tochter im Kindergarten ist. Als sie Kaya zum ersten Mal im Kinderwagen die Straße zur neuen Wohnung hinaufschiebt, bleibt sie kurz stehen, wischt sich mit dem Jackenärmel Tränen von der Wange. Dann stellt sie den Kinderwagen ab, nimmt Kaya auf den Arm und flüstert: "Endlich ein eigenes Zuhause."

Jessica Brenner ist 41 Jahre alt, ihre Tochter 15 Monate. Die Familie ist arm. Brenner hat keine abgeschlossene Ausbildung, keinen Job. Ihr Freund Togba Smith* ist 27, kommt aus Westafrika, hat in Deutschland Asyl beantragt. Weil das Verfahren noch läuft, darf das Paar nicht zusammenleben. Darum gilt Brenner als alleinerziehend. Sie ist eine von 2,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland. Beinahe jede zweite dieser Familien lebt in Armut.

Am Tag ihres Umzugs erhält Brenner zum letzten Mal Geld vom Mutter-Kind-Heim: 80 Euro in bar. Solange sie hier gelebt hat, bekam Brenner kein Arbeitslosengeld, sondern Jugendhilfe: 7,36 Euro pro Tag für das Kind, 8,09 Euro für die Mutter, dazu 74 Euro Taschengeld im Monat. Das Kindergeld ging direkt ans Heim. Brenner musste mit 552,95 Euro im Monat auskommen: für Kleidung und Essen, für Windeln und Pflegeprodukte, für alles.

In ihrer neuen Wohnung muss sie sich neu organisieren. Sie beantragt Unterstützung beim Jobcenter, das dauert. Solange der Antrag nicht bewilligt ist, bekommt sie keine Einrichtung für die neue Wohnung. So lange kann sie nicht zur Tafel gehen, weil sie auch dafür eine Bestätigung vom Amt braucht.

"Kontostand?", fragt die Sachbearbeiterin, als Brenner kurz nach dem Umzug beim Jobcenter sitzt. "Minus 8,67 Euro." Wortlos übernimmt die Sachbearbeiterin den Betrag, akute Hilfe bietet sie nicht an.

Das Bargeld vom Mutter-Kind-Heim ist alles, was Brenner noch hat. Sie weiß nicht, bis wann das reichen muss. Ihre Wohnung ist leer, sie braucht die einfachsten Dinge: Tassen und Teller, einen Stuhl für Kaya. Doch dafür hat sie kein Geld. Also schreibt sie einen Post in einer Facebook-Gruppe.

"Es war mir peinlich, Fremde um Hilfe bitten zu müssen", sagt Brenner. Aber es geht nicht anders. Sie ist auf Hilfe angewiesen. Auf den Staat, auf ihre Betreuer, auf fremde Menschen aus dem Internet. Schnell melden sich erste Hilfsbereite auf Facebook, haben Babykleidung zu verschenken, einen Backofen, Spielzeug.

Wenn Jessica Brenner ihre Geschichte erzählt, wird klar: Armut begleitet sie schon ihr ganzes Leben. Sie wächst in einem Dorf irgendwo in Norddeutschland auf. Die Familie hat nicht viel, und was sie hat, geht für den Alkohol des gewalttätigen Stiefvaters drauf. Mit 16 flieht sie, beginnt eine Friseurlehre, träumt davon, Visagistin am Theater zu werden, macht ein Praktikum beim Musical "Cats". Kurz vor der Prüfung bricht sie ihre Friseurlehre ab. "Feiern war mir wichtiger", sagt sie. Heute bereut sie das.

Die junge Frau arbeitet in einer Kneipe, in einer Bäckerei, hat nie viel, aber irgendwie geht es. Sie verliebt sich in einen Briten, bekommt zwei Kinder mit ihm. Als sie sich trennen will, haut er mit den Kindern nach Großbritannien ab. Danach taumelt Brenner durchs Leben.

