Britische Geschäftsidee: Mächtige Söldnerflotte soll Piraten abschrecken

Von Niklas Wirminghaus

Eine britische Firma will Handelsschiffe mit einer privaten Kriegsflotte vor Angriffen auf See schützen. Hinter dem Projekt steht ein ehemaliger Fremdenlegionär, der zu einem der mächtigsten Rohstoffhändler der Welt aufgestiegen ist.

Somalische Piraten vor Fregatte "Rheinland-Pfalz": Übermacht soll Angreifer abschrecken Zur Großansicht
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Somalische Piraten vor Fregatte "Rheinland-Pfalz": Übermacht soll Angreifer abschrecken

Hamburg - Für sein neuestes Unternehmen hat Anthony Sharp einen martialischen Namen gewählt: Typhon, nach der monströsen griechischen Sagengestalt mit hundert Schlangenköpfen, die sich einen langen und grausamen Kampf mit Göttervater Zeus liefert.

Wenn alles nach Sharps Plan läuft, dann wird die Firma des britischen Investors in keinerlei Kampfhandlungen verwickelt werden. Und das, obwohl seine Geschäftsidee im Aufbau einer privaten Kriegsflotte besteht. Sie soll Handelsschiffe begleiten, vor Piratenangriffen beschützen - und durch ihre schiere Übermacht mögliche Angreifer abschrecken.

Das Besondere: Die Flotte ist zu 100 Prozent privat, kein Staat mischt in dem Geschäft mit. Von Dubai aus will Typhon das Geschäft mit der maritimen Sicherheit aufrollen. Noch gibt sich die Firma geheimnisvoll, auf ihrer Website steht nicht mehr als eine E-Mail-Adresse. Doch bereits Anfang April sollen die ersten beiden Schiffe in See stechen.

Hinter der Idee stehen zwei umtriebige Köpfe der internationalen Wirtschaftswelt: Zum einen Geschäftsführer Sharp, der unter anderem mit dem Onlinereisebüro lastminute.com Geld verdiente. Zum anderen Simon Murray. Der Verwaltungsratschef des Schweizer Rohstoffgiganten Glencore leitet auch den Typhon-Verwaltungsrat. Murray markiert gern den harten Hund. Er diente als Fremdenlegionär im Algerienkrieg und marschierte noch im Alter von 65 Jahren 1200 Kilometer durch die Antarktis bis zum Südpol. Er soll Typhon Kontakte und Kunden verschaffen, schließlich hat er 45 Jahre lang in Asien gelebt und ist dort bestens vernetzt.

Für das militärische Know-how sollen eine Reihe ausgedienter Militärgrößen aus Großbritannien und den USA sorgen. Auch der ehemalige britische Armeechef Lord Richard Dannatt sitzt im Verwaltungsrat. In einem Werbevideo flötet er: "Als ich zum ersten Mal Anthony Sharp traf, war ich von seinen Werten und seinen Plänen überzeugt." Es sei "ein interessantes Projekt, eine private Flotte zu schaffen".

Schon heute nehmen viele Handelsschiffe eine Handvoll bewaffneter Sicherheitskräfte an Bord, bevor sie gefährliche Gewässer wie den Golf von Aden durchqueren. Typhon bietet dagegen eine große, aufgerüstete Lösung an: Die Handelsschiffe formieren sich zu einem Konvoi, der von der Kriegsflotte anschließend eskortiert wird. Den Geleitschutz geben ein umgebautes Containerschiff als Mutterschiff, dazu vier kleinere Schnellboote und Drohnen zur Überwachung der Umgebung. 60 Söldner, zumeist ehemalige britische Soldaten, zählen zur Besatzung der Privat-Armada. Sie sind mit halbautomatischen Waffen und Scharfschützengewehren bewaffnet.

Der Escort-Service, gibt Sharp im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zu, werde "ein klein wenig teurer" sein als die Standardlösung mit Wachen an Bord. Schon die kann einen Reeder für eine zehntägige Passage nach Branchenangaben gut 100.000 Dollar kosten. Sharp selbst will keine genauen Zahlen nennen. Trotzdem glaubt er, dass sich der Dienst für Reeder rentiert:

  • Die Schiffe müssten keine teuren Umwege mehr fahren, um Wachen an Bord zu nehmen.
  • Weil Angriffe auf ein Schiff unwahrscheinlich würden, müssten die Frachter Piratengewässer nicht mehr mit hoher Geschwindigkeit durchqueren. Das spart Treibstoff.
  • Entführungen von Besatzungen würden vermieden, die Reeder müssten kein Lösegeld zahlen.
  • Vor allem aber könnten die Reeder von geringeren Versicherungsprämien profitieren.

Dass Versicherungen die zusätzliche Sicherheit honorieren, glauben auch Experten. "Bei erfolgreicher Risikominimierung sinken die Prämien signifikant", bestätigt Peter Bensmann, Geschäftsführer des Schiffsversicherers Hansekuranz Kontor in Münster. Aber muss es gleich eine ganze Kriegsflotte sein? "Ich weiß nicht, ob das wirklich sinnvoll und umsetzbar ist", sagt Bensmann. Auch Daniel Hosseus vom Verband deutscher Reeder findet: "Das hört sich sehr aufwendig an." Die bisher vorhandenen Schutzteams hätten sich als ausreichend erwiesen - auch wenn sie nur eine Notlösung seien: "Eigentlich brauchen wir mehr hoheitlichen Schutz."

Diesen Schutz bieten vor dem Horn von Afrika Marineverbände aus mehreren Nationen, unter anderem mit der EU-Operation "Atalanta". Diese Einsätze und die zusätzlichen Schutzmaßnahmen an Bord der Schiffe zeigen Wirkung: Die Zahl der Angriffe in der Region sinkt. Die EU-Mission "Atalanta" zählte 2012 nur 30 versuchte Angriffe, im Jahr zuvor waren es noch 151. Doch absolute Sicherheit können die staatlichen Missionen nicht bieten - dafür ist das gefährdete Gebiet zu groß. Zudem weichen die Piraten aus, sie greifen mittlerweile im gesamten Indischen Ozean und vermehrt auch vor Westafrika an.

Dort, im Golf von Guinea, soll die erste Typhon-Flotte in See stechen, zeitgleich mit einer zweiten im Golf von Aden. Bis Jahresende will Geschäftsführer Sharp sechs Mutterschiffe in Betrieb haben. Dafür muss er aber erst einmal Kunden gewinnen. Noch ist kein einziger Vertrag unterzeichnet, gibt Sharp zu. Dafür haben aber zwei asiatische Schifffahrtsunternehmen in Typhon investiert, 15 Millionen Dollar hat die Firma eingesammelt.

Ebenfalls noch ungeklärt ist, unter welcher Flagge die Typhon-Schiffe unterwegs sein werden - und damit, welche Rechtsordnung auf den Booten gelten wird. Vier Staaten hätten sich dafür angeboten, sagt Sharp. Welche das sind, will er nicht verraten.

Glencore, der Rohstoffgigant von Ex-Fremdenlegionär Simon Murray, hat bisher kein Geld in das Unternehmen gesteckt. Aber Sharp hat fest vor, den Schweizer Konzern als Kunden zu gewinnen. Damit wäre Typhons Zukunft vorerst gesichert: Glencore ist schon jetzt der weltweit größte Charterer von Frachtschiffen - und wird nach der Übernahme des Bergbaukonzerns Xstrata noch gewaltiger sein.

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