Atomlobby "Die Kernkraft wird in Deutschland wohl nie geliebt"

Frankreich, Schweden, Indien: Die Kernkraft steht weltweit vor einem Comeback. SPIEGEL ONLINE sprach mit Deutschlands oberstem Atom-Lobbyisten Walter Hohlefelder über Strahlenmüll, das Risiko eines Super-GAUs - und die Hoffnung der Branche auf einen schwarz-gelben Wahlsieg.


SPIEGEL ONLINE: Herr Hohlefelder, dürfen wir Sie als Atom-Lobbyisten bezeichnen?

Hohlefelder: Wenn Sie wollen. Ich setze mich für die Atomenergie ein. Aber ich bin kein Atomfetischist.

SPIEGEL ONLINE: Früher hätten Sie das Wort "Atom" nicht in den Mund genommen. Die Branche sprach lieber von "Kernkraft".

Hohlefelder: Wir müssen aus den ideologischen Schützengräben raus. Ich habe kein Problem, wenn jemand "AKW" sagt statt "KKW".

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach PR-Offensive. Neuerdings feiern Sie sich sogar als Klimaschützer.

Hohlefelder: Weltweit sparen Atomkraftwerke 2,4 Milliarden Tonnen CO2 ein. Ich finde, das dürfen wir auch sagen.

SPIEGEL ONLINE: CO2 ist das eine, aber es gibt noch den Atommüll. Und der ist alles andere als umweltfreundlich.

Hohlefelder: Das hat Müll grundsätzlich an sich. Auch Chemieabfälle sind nicht umweltfreundlich. Das gleiche gilt für CO2 aus Kohlekraftwerken.

SPIEGEL ONLINE: Sie vergleichen Atommüll ernsthaft mit CO2?

Hohlefelder: CO2 vergeht nicht von selbst. Einmal produziert, ist es in der Atmosphäre. Ich will aber nicht drum herum reden: Bei der Kernenergie fällt in der Tat Atommüll an. Nur muss man hinzufügen, dass das Problem technisch lösbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn? Nach Jahrzehnten gibt es immer noch kein Endlager.

Hohlefelder: Wir haben den Schacht Konrad für schwach- und mittelaktive Abfälle. Die Anlage wird 2013 oder 2014 in Betrieb gehen. Beim Endlager für hochaktive Abfälle - Stichwort Erkundung Gorleben - ist die Frage tatsächlich noch offen. Das ist aber ein politisches und kein technisches Problem.

SPIEGEL ONLINE: Atommüll strahlt bis zu hunderttausend Jahre - in dieser Zeit kann extrem viel passieren.

Hohlefelder: Ein Endlager in tiefen geologischen Formationen wäre von der Biosphäre sicher abgeschlossen. Ein Salzstock wie Gorleben ist rund hundert Millionen Jahre alt - der hat sich die ganze Zeit nicht bewegt. Außerdem hat Salz die Eigenschaft der Konvergenz: Wenn wir die Abfälle in einen Hohlraum schaffen, verschließt das Salz alles von selbst.

SPIEGEL ONLINE: Geologisch mögen Sie recht haben, aber was ist mit politischen Risiken? Die alten Römer wussten auch nicht, was heute los sein würde - und da geht es nur um 2000 Jahre Abstand.

Hohlefelder: Ich gehe davon aus, dass die Zivilisation in 2000 Jahren wesentlich weiter ist als wir heute. Niemand wird einen verschlossenen Salzstock - sozusagen aus Versehen - anbohren.

SPIEGEL ONLINE: Wer trägt die Kosten, wenn in 2000 Jahren doch einmal Radioaktivität austritt?

Hohlefelder: Finanzielle Absicherungen über Tausende von Jahren sind praktisch nicht möglich. Wer weiß, ob es Deutschland dann noch gibt? Mich stört an der Debatte, dass man sich oft mehr Gedanken über Generationen in fernster Zukunft macht, als über den Schutz unserer nächsten Generation.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das?

Hohlefelder: Wir müssen das Problem jetzt lösen, weil wir es lösen können. Das ist völlig unabhängig davon, ob wir unsere Kernkraftwerke länger betreiben oder nicht. Einfach deshalb, weil die radioaktiven Abfälle, übrigens auch aus Medizin und Forschung, da sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Branche hat viel Vertrauen verloren, seit die Pannen im Schacht Asse bekannt wurden.

Hohlefelder: Die Asse, ein staatliches Forschungsprojekt, ist ein ehemaliges Bergwerk mit zahlreichen Stollen - kein Vergleich zu einem ungenutzten Salzstock. Gorleben ist jungfräulich oder "unverritzt", wie die Bergleute sagen. Es gibt keinen Wasserzufluss.

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Seite 1
Serrax 26.03.2009
1.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Nein - wir produzieren noch immer gut 2/3 unseres Stroms aus fossilen Energiequellen (Steinkohle, Braunkohle, Erdgas). Diese werden immer teurer - da helfen 20% Atomstrom gar nichts. Der Atomausstieg sollte wie geplant fortgesetzt werden und vor allem die ältesten und unsichersten AKW vom Netz gehen.
Oggy, 26.03.2009
2.
Weshalb sollte der Strom dadurch billiger werden? Doch nicht etwa weil sich die Kosten für Entwicklung, Bau etc amortisiert haben?! Der Kunde bezahlt doch jetzt schon den hohen Preis für Strom und die verschiedenen Steuern auch. Wobei, dann könnten ja die Steuern fürs EEG und KWKG wegfallen...ach was, den fällt bestimmt noch was neues ein. Vielleicht eine Strahlenschutzsteuer oder eine Leukämieabgabe. Einzig und allein den großen Energiekonzernen und ihren geldgierigen Aktionären kommt eine verlängerte Laufzeit zu Gute. Warum teuer Planen wenn man billig bauen kann.
Fackus, 26.03.2009
3. blöde Frage .... billiger....
es darf doch nicht um billig oder weniger billig gehen bei der Energieerzeugung. Sondern nur darum, daß es auch ökologisch sinnvoll ist. Und da sind KKWs heute eben die beste Lösung. Nur in Deutschland wird das nicht erkannt. Schande für ein angebliches 'Hochtechnologieland'. Der deutsche Michel - der ewige Penner.
kdshp 26.03.2009
4.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Hallo, was hat der strompreis mit atomkraft zu tuen ? Und wenn wir in D 100000 atomkraftwerke hätten würden wir immer mehr zahlen müssen weil der preis für den strom an der stromBÖRSE gemacht wird.
GrafZahl 26.03.2009
5.
Zitat von sysopUnion und FDP fordern längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke. Kann Strom so wieder billiger werden? Oder sind die Risiken zu groß?
Das wurde hier endlos totdiskutiert, mit immer denselben Argumenten. Fest steht: wer bei der Bundestagswahl CDU/CSU oder FDP wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die auch in Deutschland neue AKWs bauen wollen. Wer SPD wählt, wählt Atomkraftbefürworter, die dasselbe tun würden, aber dabei ein schlechtes Gewissen hätten.
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