Ihre große Schwester fängt sie auf, zwingt sie, ihr Leben wieder zu ordnen. Brenner beginnt zu arbeiten und ihre Schulden abzubezahlen. Sie ist damals Anfang 30.

Mit 38 lernt sie Togba Smith kennen, bei ihrem Job als Sicherheitskraft in einer Flüchtlingsunterkunft. Die beiden werden ein Paar.

Die Männer in Brenners Leben haben sie oft enttäuscht, auch bei Smith hat sie Angst, dass er geht. Zum Beweis, dass er bleiben will, schenkt er ihr zwei Ringe, die sie jeden Tag trägt. "Das ist das Wertvollste, das ich besitze."

Jessica Brenners wertvollster Gegenstand Den schmalen Ring hat Jessica Brenners Freund ihr zuerst geschenkt. Er bedeutet: Versprochen, ich bleibe bei dir. Der Ring mit Stein ist ihr Verlobungsring. Brenner soll beide Ringe links tragen, näher am Herzen. Wenn sie heiraten, kommt ein dritter Ring dazu, der noch mal verspricht: für immer.

Mit 39 Jahren wird Jessica Brenner noch mal schwanger. "Heilige Scheiße", denkt sie zuerst. Und dann: "Kriegst du schon groß." Sie verliert ihren Job, schwanger ist er zu gefährlich. Sie stellt sich hinter den Tresen einer Sportsbar, kellnert bis in den 8. Monat. Das Paar träumt vom Leben als kleine Familie.

Im September 2017 zerplatzt dieser Traum mit einem Satz: "Wir haben kein Zuhause mehr", sagt Smith, als er zwei Tage nach der Geburt ins Krankenhaus kommt. Die letzten Monate hat das Paar bei einem Bekannten gewohnt. 500 Euro im Monat, kein Mietvertrag. Jetzt will der Bekannte die Wohnung zurück, noch heute. Am nächsten Tag hätte Brenner aus der Klinik entlassen werden sollen, hätte Kaya nach Hause gebracht. Doch dieses Zuhause gibt es nicht mehr.

Brenner beginnt zu weinen, klingelt nach der Krankenschwester. Wo soll sie jetzt nur hin? Sie hat einen drei Tage alten Säugling, kein Einkommen, keine Wohnung. Ihre Hebamme findet einen Platz in einer Notunterkunft. Hier leben Geflüchtete und Obdachlose, und nun auch Brenner mit ihrer Tochter. Sie lebt von Geld aus einem Spendentopf der Unterkunft, die Anträge beim Amt dauern.

Einige Wochen nach Kayas Geburt kommt eine Nachzahlung: 2000 Euro. Als Erstes geht sie mit ihrem Freund ins Steakhaus. Sie kauft Kleidung für Kaya, für sich, Spielzeug, alles, was vorher nicht ging. Nach zwei Wochen ist das Geld weg. "Ich habe es wie eine Blöde aus dem Fenster geschmissen", sagt Brenner.

Drei Monate wohnen die beiden in der Containerlandschaft, bis eines Morgens eine Kakerlake über Kayas kleinen Körper krabbelt. Brenner will weg. Und bekommt einen Platz in einem Mutter-Kind-Heim. Ein hellblauer Betonklotz, Räume mit Linoleumboden und Deckenplatten, es riecht muffig.

Im Mutter-Kind-Heim hat jede Familie ein eigenes Zimmer. Das Bad und die Küche müssen sich alle teilen.

"Ich habe mich so sehr geschämt", sagt Brenner. Dafür, dass sie es nicht allein schafft. Dafür, wie sie wohnt. Nur ihr Freund weiß das. Nicht mal ihrer Schwester erzählt sie davon.

Jessica Brenner wartet noch auf den Zuschuss für die Wohnungseinrichtung. Deswegen konnte sie bisher keinen Kühlschrank kaufen und muss frische Lebensmittel auf ihrem Balkon lagern.

Es gibt viele Regeln im Heim. Jeden Abend kontrollieren die Betreuer, ob Brenner zu Hause ist, ob das Kind schläft. Sie sagen ihr, wie sie Kaya anziehen und füttern soll. Die Hilfe fühlt sich für sie nach Kontrolle an, immer wieder gerät sie mit den Betreuern aneinander.

Alle zwei Wochen bekommt Brenner Geld vom Mutter-Kind-Heim. Eigentlich zahlen die Betreuer den Betrag für eine Woche aus, aber Brenner will üben, "nicht mehr so verschwenderisch zu sein". Sie weiß: Wenn sie in ihre eigene Wohnung umzieht, wird sie auf sich allein gestellt sein.

Am Tag nach dem Einzug geht sie mit Kaya einkaufen. Eine Gurke, eine Kaki, Fleischwurst, Fruchtzwerge.

Pampers kauft sie auch. "Kaya verträgt nur Markenwindeln", sagt Brenner, von den billigeren bekomme sie Ausschlag. Obwohl die Windeln teuer sind, kauft Brenner sie auf Vorrat. Ihre eigenen Eltern sparten genau daran. Sie sah, wie sich ihre jüngeren Geschwister in die Hose machten oder stundenlang nicht gewickelt wurden. "Das soll Kaya auf keinen Fall passieren." Deswegen wechselt Brenner die Windeln auch dann, wenn sie es eigentlich nicht müsste.

Jessicas monatliche Ansprüche als Alleinerziehende, 1 Kind

Ansprüche aus Hartz IV:
ALG-II-Regelsatz 416 Euro
Sozialgeld für Kaya 240 Euro
Mehrbedarf für Alleinerziehende 150 Euro
Abzüge bei Hartz IV:
Kindergeld -194 Euro
Angerechneter Unterhalt -124 Euro
Hartz-IV-Anspruch: 488 Euro
Weitere Ansprüche:
Kindergeld 194 Euro
Unterhaltsvorschuss 154 Euro
Monatsbudget gesamt: 836 Euro
Stand: Dezember 2018

Manchmal isst Brenner nur einmal am Tag, damit für ihre Tochter genug da ist. Kaya hat Bücher, Bauklötze und einen Lauflernwagen. Brenner singt mit ihr und liest ihr vor. "Sie hat nicht 10.000 Duplo-Steine wie andere Kinder, aber ich hoffe, sie ist glücklich."

Wenn mal etwas mehr Geld da ist, möchte sie mit Kaya in den Zoo, ihr die Affen zeigen. Der Eintritt kostet 20 Euro. Im Moment zu viel. Im neuen Jahr will sich Brenner einen Job suchen. Vielleicht in einer Bäckerei.

Fünf Tage nach dem Einzug kramt Brenner in ihrer Hosentasche, holt zwei Münzen heraus. "70 Cent noch", sagt sie. Das ist alles, was vom Geld aus dem Mutter-Kind-Heim noch übrig ist. Jessica Brenner gilt jetzt als mittellos. Das Jobcenter hat noch drei Wochen Zeit, ihre Anträge zu bearbeiten.

Als Jessica Brenner im Supermarkt an der Weihnachtsabteilung vorbeikommt, bleibt sie kurz stehen. "Morgen ist ja Nikolaus", murmelt sie, dann geht sie weiter. "Aber das weiß Kaya noch nicht. Da muss ich mich nicht ganz so schlecht fühlen."

Für die kleine Familie ist es das erste Weihnachtsfest in einem richtigen Zuhause. Dieses Jahr wird Jessica Brenner auch ihre Schwester wiedersehen. Aus Scham wollte sie nicht, dass die sie im Mutter-Kind-Heim besucht. Jetzt hat sie eine Wohnung, etwas, worauf sie stolz ist. Sie ist mit einem 15 Monate alten Kleinkind in eine Wohnung ohne Herd und Kühlschrank gezogen, bei einem Kontostand von minus 8,67 Euro. Für Jessica Brenner fühlt sich das an wie ein Sieg.

*Alle Namen im Text wurden verändert.